Awacs-Maschinen: In der Luft ein Gefühl vom Kalten Krieg

Von: Anja Clemens-Smicek
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Eine Awacs: Auge und Ohr für die Piloten. Foto: PAO-GK
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Vorbereitung zum Start: Akribisch gehen die Awacs-Piloten ihre Checklisten durch. Die Sicherheit, so sagt Eros M. (li.), gehe absolut vor. Foto: Anja Clemens Smicek
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Volle Konzentration bei den sogenannten Taktischen Einsatzleitern an Bord: Den Nato-Soldaten entgeht keine Maschine, die in den Luftraum des Militärbündnisses einzudringen droht. Innerhalb weniger Sekunden können sie eine Bodenstation alarmieren, innerhalb von zwei Minuten können Abfangjäger in der Luft sein. Foto: Anja Clemens Smicek

Geilenkirchen. Der Job könnte so ruhig sein. Einer blättert in einer Dienstvorschrift, während sich ein anderer in der Bordküche ein „Flightmeal", eine Portion Spaghetti Bolognese, warm macht. Der Job könnte tatsächlich ruhig sein, wenn nicht in diesem Moment deutlich mehr Aktivitäten in der russischen Enklave Kaliningrad zu verzeichnen wären. Alltag an Bord einer Awacs, einer Aufklärungsmaschine der Nato.

Sobald sich die Nato-E-3A-Awacs im polnischen Luftraum dem Territorium des Nato-Mitglieds Litauen nähert, werden die russischen und oft auch die weißrussischen Luftstreitkräfte aktiv und schalten ihr Radar ein – unmissverständliches Signal der Gefechtsbereitschaft, das die Awacs-Besatzung allzu deutlich auf ihren Bildschirmen wahrnimmt.

27 Soldaten aus acht Nato-Staaten überwachen an diesem Dezembertag an vorderster Front den Luftraum an der östlichen Grenze des Bündnisses und observieren jede noch so kleine militärische Bewegung der russischen Luftwaffe. Der Kalte Krieg lässt grüßen.

Um sieben Uhr hat der Tag für die Mitglieder des E-3A-Verbandes auf dem Nato-Flugplatz in Geilenkirchen begonnen. Besprechung der Mission, Abruf aktueller Wetterdaten. Wenige hundert Meter entfernt steht die Awacs, deren Abkürzung für „Airborne Warning and Control System“ (luftgestütztes Frühwarn- und Kontrollsystem) steht.

Ein fliegender Tower

Zu Recht vergleicht die Nato die entkernte und mit Überwachungstechnik vollgepackte Boeing 707 mit einem „fliegenden Tower“, dessen neun Meter breiter Radarteller auf dem Rumpf alles im Umkreis von mehr als 400 Kilometern erfasst. „Das Radar eines normalen Towers reicht ungefähr ein Viertel so weit“, beschreibt Nato-Presseoffizier Major Johannes Glowka die Vorzüge einer Awacs und fügt hinzu: „Von jedem und besonders von denen, die uns nicht so wohlgesonnen sind, sehen wir in der Luft und auf See nahezu alles.“

An diesem Tag lautet der Auftrag: Trainingsmission über den britischen Inseln, später Luftraumüberwachung über Polen. „Wir brauchen kontinuierliche Trainingsmöglichkeiten, um für jeden Fall gerüstet zu sein“, begründet der Major die geplante Teilnahme an einer Luftkampfübung.

Bei Luftoperationen sei der Verband Auge und Ohr für die Piloten der Nato-Kampfjets. Glowka: „Die Awacs versorgt die Jagdflugzeuge mit einem 360-Grad-Radarbild, das sie selbst nicht leisten können, denn ihre Abdeckung umfasst maximal ein Drittel." Aber die Awacs kann mehr. „Sie ist auch das Gehirn von Luftoperationen, eine fliegende Kommandostation." Doch alle Technik könne die Erfahrung der Crew nicht ersetzen. „Mensch und Maschine gehen eine unschätzbare Beziehung ein", schwärmt Glowka.

An diesem Morgen aber ist die Beziehung empfindlich gestört. Ein Ausfall der Kommunikation im Cockpit verhindert die minuziös geplante Operation. Techniker kommen an Bord, bauen neue Teile ein, testen die Funktionen. So lange, bis Pilot Eros M. zufrieden ist und das Zeichen zum Take-off gibt. „Die Sicherheit geht bei uns absolut vor“, sagt der Italiener.

