Aus dem Rollstuhl zum Marathon: „Ich wollte mit Sport gesund werden“

Von: Marie Eckert
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Ein langer Weg: Evelyne Adamczak hat sich nach ihrem Bandscheibenvorfall zurück auf die Marathonstrecken gekämpft. In ihrer Freizeit geht sie regelmäßig joggen: „Mindestens zehn Kilometer – für weniger ziehe ich mir die Sportschuhe gar nicht erst an.“ Foto: Marie Eckert

Übach-Palenberg. Evelyne Adamczak hat nicht das getan, was man ihr gesagt hat. Nach einem schweren Bandscheibenvorfall lautete die Diagnose ihrer Ärzte: Aufhören mit dem Laufen. Für die Marathonläuferin war das keine Option.

Es war im Juli 2012, als sie vom ersten Arzt zu hören bekam, sie werde nie mehr laufen können. „Gucken Sie, dass Sie mich wieder hinbekommen – im September laufe ich Marathon in Berlin“, entgegnete die Sportlerin. Ein ehrgeiziges Ziel zur damaligen Zeit, in der Adamczak kaum drei Meter selbstständig gehen konnte.

Das linke Bein war taub

Was immer ging, war das Fahrradfahren. Im besagten Juli 2012 war Adamczak gemeinsam mit ihrer Mutter zum Urlaub im bayerischen Füssen. Schon in den Tage zuvor hatte ihr Rücken Probleme bereitet, die lange Zugfahrt tat ihr Übriges: Sie konnte ihr linkes Bein nicht mehr spüren. „Ich konnte nicht mehr gehen, also haben wir uns Fahrräder geliehen.“

Der Arzt veranlasste ein MRT, die Diagnose: Bandscheibenvorfall im fünften Wirbel. Spritzen halfen Adamczak über den Urlaub, doch nach der Rückfahrt musste sie vom Zug aus nach Hause getragen werden. „Diese Schmerzen wünscht man niemandem“, sagt sie. Nichts habe geholfen, keine Schmerzmittel, Liegen war fast unmöglich, Schlafen ebenso.

Nach einer Woche im Krankenhaus ging es für die Übach-Palenbergerin vier Wochen zur Reha in Aachen. Eine OP, wie von mehreren Ärzten angeraten, kam für sie nicht infrage. „Ich wollte versuchen, mit Sport gesund zu werden.“

Schließlich hatte Sport aller Art schon immer eine große Rolle in Adamczaks Leben gespielt. Seit ihrer Kindheit spielte sie Fußball und Tennis im Verein, mit dem Fahrrad ist sie sowieso immer unterwegs, wenn es irgendwie geht. 2000 fing sie in einem Lauftreff mit dem Joggen an, seit 2002 läuft sie Marathon.

Die Therapie in der Reha schlug gut an, auch wenn sie nach einer Woche einen Rückschlag erlebte. Verschiedene Übungen für die Bauch- und Rückenmuskulatur halfen ihr. Der Arzt in der Reha gab schließlich sein Einverständnis zum Sport. Vom Rollstuhl kämpfte sie sich zum Rollator und schließlich zu Gehhilfen, jeder Meter auf den Beinen war mühsam. Rückenübungen, Schwimmen und Wassergymnastik – Adamczak zog den Trainingsplan in der Reha eisern durch und hat dabei ihr Lachen nie verloren.

Nur Zuschauerin

Beim Berlin-Marathon im September 2012 war Adamczak zwar wie geplant dabei – allerdings nur als Zuschauerin. Dennoch: Es ging weiter bergauf. Ab Oktober konnte Adamczak wieder selbstständig gehen, ab November arbeitete die Erzieherin wieder in „ihrem“ Kindergarten „Arche Noah“ in Übach-Palenberg. Im Dezember nahm sie am Aachener Silvesterlauf teil und lief zehn Kilometer, danach fing sie endgültig wieder mit dem Laufsport an, zahlreiche Marathons folgten.

Genau ein Jahr nach ihrem Bandscheibenvorfall kehrte die Sportlerin nach Füssen zurück. Beim dortigen Marathon erlief sie Platz sieben und zeigte dem Arzt, der sie als Erstes behandelt hatte, ihre Medaille. „Der musste sich erst mal setzen, weil er es kaum glauben konnte“, sagt sie und lacht.

Ende 2015 wurden Adamczaks Beschwerden wieder schlimmer. Diesmal hörte sie auf die Ärzte und trat kürzer, ging ein zweites Mal in Reha, in Lippstadt. Auch dort stellte sie wieder fest: „Wenn ich laufe und Rückentraining mache, wird es besser, sonst schlimmer.“ Ihre Freunde, mit denen sie lief, waren trotzdem nicht angetan. „Manchmal bin ich sogar heimlich gelaufen“, sagt sie und schmunzelt.

Wichtig sei, das betont sie immer wieder, dass sie gemerkt hat, dass ihrem Rücken das Laufen, die Bewegung, gut tut. „Wenn man schon vorher Sport gemacht hat, dann kann man das auch beibehalten.“ Im Juni dieses Jahres lief sie beim Brüder-Grimm-Lauf insgesamt 82 Kilometer. „Im Ziel habe ich wie ein Schlosshund geweint, weil ich so glücklich war – ich hatte keinerlei Schmerzen, nicht mal Muskelkater danach.“ Und ihre Beschwerdefreiheit hält an. Noch immer geht sie alle zwei Tage vor der Arbeit mit ihren Hunden laufen und nach der Arbeit oft ins Fitnesscenter für Rückenübungen.

Verändert hat sich für die Sportlerin trotzdem einiges. „Ich lebe nach meinem Rücken“, sagt sie. „Schließlich will ich nie mehr ins Krankenhaus und solche Schmerzen haben.“ Das fängt an beim Heben: Dafür geht sie grundsätzlich in die Knie, der Rücken bleibt gerade.

Pausen und Achtsamkeit

Bei der Gartenarbeit gönnt sie sich regelmäßig Pausen – bei dieser Vorgeschichte und einem Grundstück von rund 1500 Quadratmetern absolut notwendig. Im Kindergarten hat sie ein Sitzkissen, das den Rücken in Bewegung hält. „Wenn ich das mal vergessen habe, bringen die Kinder mir das“, erzählt sie mit einem Lächeln. Allgemein habe sie die richtige, gesunde Körperhaltung seit der ersten Reha vor knapp fünf Jahren beibehalten.

Im Übrigen ist sie nicht die Einzige, die nicht aufs Laufen verzichten möchte: Ihre beiden Labradors sind den schnellen Schritt ebenfalls gewöhnt und genießen es. Geht sie mit ihnen aus dem Haus, wollen sie direkt losstürmen. „Es fällt manchmal schwer, mit den beiden einfach nur spazieren zu gehen.“ Im November geht es für die Sportlerin zum Marathon nach Valencia, im kommenden Jahr plant sie, in Düsseldorf und beim Alp-Marathon in Österreich zu laufen. An Aufhören ist nicht mehr zu denken.

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