Auf der Suche nach alten und neuen Feinden

Von: René Benden
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Die Nato schickt kurzfristig mehrere Awacs-Flugzeuge zur Überwachung des zivilen Luftverkehrs nach Afghanistan. Foto: E3A

Geilenkirchen. Das Mittelmeer ist schwarz aus Sicht der Awacs-Aufkläres. Grüne Linien zeichnen scharf die Umrisse Italiens ins Schwarz des Meeres - Sizilien, Malta und am unteren Ende der Bildschirmfläche rückt langsam die nordafrikanische Küste in Sicht.

Die Nato-Crew hat den Weg von Geilenkirchen über die Alpen bis ans Mittelmeer gemacht, um die bunten Punkte zwischen den Küstenlienien zu beobachten. Jeder Punkt ist ein Schiff. Keine Bewegung auf dem Wasser zwischen Europa und Afrika die die Awacs in 9000 Meter Flughöhe nicht registrieren könnte.

Wäre das da unten nicht das Mittelmeer, sondern der Golf von Aden und eine der grünen Linien würde die Küste Somalias zeichnen - die Nato-Soldaten hätten einen guten Blick darauf, was sich da unten auf dem Wasser abspielt. Fragt man die Awacs-Soldaten, ob sie dabei behilflich sein könnten, Piratenattacken zu verhindern, weil sie potenzielle Piratenboote stundenlang beobachten könnten, ohne dass die etwas davon merkten, lautet die Antwort: „Da haben wir uns schon drüber unterhalten.”

Frei übersetzt aus dem Soldatensprech heißt das: „Ja, wir könnten, wenn man uns denn lässt.” Und so kreist die Awacs hoch über dem Mittelmeer, nicht nur auf der Suche nach Schiffen, sondern auch nach Aufgaben, die die Nato-Staaten davon überzeugen, dass es richtig ist, ein Aufklärungsverband im Wert von mehreren Milliarden Euro in Geilenkirchen zu unterhalten.

Weichenstellung in Lissabon

Weniger als drei Flugstunden von der Awacs-Position über dem Mittelmeer entfernt, in Lissabon, tagt heute der Nato-Gipfel. Dort wird auch nach neuen Aufgaben für das Bündnis gesucht. Eine neue, zukunftsweisende Strategie soll her. Klingt einfach, doch das Problem mit Strategien für das Militärbündnis ist Vergleichbar mit dem Rennen zwischen Hase und Igel. Bis sich die Nato neu erfunden hat, ist die verteidigungspolitische Realität schon wieder eine andere.

Die aktuelle Strategie stammt aus dem Jahr 1999. Damals spielten islamistischer Terror und asymetrische Kriegführung jenseits der Bündnisgrenzen eine theoretische Rolle. Nun, da die Nato ihre Strategie verstärkt darauf ausrichten will, zeichnet sich schon für eine nicht allzu ferne Zukunft ab, dass die Bündnispartner ihre Truppen aus fremden Ländern im großen Stil abziehen werden, weil sie der Einsätze überdrüssig geworden sind.

Was also soll die Nato der Zukunft überhaupt noch machen? Gibt es in ein paar Jahren für sie in noch eine Legitimation? Das gute Dutzend Soldaten an Bord der Awacs hat dafür nur ein Schulterzucken übrig. „Das liegt ja nicht in unserer Hand. Wir können nichts anderes tun als abwarten, welche Aufgabe man für uns hat”, sagt Kraina, einer der niederländischen Unteroffiziere an Bord der E3A-Aufklärer aus Geilenkirchen.

Dieses Maß an soldatischer Schicksalsergebenheit ist wohl bitter nötig, denn der Legitimationskampf der Nato, der auf dem Gipfel ausgetragen wird, führt sich fort bis in die Kasernen. Im Wissen um die Sparzwänge bei den Mitgliedsstaaten fühlen sich die Truppenteile bemüht, jeden in sie investierten Euro auch zu rechtfertigen. Nur haben sie es nicht immer selbst in der Hand, dabei eine gute Figur zu machen. So auch der Awacs-Verband in Geilenkirchen: Seit beinahe drei Jahren versucht die Nato ihre E3A-Aufklärer in Afghanistan einzusetzen - bislang ohne Erfolg. Die Awacs-Besatzungen und ihre Aufklärer sind zum Spielball unterschiedlicher politischer Interessen geworden.

