Gangelt - Autorin Nuran Joerißen: 180 Seiten gegen das Vergessen des Genozids

Autorin Nuran Joerißen: 180 Seiten gegen das Vergessen des Genozids

Von: Jan Mönch
Letzte Aktualisierung:
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Die Autorin Nuran Joerißen in ihrem Haus in Gangelt-Kreuzrath.

Gangelt. Ihr Bruder Can, 16 Jahre alt, ist schwul, Selma ist sich da sicher, und ihre Eltern wird diese Erkenntnis aus der Bahn werfen, auch da ist sie sich sicher. Selma treibt die Frage um, wieso dies so ist. Wieso es falsch sein soll, homosexuell zu sein.

Und wie sie das, was sie herausgefunden hat, ihren Eltern am schonendsten beibringen sollte.

Selma ist die Hauptfigur aus Nuran Joerißens Buch  „Das Schweigen im Koffer“.Es ist das zweite Buch, das die selbst aus der Türkei stammende Gangelterin Nuran Joerißen geschrieben hat. Anders als ihr Debüt „Süßer Tee“, in dem sie ihre eigene Zwangsverheiratung schilderte, ist „Das Schweigen im Koffer“ nicht im engeren Sinne autobiografisch. Und dieses Mal setzt sie sich neben der türkischen Kultur auch mit der türkischen Geschichte auseinander – und berührt dabei auch und gerade deren wunde Punkte.

Die geringe Akzeptanz gegenüber Homosexuellen ist in „Das Schweigen im Koffer“ das eine, jedoch bezieht der Titel sich auch auf den Völkermord an den Armeniern 1915, der von weiten Teilen der Türken bis heute geleugnet und von der Regierung zumindest nicht explizit als Völkermord bezeichnet wird.

Denn bald findet Selma heraus, dass auch ihr Vater, Kadir heißt er, Dinge mit sich herumschleppt, die er nie ausgesprochen und nie aufgearbeitet hat: In jungen Jahren verliebte er sich in ein Mädchen mit armenischen Wurzeln. Er weiß also, was es heißt, nicht auf sein Herz hören zu dürfen. Selma beginnt in der Geschichte ihres Vaters zu graben.

Aufgrund der Sensibilität des Themas innerhalb der türkischen Gemeinschaft wird sich Joerißen auch dieses Mal nicht nur Freunde machen. Sie kennt das schon. Nachdem die Organisatoren einer Buchmesse in der Türkei erfahren hatten, worum es in „Süßer Tee“ geht, wurde sie freundlich wieder ausgeladen, ihr Flug storniert.

Trotz dieser Erfahrung wünscht Joerißen sich, dass gerade Türken beziehungsweise Deutschtürken ihr Buch lesen. Es ist ihr eigener, ganz persönlicher Beitrag gegen das Schweigen, 180 Seiten stark. Erschienen ist „Das Schweigen im Koffer“ allerdings nur auf Deutsch, ihr eigenes Türkisch sei nicht gut genug – Joerißen kam als Zweijährige nach Deutschland, wuchs in deutschsprachiger Umgebung auf, besuchte deutsche Schulen.

In Deutschland habe man die Gräueltaten der Nationalsozialisten vorbildlich aufgearbeitet, es sei richtig, dass der Holocaust bis heute im Unterricht behandelt wird. „Dabei soll die heutige Generation an Schülern sich natürlich nicht schuldig fühlen müssen. Sie sollte eine gesunde Distanz zum Geschehenen haben, doch ohne es zu vergessen.“ Im Land ihrer Eltern hingegen habe eine Aufarbeitung der Verbrechen von 1915 nie stattgefunden.

Das sei fatal, denn: „Wenn man Geschehenes nicht aufarbeitet, kommen die Dämonen der Vergangenheit irgendwann zurück“, glaubt Joerißen. „So ergeht es Menschen, und genauso ergeht es auch einem Volk.“

Die kommenden Generationen trügen die Hypothek. Deshalb habe sie „Das Schweigen im Koffer“ vor allen Dingen für ihre beiden Söhne geschrieben.

Vor einigen Jahren reiste Joerißen in die Türkei und interviewte dort uralte Dorfbewohner, die berichteten, wo die Armenier ermordet worden waren. Sie habe auch zu recherchieren versucht, ob ihre eigenen Vorfahren eine Rolle bei der massenhaften Verschleppung und Ermordung gespielt haben könnten, sei jedoch zu keinem Ergebnis gekommen, weder einem guten noch einem schlechten.

In ihrer eigenen Familie ließ der Koffer sich nicht mehr öffnen.

 

„Das Schweigen im Koffer“ von Nuran Joerißen ist als Taschenbuch erschienen beim Engelsdorfer Verlag Leipzig und kostet 11,80 Euro. ISBN 978-3-95744-915-3.

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