Der Einsatz geht vor

Schwerfällig schleppt sich die 707 in den Himmel, die sieben Tanks gefüllt mit rund 65.000 Liter Kerosin. So viel ist nötig, um gut zehn Stunden in der Luft bleiben zu können. Routiniert berechnet der Navigator Flugroute und Zeit bis zur Ankunft über den britischen Inseln, doch Eros M. winkt ab. „Zu spät“, sagt er und gibt früher als geplant das Flugziel Polen aus. Der Einsatz im Osten geht vor, die Kampfjets der Nato müssen ihre Luftkämpfe ohne Unterstützung aus Geilenkirchen trainieren.

Seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise im März 2014 hat sich die Sicherheitslage an den östlichen Grenzen dramatisch verschlechtert, ist unisono die Meinung an Bord. „Die Ukraine-Krise ist wie ein Brandbeschleuniger in der Region“, ergänzt ein Crewmitglied. Ein außenpolitisches Muskelspiel der Russen, um von den innenpolitischen Problemen abzulenken.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte im Sommer von „ungeahnten Sicherheitsrisiken“ für die Nationen gesprochen und von nötigen Entscheidungen, um „unsere Abschreckung und unsere Verteidigung zu stärken“. Was diese Worte bedeuten, erlebt die Awacs-Besatzung Tag für Tag: Sie unterstützt die internationale Koalition im Kampf gegen die Terrormiliz IS.

Oder sie sichert eben jene östlichen Nato-Grenzen, weil sich die dortigen Partner durch die Annexion der Krim von Russland massiv militärisch bedroht fühlen. Vor allem Polen drängte vehement auf zusätzliche Nato-Truppen im Osten. Militärs sprechen von der größten Aufrüstung der Allianz seit dem Ende des Kalten Krieges.

Kalter Krieg? „Das, was wir hier oben erleben, ist in vieler Hinsicht nichts anderes“, betont ein niederländischer Soldat. „Ich bin immer etwas verwundert, wenn jemand sagt, wir erschrecken mit unseren Operationen die Russen. Umgekehrt trifft es die Situation besser“, sagt Major Glowka. Der Taktische Einsatzleiter des Fluges, Major L., zeigt anhand seiner Bedienkonsole, was der Deutsche meint.

Kleine rote Symbole auf dem Territorium Russlands und Weißrusslands, die wie Häuser auf einem Monopoly-Brett erscheinen, flimmern über den Bildschirm. „Das sind Flugabwehrstellungen. Vor allem in Kaliningrad sind die aufgebaut“, erklärt der Major der US-Armee die Zeichen. Kaum haben die Bodenstationen die Awacs mit ihrem Radar erfasst, machen sie klar: „Wir haben euch im Visier.“ Zur Untermauerung dieser Drohung schickt Russland mit Vorliebe Flugzeuge seiner Luftwaffe los.

Während sich die Awacs nur im Nato-Luftraum aufhält und den Russen anzeigt: „Wir sind defensiv, aber wir sehen euch“, lotet der Gegner seine Grenzen neu aus. So verweist L. auf Zwischenfälle mit russischen Maschinen, die ohne Transponder, also ohne Erkennung, fliegen. L. gehörte einst zu einer Vorhut der US-Armee im Irakkrieg und half bei der Rettung eingeschlossener Soldaten.

Drohgebärden machen ihm keine Angst. Er sagt aber: „Das ist nicht nur eine starke militärische Provokation, das ist vor allem eine große Gefahr für die zivile Luftfahrt.“ Menschenleben würden gefährdet, denn der Pilot einer zivilen Maschine könne nicht erkennen, wer sich nähert. Sagt es und klickt mit seiner Maus mehrere Punkte an, hinter denen sich Airlines, Flugnummern und Routen der Maschinen am Himmel verbergen.

Die Awacs-Besatzung lege es nicht auf Provokationen an, bekräftigt auch Major Glowka. Weniger gefährlich ist es deshalb nicht. An Bord herrscht konzentrierte Ruhe. Wo in einer zivilen Boeing Sitzreihen aufeinander folgen, sind in der Awacs Monitore aufgebaut, vor denen Radarflugmelder, Systemtechniker, Luftlageoffiziere und andere Spezialisten sitzen, Daten auswerten und an die Bodenstationen weitergeben.

