Aus isolierten Fremden werden enge Freunde

Von: Udo Stüßer
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Die Koordinatoren Birgit Gerhards, Peter Barwinski und Markus Kaumanns freuen sich über den Erfolg und über die Fortführung des Bundesprogramms „ Toleranz fördern – Kompetenz stärken“. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. Frohe Botschaft für die Stadt: Nach dem bemerkenswerten Einsatz vieler Bürger und Vereine in den vergangenen Jahren wird das Engagement im Rahmen des Bundesprogramms „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ auch im Jahr 2014 wieder gefördert.

Seit dem Start am 1. Juni 2011 wurden in Geilenkirchen rund 50 Projekte vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit insgesamt 235.000 Euro unterstützt. Dabei handelt es sich um Maßnahmen zum gegenseitigen Kennenlernen, zur Förderung des Miteinanders und zur Vermittlung von Toleranz gegenüber Einzelnen, Gruppen und Kulturen.

Weitere 90.000 Euro wurden für 2014 zugesagt. „Viele Menschen waren früher einsam. Jetzt haben sie Kontakte geknüpft. Das Programm hinterlässt in der ganzen Stadt Spuren“, zieht Birgit Gerhards, Koordinatorin der Sozialen Dienste im städtischen Jugendamt, eine Bilanz.

Die Diplom-Sozialarbeiterin und Familientherapeutin bildet mit ihrem Kollegen Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge Markus Kaumanns für die Stadt die interne Koordinationsstelle. Unterstützt werden sie von dem externen Koordinator Dipl.-Sozialarbeiter Peter Barwinski, Leiter des Jugendhauses Franz von Sales in Tripsrath.

Ausschlaggebend für die Teilnahme der Stadt Geilenkirchen war das Ergebnis einer Sozialraumanalyse von Nadine Froesch, die 2009 als Studentin der Katholischen Hochschule Aachen ein Praktikum im Jugendamt absolviert hat. Ein Ergebnis war, dass in Geilenkirchen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Herkunfts- und Sozialisationsgeschichte leben.

„Neben den Ur-Geilenkirchenern leben Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und Migrationshintergrund“, erklärt Birgit Gerhards. Durch den Nato-Flugplatz erlebte Geilenkirchen nicht nur einen bedeutenden Bevölkerungszuwachs, sondern später auch ein breites Angebot an günstigen Mietwohnungen in bestimmten Siedlungsgebieten und Mehrfamilienhäusern, die zuvor als Wohnungen für Soldaten dienten.

„Alle hatten den gleichen Wunsch: mehr Identifikationsmöglichkeiten mit der Stadt und Entwicklung von Gemeinschaft“, blickt Birgit Gerhards zurück. Doch mit dem Ergebnis der Sozialraumanalyse gaben sich die Verantwortlichen der Stadt nicht zufrieden: „Wir haben uns gefragt: Was machen wir mit dem Ergebnis? Wie erreichen wir mehr Gemeinschaftsgefühl und Identifikation mit der Stadt?“, erläutert Gerhards weiter.

Um etwas zu initiieren, durfte auf jeden Fall nicht tief in die Stadtkasse gegriffen werden. „Schließlich stießen wir auf das Bundesprogramm. Toleranz ist schließlich die beste Voraussetzung, um den Nachbarn kennenzulernen. Wir mussten jetzt nur noch das Engagement der Menschen wecken.

Aber dabei haben wir nicht lange wachrütteln müssen“, freut sich die Koordinatorin. Markus Kaumanns nennt Zahlen: „Ende 2010 haben wir uns beworben, im Mai 2011 erfolgte die Bewilligung, im Juni 2011 konnten wir starten. Noch im ersten Jahr haben wir 60.000 Euro an Zuschüssen erhalten, 2012 waren es 95.000 Euro und in diesem Jahr sind es 80.000 Euro.“ Soziale Einrichtungen, Schulen, Parteien, Vereine und engagierte Einzelpersonen wurden mit ins Boot geholt.

Eine 95 Personen starke Steuerungsgruppe formulierte die Ziele. In Zukunftswerkstätten wurden schließlich die ersten Projekte entwickelt. Viel beachtet wurden sicherlich die Gedenkblätter und Broschüre für die ehemaligen jüdischen Mitbürger Geilenkirchens, ein Projekt des Fördervereins der Gesamtschule, die interaktive Stadtkarte der NS-verfolgten Geilenkirchener Bürger, für die sich besonders Karl-Heinz Nieren engagiert hat und das „Säulenprojekt gegen das Vergessen“ der Realschule.

Von Erfolg gekrönt wurden unter anderem auch die Stadtteilfeste in der Goethestraße und in der Lütticher Straße. „Eine pensionierte Lehrerin hat spontan kostenlosen Nachhilfeunterricht angeboten, Anwohner haben Kinderbetreuung zugesagt, eine Pkw-Besitzerin hat sich bereit erklärt, für andere Bewohner einzukaufen.

Hier wurden Angebote und Bedarfe zusammengeführt“, freut sich Birgit Gerhards. In der Lütticher Straße wurde immer wieder der Wunsch nach einem Spielplatz geäußert. Hier leben etwa 160 Kinder und Jugendliche. „10.000 Euro wurden gespendet“, sagt Gerhards und erinnert an das Charityturnier des TC Rot-Weiß Geilenkirchen, an die Spenden des Lions-Clubs, der Kanadier in der Selfkant-Kaserne und vieler Einzelpersonen.

„Ohne Bundesprogramm wären diese Spenden nicht zusammengekommen“, sagt die Mitarbeiterin des Jugendamtes. Derweil verweist Peter Barwinski auch auf das große Engagement einzelner Bürger, wie etwa von Christiane Kirschbaum in Bauchem: „Sie hat alle Vereine zusammengeführt, die vorher nebeneinander gelebt haben.“

Hunderte Bürger sind es, die sich mittlerweile in dem Programm engagiert haben. „Im vergangenen Jahr habe ich bei 500 aufgehört zu zählen. Überall in der Stadt trifft man auf tragende Säulen des Programms“, freut sich Birgit Gerhards. Mal waren es knapp 115 Euro, mit denen ein Projekt unterstützt wurde, wie beispielsweise die Abnahme des Mini-Sportabzeichens, mal waren es auch einige Tausend Euro für größere Projekte.

„Damit wurden Menschen aktiviert, ehemals Aktive haben einen neuen Schub bekommen, und es wurden Bedarfe erfüllt“, sagt Barwinski. „Und Freundschaften enden nicht nach Ablauf der Bundesprogramms“, versichert Gerhards.

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