Übach-Palenberg - Auslandsjahr in Ghana: Frische Mangos und neue Erfahrungen

Auslandsjahr in Ghana: Frische Mangos und neue Erfahrungen

Von: Annika Wunsch
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Das Impfbuch voll, die Vorfreude groß: Isabelle Illig aus Übach-Palenberg hat eine spannende Zeit vor sich. Foto: Annika Wunsch
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Wenn es nach dem Reisepass geht, steht der Ausreise nichts mehr im Weg, denn das Visum ist da. Trotzdem sammeln sich auf Isabelle Illigs Schreibtisch Informationen über Ghana und die nötigen Vorbereitungen.

Übach-Palenberg. „Klar, dass man nicht die Welt retten kann, aber man kann ja schon mal anfangen, etwas zu tun.“ Die Abiturientin Isabelle Illig hat sich große Ziele für das nächste Jahr gesetzt. Bevor sie ein Studium oder eine Ausbildung beginnt, nimmt sich die 18-Jährige eine Auszeit.

Doch während andere als Au-Pair in die Vereinigten Staaten gehen oder zum Work und Travel nach Australien, will Illig den totalen Kulturschock: Sie wird zwölf Monate in einem Armenviertel in Ghana leben, an der Westküste Afrikas und in der Nähe des Äquators.

Dass sie nach dem Abitur erstmal weggehen möchte, stand schon lange fest. Das wussten auch Familie und Freunde. Doch als es dann Ghana in Afrika wurde, waren doch viele überrascht. „Warum denn direkt Afrika?“ Diese Frage habe sie oft gehört. Meistens folgten dieser Frage dann Warnungen vor Malaria und Kriminalität. Von denen ließ Illig sich nicht abschrecken – die Entscheidung für Afrika stand fest: „Ich wollte etwas ganz anderes erleben. Die USA wären zum Beispiel auch weit weg gewesen, aber unserem Lebensstandard zu ähnlich. Ghana ist ganz etwas anderes.“

Im September vergangenen Jahres lernte sie dann auf einer Informationsveranstaltung in Aachen ihr Projekt kennen: Die deutsche Organisation „Aktion Lichtblicke Ghana“ und das ortsansässige Partnerprojekt „Rays of Hope Centre“.

Bereits im Oktober 2016 schickte Illig ihre Bewerbung ab und wurde im Januar dieses Jahres zu einem Auswahlwochenende eingeladen: Sie war eine der sechs Kandidaten, die für die vier Plätze in Erwägung gezogen wurden. Doch nach den Gesprächen habe sie erstmal überhaupt kein gutes Gefühl gehabt, erzählt sie. Umso überraschender sei dann die Zusage wenige Wochen später gekommen, während des Biologieunterrichts, der durch den Jubel gestört wurde.

Der Einsatzort der Freiwilligen in Ghana besteht aus zwei verschiedenen Häusern: Das erste heißt „First Contact Place“ und steht mitten in der Stadt Ashaiman. Als erste Anlaufstelle bekommen die Straßenkinder dort in kleinen Klassen Unterricht, um auf die richtige Schule vorbereitet zu werden. Wie die anderen Freiwilligen wird Illig die Kinder und Jugendlichen unterrichten und in der Freizeit mit ihnen spielen. Das Hauptziel der Arbeit ist, dass die Kinder von der Straße wegkommen und langsam den Weg in die Schule finden. Nach einem Jahr und einer bestandenen Prüfung können sie dann in eine öffentliche Schule, „Aktion Lichtblicke“ übernimmt die Schulkosten.

Abwechselnd ist immer eine der vier Freiwilligen im anderen Haus, dem sogenannten „WEM-Zuhause“ in Ayikuma, einer ländlichen Region. Die Kinder leben dort und besuchen die örtliche Schule. Zur finanziellen Unterstützung des Projekts gehört zum Gelände eine eigene Mango-Plantage. Bei der Pflege und Ernte helfen die Kinder. Damit sollen sie lernen, einer geregelten Tätigkeit nachzugehen, erklärt Illig. Aber auch sie wird dort helfen und „in dem Jahr sehr viele Mangos essen“, freut sie sich schon, denn dort schmeckten sie viel besser als die, die man hier kaufen kann, heißt es.

Die Früchte in Ghana mögen besser sein, auf den gewohnten Lebensstandard wird die 18-Jährige verzichten müssen. Mit ihren drei Mitfreiwilligen bewohnt sie ein kleines Haus im Slum. Auch wenn es mit dem Nötigsten ausgestattet ist – es ist kein Vergleich zu Deutschland: Im besten Fall werden sie zwölf Stunden Strom am Tag haben. Und auch eine Internetverbindung nach Deutschland wird selten sein. Auf regelmäßiges problemloses Skypen mit Familien und Freunden stellt sich Illig nicht ein. Aber gerade von diesen Erfahrungen verspricht sie sich viel: Sie will erfahren, „dass man auch mit wenig leben kann“.

Trotz der schlechten Internetverbindung haben sich die vier Abiturientinnen vorgenommen, über einen Blog Familie, Freunde und alle anderen Interessierte auf dem Laufenden zu halten. Ein Name für den Blog ist schon gefunden („Ghana girls“) und eine Internetseite erstellt worden (https://ghanagirls1718.wordpress.com).

