Auftakt „Geschichte erleben“: Sich ein Bild von der Vergangenheit machen

Von: Markus Bienwald
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Schulleiter Uwe Böken, Prof. Dr. Christian Kuchler, Christa Nickels und Jürgen Volger eröffneten die Ausstellung „Heilige Orte“ in der Geilenkirchener Anita-Lichtenstein-Gesamtschule. Foto: Markus Bienwald

Geilenkirchen. Schon bevor im Sommer 2016 die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule (ALG) ihren 25. Geburtstag feiert, begann nun die Reihe außergewöhnlicher Veranstaltungen. Den Auftakt dazu machte das Thema „Begegnung mit Geschichte“, das mit gleich zwei starken Säulen ins Jubiläumsprogramm Eingang fand.

So wurde bei einer Feierstunde in der Aula der Schule an der Pestalozzistraße die Ausstellung zum Projekt „Heilige Orte“ eröffnet.

Neben der Suche nach den ganz eigenen, heiligen Orten für die Schüler, war es noch die Zusammenarbeit mit dem Lehr- und Forschungsbereich für Didaktik der Geisteswissenschaften der RWTH Aachen, die dieses Pilotprojekt so besonders machte. „Für unsere Schüler sind die Erfahrungen mit der Hochschule keine alltäglichen, für die Mitarbeiter des Lehrstuhls die Erfahrungen in der Schule wichtige Erdungen der Hochschularbeit“, meinte Schulleiter Uwe Böken dazu.

Wie unterschiedlich das Empfinden von Menschen sein kann, wenn sie gefragt werden, was für sie ein heiliger Ort ist, zeigte ein exemplarisch von Uwe Böken zitierter Schüler: „Heilige Orte sind besondere Orte, die es in jeder Stadt gibt, und die nicht immer Kirchen sein müssen“, sagte der. Das war ein Satz, der gut zu den Worten von Professor Dr. Christian Kuchler von besagtem Lehrstuhl für Didaktik passte. „Geschichte erleben, ist praktisch unmöglich“, so der RWTH-Vertreter, sich aber auf Spurensuche zu begeben, und zu versuchen, sich ein Bild davon zu machen, was vergangen ist, das sei der Entwicklung eines reflektierten und gelebten Geschichtsbewusstseins zuträglich. So könne es gelingen, über die Erinnerung Konsequenzen im Umgang mit der Gegenwart zu ziehen, schloss er. Dazu gehörte aber nicht nur die Verlegung von Stolpersteinen in der Stadt Geilenkirchen, um diese heiligen Orte zu markieren.

Dennoch griff die ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin Christa Nickels diesen Punkt auf. Für sie markieren die Stolpersteine und die Namensgebung der Schule nach der von den Nazis ermordeten Geilenkirchenerin Anita Lichtenstein Wendepunkte, um eine „bleierne Zeit“ des Schweigens über NS-Verbrechen zu beenden. Dazu, so Nickels weiter, habe schon die Namenswahl der Schule beigetragen, die vor einem Vierteljahrhundert durchaus für kontroverse Diskussionen gesorgt habe. Weiterhin sorge vor allem die lebendige Auseinandersetzung mit der Geschichte dazu, dass sich Geilenkirchen glücklich schätzen könne, die ALG in dieser Stadt zu haben. „Denn Sie haben nicht nur Gespräche mit Zeitzeugen geführt, sondern die Erfahrungen der Schüler und der Zeugen in einzigartiger Weise dokumentiert und für die Zukunft festgehalten“, schloss Nickels. Dadurch könnten alle Schüler der Geilenkirchener Gesamtschule nun als Zeitzeugen der zweiten Generation betrachtet werden, die wiederum ihr Wissen um das Geschehene weitergeben könnten.

Dass sich hier tatsächlich alle Schüler angesprochen fühlen können, dazu tragen auch die jährlich angebotenen Fahrten zur KZ-Gedenkstätte nach Auschwitz-Birkenau bei. Jürgen Volger von der Stiftung „Erinnern ermöglichen“, die mit vielen Sponsoren der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule diese wichtigen Fahrten immer wieder anbietet und unterstützt, betonte, dass es im Gegensatz zur Meinung mancher Deutscher noch lange nicht an der Zeit sei, mit der Erinnerung aufzuhören.

Dafür gebe es drei schlagende Argumente, so Volger: die Ehrung der Toten, die Gespräche mit den Zeitzeugen und das Erkennen des „Nie-Wieder-Gedankens“, der sich durch solche Besuche vor Ort am Ort des Grauens nur verfestigen könne. „Ich glaube zwar, dass so etwas nicht mehr möglich ist, weil wir inzwischen doch eine andere Gesellschaft geworden sind“, schloss er, doch die Zukunft könne nur gestaltet werden, wenn die Vergangenheit lebendig bleibe. Wie lebendig sich Erinnern gestalten kann, zeigten auch die beiden musikalischen Beiträge von Kian Moghaddamzadeh.

„Eigentlich ist Kian schon Abiturient, und könnte jetzt sagen, das wars an dieser Schule“, so Uwe Böken nach der Eröffnungsveranstaltung. „Und doch ist er noch immer so beeindruckt von dem, was er in der neunten Klasse an Erfahrungen in Auschwitz gesammelt hat, dass er seine durch den Besuch inspirierte und selbst komponierte Musik immer wieder spielt, auch bei solchen Anlässen“, betonte Böken.

Und so erlebten die Gäste neben einem gelungenen Startschuss in die Monate bis zur offiziellen 25-Jahr-Feier der ALG mit einer ganz besonderen Ausstellung über „Heilige Orte“, eine Ausstellung zu den Auschwitz-Fahrten und Musik, die emotional berührte.

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