Aus dem Leben eines Fluchthelfers

Von: agsb
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Zeitzeuge Hartmut Richter berichtet Gangelter Hauptschülern über seine Erlebnisse in der DDR. Foto: agsb
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Zeitzeuge Hartmut Richter berichtet Gangelter Hauptschülern über seine Erlebnisse in der DDR. Foto: agsb

Gangelt. Einen Bericht von unvergessener deutscher Nachkriegsgeschichte gab es für die Zehnerklassen der Hauptschule Gangelt kürzlich aus erster Hand zu hören: Angela Theißen, stellvertretende Schulleiterin, begrüßte Hartmut Richter, einen Zeitzeugen der DDR-Diktatur, an der Schule.

Auf Einladung des VdK-Ortsverbandes Selfkant besuchte Richter bereits zum zehnten Mal den Kreis Heinsberg und war neben Gangelt auch zu Gast in der Sekundarschule Waldfeucht, der Betty-Reis-Gesamtschule Wassenberg, der EU-Schule Erkelenz, und in der CDU-Kreisgeschäftsstelle. In der Gangelter Hauptschule erlebten die Schüler einen nicht ganz alltäglichen Geschichtsunterricht, der sie sprachlos und nachdenklich machte. Zum Einstieg hatte Richter einen Filmbeitrag im Gepäck, der die deutsche Nachkriegsgeschichte mit der Teilung West-Berlins und dem Mauerbau eindrucksvoll demonstrierte.

„Was hat Sie unzufrieden gemacht?“ wollte ein Schüler über Richters Leben in der DDR wissen. Bereits in jungen Jahren habe er gemerkt, dass in seiner Heimat etwas aus den Rudern läuft, erklärt Richter: „In der Schule wurde uns ständig vermittelt, dass der Feind im Westen wohnt. Stellt euch vor, Ihr müsstet jeden Morgen den Spruch ‚Allzeit bereit für den Sozialismus‘ aufsagen und überall hängen Bilder von der Bundeskanzlerin. Bei uns waren es Bilder der Staatsmänner wie Walter Ulbricht oder später Erich Honecker“, erzählte Hartmut Richter.

Und als die Beamten der Staatssicherheit bei einem Konzert seine langen Haare abschnitten, kam der endgültige Wendepunkt für den Zeitzeugen. „Wie lange willst Du es hier noch aushalten?“, fragte sich Richter, der eine Lehre zum Betriebs- und Verkehrseisenbahner absolvierte.

Schließlich entschloss er sich zur Flucht und schwamm im Jahr 1966 vier Stunden lang durch den Teltowkanal – von der damaligen Deutschen Demokratischen Republik aus in die Freiheit nach Westberlin. Nachdem Anfang der 1970er-Jahre eine Amnestie erlassen worde war, wurde Hartmut Richter aus der DDR-Staatsbürgerschaft „entlassen“.

Ein Transitabkommen erleichterte später zusätzlich die Einreise auf den Transitstrecken zur DDR. Auf diesen Strecken wurden Autos von und nach West-Berlin nur noch bei einem „begründeten Verdacht“ kontrolliert.

Hartmut Richter nutzte diese Regelung und wurde zum Fluchthelfer: 33 Personen aus Ostberlin schleuste er im Kofferraum versteckt aus Ost-Berlin in die Freiheit. In der Nacht vom 3. auf den 4. März 1975 startete Richter jedoch seine letzte Fahrt als Fluchthelfer, als er seine Schwester in die Freiheit bringen wollte: Am Grenzübergang Drewitz wurde sein Wagen von Grenzpolizisten kontrolliert und die verbotene „Ladung“ entdeckt. Richter und seine Schwester wurden verhaftet. Der 28-jährige erhielt die Höchststrafe von 15 Jahren Freiheitsentzug, wurde allerdings 1980 von der deutschen Bundesregierung freigekauft.

„Es war ein sehr fesselnder Beitrag, der sicherlich seine Spuren bei den Schülern hinterlassen hat“, sagte Lehrerin Laura Stegers im Anschluss an den bewegenden Bericht. Und tatsächlich hatten die Schüler sehr persönliche Fragen an den Zeitzeugen. Ihr Interesse war groß und der Fragenkatalog noch lange nicht ausgeschöpft, als die zwei Unterrichtsstunden zu Ende gingen.

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