Gangelt - Ausbildung zum Forstwirt: Muskeln und Maschinen

Ausbildung zum Forstwirt: Muskeln und Maschinen

Von: Karl-Heinz Hamacher
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Wo gehobelt wird, fallen Späne. Und wo Florian Wilde die Motorsäge ansetzt, da fliegen sie Foto: Karl-Heinz Hamacher
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Wo gehobelt wird, fallen Späne. Und wo Florian Wilde die Motorsäge ansetzt, da fliegen sie Foto: Karl-Heinz Hamacher

Gangelt. Einen Beruf, bei dem man nicht im Büro sitzen muss, viel an der frischen Luft ist, Muskeln aufbaut und der ganz bestimmt Zukunft hat – da sollte es doch reichlich Bewerber geben. Florian Wilde aus Gangelt ist fast der Einzige aus seiner Region, der eine Ausbildung zum Forstwirt macht.

„Einen kenne ich noch aus Wassenberg. Ansonsten bin ich hier eher ein Exot“, sagt der 22-Jährige und führt das unter anderem darauf zurück, dass der Kreis Heinsberg eine der waldärmsten Regionen in NRW ist. Doch der Wald ist Wildes Arena. Forstwirte erledigen alle zum Erhalt und für die Nutzung des Waldes erforderlichen Aufgaben: Sie legen Kulturflächen an, schützen und pflegen Waldbestände, ernten Holz, sortieren und lagern es.

Realschule Gangelt, dann Fachabitur für Wirtschaft und Verwaltung – das war der schulische Werdegang von Florian Wilde. „Danach stand fest, dass ich nicht ins Büro wollte“, so Wilde, der sich auf das besann, was er schon seit einiger Zeit macht. Im Wildpark Gangelt ist er seit sieben Jahren „Mädchen für alles“ und kennt sich mit vielen der Arbeiten schon gut aus. Um sich seiner Sache sicher zu sein, absolvierte er noch ein freiwilliges ökologisches Jahr beim Naturschutzbund in Nettetal. Draußen arbeiten – das ist sein Ding.

Die erste und einzige Bewerbung ging an RWE, wo 2012 ein Auszubildender als Forstwirt gesucht wurde. Gegen rund 20 andere Bewerber setzte der Gangelter sich durch und lernte, dass der Tagebau Hambach nicht nur ein großes Loch ist. Das Abholzen von Flächen, die dann abgebaggert werden, das Rekultivieren und Aufforsten sind untrennbar mit diesem Projekt verbunden. Im ersten Lehrjahr waren es 14 Schüler aus ganz NRW, die sich zweimal die Woche in Düsseldorf zur Berufsschule trafen. Das hat sich jetzt im zweiten Lehrjahr auf einen Tag Schule in der Woche reduziert. Ab und an geht’s zu überbetrieblichen Lehrgängen an die Waldarbeiterschule nach Arnsberg.

Wildes erste Tätigkeit am ersten Arbeitstag in Hambach war der Zaunbau. Schon dabei erfuhr er, dass Sicherheit das oberste Gebot in diesem Beruf ist. Man geht mit Schleppern, Traktoren, Kettensägen, Freischneidern und anderem Gerät um. Immer haben die Ausbilder ein Auge auf die Arbeit des Nachwuchses. Jetzt, im zweiten Lehrjahr, hat Florian Wilde schon die zweite Sicherheitshose. „In die erste habe ich reingeschnitten“, erinnert er sich an den glimpflichen Ausgang einer brenzligen Episode. Auch ein Blick auf den rechten Schnittschutzstiefel zeigt, dass es dort schon einmal ein Malheur gab.

Heute, nach der ersten erfolgreichen Zwischenprüfung, kann der junge Mann sagen, dass dieser Beruf genau das ist, was er unbedingt machen wollte. Großen Spaß hat er an der Holzernte, die üblicherweise im Herbst und Winter stattfindet – „Festmeter machen“, nennt er das. „Das, was wir heute ernten, ist die Arbeit, die die Altvorderen vor über 50 Jahren begonnen haben.“ Dabei macht er immer wieder die Erfahrung, dass Spaziergänger es negativ sehen, wenn Baumbestände gefällt werden. „Aber dafür sind sie doch angelegt worden“, wirbt er dann um Verständnis. Nachhaltigkeit ist ein Stichwort, über das er in diesem Zusammenhang referieren kann.

Nicht ganz so hoch im Kurs der beliebtesten Arbeiten stehen für Florian Wilde die Stunden, in denen der Platz gefegt oder die Werkstatt aufgeräumt werden muss. „Aber das gehört dazu!“ Auch bei schlechtem Wetter geht es in den Wald. „Dafür gibt es spezielle Kleidung, und wir werden von RWE sehr gut ausgestattet.“ Dabei verlangt die Arbeit draußen ein breites Fachwissen. „Man muss alles kennen, was im Wald rumsteht“, so seine etwas flapsige Umschreibung des theoretischen Wissens eines Forstwirtes. Hinzu kommt die Arbeit mit dem chemischen Forstschutz. „Das ist allerdings immer das letzte Mittel, das eingesetzt wird“, erinnert er an Ungezieferbefall, dem man auf konventionelle Weise nicht mehr Herr wird.

Unkonventionell ist das, was er immer wieder erlebt, wenn im Hambacher Forst Bäume gefällt werden sollen. Aktivisten ketten sich an den Bäumen fest, um die Arbeit zu sabotieren. „Die kriegst du kaum vom Baum“, erinnert er sich an so manche Erfahrung, wenn für ihn und seine Gruppe zuerst die Polizei in Mannschaftsstärke den Wald räumen muss, bevor ein gefahrloses Arbeiten möglich ist. „Nebeneffekt dieses Berufes ist, dass man gewaltig Muskeln aufbaut“, erklärt er. Nebenbei hilft das Fitnessstudio für einen gleichmäßigen Muskelaufbau. Freundin Vera, Disco, Basketball und Jogging füllen den Rest der Freizeit aus.

Nach der bestandenen Prüfung wird er nicht bei RWE bleiben können. Aber dafür hat er schon jetzt einen Plan. Im Gangelter Wildpark, da, wo er schon seit sieben Jahren immer wieder arbeitet, will er sich bewerben und eine Anstellung finden. Auf die Frage, wie denn dort die Aussichten sind, lacht er: „Wer weiß, vielleicht reicht auch für meine berufliche Zukunft eine einzige Bewerbung aus.“

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