Auch ihrer Freizeit wird sie anders verbringen; die gleichen Angebote wie in Deutschland gibt es nicht. Trotzdem haben die vier jungen Frauen Pläne gemacht: An den Wochenenden wollen sie an den Strand fahren oder andere Freiwillige in Ghana besuchen. Einen besonderen Geheimtipp hat Isabelle Illig von einem ehemaligen Freiwilligen bekommen: In den traditionellen Stoffläden könne man sich günstig Stoff aussuchen und Kleidungsstücke auf Maß schneidern lassen. Auch die Märkte wolle sie unbedingt besuchen, so Illig. Für solche Situationen wird sie vor Ort sogar eine der ghanaischen Sprache lernen: Twi. Eigentlich komme man mit der offiziellen Amtsprache Englisch in Ghana weit, doch um in die Kultur einzutauchen, sei es gut, eine der Alltagssprachen der Einheimischen zu können, erklärt sie.

Um noch mehr vom Land und dem Kontinent zu erleben, planen die vier Freiwilligen des Projekts schon ihren Reisemonat am Ende des Jahres. Wahrscheinlich reisen sie durch Ghana, aber auch schon der Name Sansibar sei bei den Überlegungen gefallen. Die Augen der 18-Jährigen beginnen zu funkeln: „Wir haben auch mal daran gedacht, eine Dschungeltour zu machen. Es gibt die Möglichkeit, dann dort im Baumhaus zu übernachten.“

Auch wenn die die Abiturientin sehr zuversichtlich auf das kommende Jahr sieht, erwartet sie nicht nur positive Momente: „Wenn ich da ankomme und die ganze Armut sehe, frage ich mich bestimmt, warum ich das überhaupt mache.“ Trotzdem ist sie sich sicher, dass sie im Nachhinein aus diesen Erfahrungen viel mitnehmen werde.

Bei einer Befürchtung kann sie aber Entwarnung geben: Malaria sei nicht so gefährlich, wenn es es rechtzeitig behandelt werde, sondern eher wie eine Grippe. Man müsse bloß aufmerksam sein und bei Fieber lieber einmal zu viel zum Krankenhaus gehen als zu wenig.

Um nicht unvorbereitet mit dem Flugzeug in Ghana zu landen, musste Illig zusammen mit den anderen Freiwilligen des Projekts im vergangenen halben Jahr fünfmal an Vorbereitungsseminaren teilnehmen, zum Teil während der Prüfungsphase für das Abitur. Jeweils für eine Woche sprachen sie anfangs eher über ihre Vorstellungen für das Jahr, später beschäftigten sie sich vor allem mit der Kultur, um den erwarteten Kulturschock etwas abzumildern.

Beim Skypen mit den einheimischen Mitarbeitern vor Ort bekamen Isabelle Illig und ihre Mitfreiwilligen einen ersten Eindruck von der Mentalität der Ghanaer: „Sie sind ausgeflippt, als sie hörten, dass wir kommen, und haben für uns gesungen und getanzt.“ Sie freue sich sehr auf die expressive Lebensfreude und Offenheit der Einheimischen, erzählt sie. Nur bei einem Punkt seien die Ghanaer weniger tolerant: Viele seien sehr religiös. Daher gebe es jeden Sonntag einen oft dreistündigen Gottesdienst, erklärt Illig und fügt schnell hinzu: „Aber nur für uns einmal die Woche, die Ghanaer gehen noch viel öfter in die Kirche.“

Auch wenn die Vorbereitung auf solche Unterschiede in der Kultur ein großer Bestandteil der Seminare war, konnten auch praktische Fragen zu Krankenversicherung, Visum und nötigen Impfungen gestellt werden. Letzteres sei besonders wichtig gewesen; durch die vielen Impfungen fülle sich langsam ihr Impfbuch, erzählt Illig und zählt die Einträge in dem Heft. Elf Spritzen habe sie schon bekommen, um sich gegen sieben Krankheiten zu schützen, unter anderem Gelbfieber, Typhus und Cholera. Nur gegen das Einnehmen einer Malaria-Prophylaxe habe sie sich entschieden. Starke Nebenwirkungen mit Halluzinationen, Albträumen und Wutausbrüchen seien es ihr nicht wert. Lieber schütze sie sich durch lange Kleidung und Moskitonetze über dem Bett.

Für die Zeit danach schwebt Illig im Moment ein Studium der sozialen Arbeit vor. Sie könne sich sehr gut vorstellen später als Sozialarbeiterin zu arbeiten, erzählt sie. Aber um auszuprobieren, ob dies überhaupt zu ihr passe, sei das Auslandsjahr ja da. Auch im Lebenslauf macht sich ein Freiwilligendienst im Ausland gut, und bei der Bewerbung auf einen Studienplatz der sozialen Arbeit erhöhe es die Chancen. Illigs wichtigsten Beweggründe liegen aber woanders: „Ich mache es für mich, um Erfahrungen zu sammeln und um etwas für andere zu machen, weil wir hier so viel Glück haben. Und wenn nicht jetzt, wann dann?“

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