Angst oder Respekt?

„Wir sind ideal für die Schließung von Radarlücken“, beschreibt Glowka die Arbeit. Nur eine Awacs könne Ziele in der Luft von Bodenechos unterscheiden und Frühwarninformationen über sehr tief fliegende Maschinen liefern. Jagdbomber nutzten oft tiefe Täler und Schluchten, wie sie in Norwegen vorkommen, um unentdeckt zu bleiben. Glowka: „Wir schauen natürlich, wo russische oder weißrussische Jagdbomber oder Jäger unterwegs sind und spüren sie auf.“ Im Ernstfall dauere es nur wenige Sekunden, um einen Alarm an eine Nato-Bodenstation weiterzugeben, wenn sie den Nato-Grenzen zu nahe kommen. „In weniger als acht Minuten sind dann Abfangjäger in der Luft.“

Ist Angst ein ständiger Begleiter? „Nein“, sagt Jürgen W., Stabsfeldwebel aus Aachen. „Aber wenn man keinen Respekt vor der Aufgabe hat, ist das nicht gut.“ Seit 1988 ist W. in dem Nato-Verband. Mehr als 8670 Flugstunden hat der Ausbilder und Operator im Radarführungsdienst bereits absolviert. „Das ist so, als wäre ich fast ein Jahr lang ununterbrochen in der Luft gewesen.“ Kaum ein Einsatzgebiet, das er nicht kennt. Er war in Afghanistan, im Irak, im Kosovo, jetzt überwacht er den Luftraum im Mittelmeer oder über Osteuropa.

Abflug und Landung – besonders in Krisenregionen – seien stets die gefährlichsten Momente. „Die Awacs bietet ein riesiges Ziel“, erklärt W.. Seinen Verband beschreibt er als eine „Art Haftpflichtversicherung“. „Wir fliegen zum Beispiel die ganze Adria in vier Stunden ab und identifizieren alles, was sich auf dem Meer bewegt.“ Manchmal orte die Awacs auch Schiffe in Seenot. „Vor einiger Zeit haben wir einen havarierten Fischkutter entdeckt und Hilfe geschickt.“ Ein italienischer Soldat ergänzt: „Wir haben mit den Awacs viele Möglichkeiten des Einsatzes, aber der politische Wille muss vorhanden sein.“

„Als 1995 ein Pilot der US-Armee im Bosnien-Krieg abgeschossen wurde, konnten wir sein Notsignal bis auf zehn Meter genau lokalisieren und den Rettungshubschrauber entsprechend lotsen“, erinnert sich W.. Auch in Afghanistan hätten durch den Einsatz der Awacs zahlreiche Menschenleben gerettet werden können. Wegen seiner vielen Auslandseinsätze hat der Aachener die Geburt eines seiner Kinder verpasst. Doch er bereut nichts. „Ich bin von jedem Einsatz verändert nach Hause gekommen. Ich weiß, wie gut es uns geht.“ Vor allem mache die Arbeit in einer multinationalen Truppe jeden Tag aufs Neue Spaß.

Sorge bereitet den Soldaten die Verteidigungspolitik vieler Staaten. „Man kann nicht immer weniger Geld in den Verteidigungsetat stecken, die Armeen verkleinern und gleichzeitig immer häufiger nach uns rufen. Das passt nicht zusammen“, lautet die einhellige Meinung. Allein in den letzten Jahren habe die Welt mit der Ukraine-Krise und dem Krieg in Syrien zwei große Konflikte hinzubekommen. „Dieser Situation müssen wir Rechnung tragen.“

Kein Wort verliert die Crew über eine neue Bedrohung, die Ulrich Kühn vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Uni Hamburg schon vor einem Jahr als „wahres Höllensystem“ bezeichnete. Damals hatte Kremlchef Wladimir Putin gerade angekündigt, das sogenannte S-400-Luftabwehrsystem in Syrien stationieren zu wollen. Über dessen Effizienz sagte Kühn: „Egal, ob Kampfflugzeuge, Jagdbomber, Tarnkappenbomber, unbemannte Flugobjekte, hochfliegende Maschinen wie Awacs – es holt alles runter.“

Da gibt es wohl keine Awacs-Besatzung, der nicht mulmig wird, wenn ein roter Kreis in den Radargeräten anzeigt, dass der Gegner sie ins Visier genommen hat.

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