Als die Isaf-Truppen vor einigen Jahren Awacs-Unterstützung anforderten, hatte das vor allem einen Grund: Die Boden-Patrouillen wurden immer häufiger von Aufständischen angegriffen. Viele Nato-Soldaten starben, weil es ihnen im Laufe des Feuergefechts nicht gelang, Luftunterstützung zu rufen. „Das Gelände in Afghanistan ist so zerklüftet, dass die Bodentruppen keinen Funkkontakt zu Jagdbombern oder Kampfhubschraubern zur Unterstützung herstellen können”, erklärt Colonel Ton von Happen, der stellvertretende Kommandeur in Geilenkirchen. Dieses Problem könnte mit Awacs-Flugzeugen gelöst werden. „Wir fliegen in 9000 Metern Höhe und sind auf jeden Fall per Funk zu erreichen”, so von Happen. Die Awacs-Crew könnte die Kampfflugzeugen zum Zielort dirigieren.

Dieser Eingriff ins aktive Kampfgeschehen passte vor drei Jahren aber noch nicht ins Profil der Bundeswehr. Die Bundesregierung verweigerte den Deutschen an Bord der Awacs das Mandat und blockierte damit den ganzen Verband. Erst als Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg von einem Kampfeinsatz in Afghanistan sprach, gab Berlin grünes Licht für den Einsatz.

Doch dann stellte sich Frankreich quer. Die Franzosen wollten partout nicht die Kosten für einen Einsatz tragen. Als auch dieses Problem gelöst war, wurde ein Teil des Verbandes in die Türkei nach Konya verlegt. Von dort aus sollte die Afghanistan-Mission starten. Doch bevor es auch nur zu einer einzigen Einsatzminute kommen konnte, mussten die Maschinen wieder nach Geilenkirchen umkehren: Turkmenistan verweigerte die Überflugrechte.

Fragen nach der Legitimität

Kein Wunder, dass angesichts dieser Posse Stimmen laut wurden, die fragten, warum man den Verband in Geilenkirchen jüngst für rund 1,5 Milliarden Euro modernisiert hatte, wenn er auf dem wichtigsten Schlachtfeld der Nato nicht einsetzbar ist? Umso überraschter dürften diese Kritiker gewesen sein, als schon weit im Vorfeld des Gipfels von Lissabon durchsickerte, dass der E3A-Verband von den massiven Umstrukturierungen in der Nato weitgehend verschont bleiben soll. Die Nato hat also auch in ihrer neuen Strategie Aufgaben für den E3A-Verband. Doch welche könnten das sein?

Eine Antwort darauf dürfte aus einer ganz alten Nato-Strategie entspringen und Russland heißen. Zwar wird der Gipfel in Lissabon alle Möglichkeiten ausloten, wie man mit dem einstigen Erzfeinden kooperieren kann. Dennoch bleibt das Verhältnis zu Russland ambivalent. Gerade den alten Nato-Staaten scheint oft nicht klar zu sein, wie heikel ihr Bündnistreue zu den neuen Partnern im Osten ist.

So hat die Nato beispielsweise die Luftraumüberwachung für die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen übernommen. Regelmäßig begegnen sich Nato-Abfangjäger und russische Bomber über der Ostsee. Die Awacs Maschinen sind der Nato dort eine große Hilfe, weil sie bis weit in den russischen Luftraum hineinblicken können. das will die Nato auch in Zukunft noch tun.

Eine neue Aufgabe für den E3A-Verband hat jüngst Verteidigungsminister zu Guttenberg selbst ins Spiel gebracht: Die Überwachung von Handels- und Seewegen. „Schiffe geben auf dem Wasser ein herrvorragendes Radarbild ab”, sagt Wolfgang, einer der deutschen Radaroperateure. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Awacs mit einem System nachgerüstet worden ist, dass Transpondersignale von Schiffen empfangen kann.

„Üblicherweise sendet ein Schiff selbst ein Signal, indem es die Information übermittelt, wie es heißt, unter welcher Flagge es fährt und welcher Kurs mit welcher Geschwindigkeit anliegt”, erklärt Wolfgang. Interessant sind für die Awacs-Besatzungen jedoch die Schiffe, die kein solches Signal aussenden und nur als farbiger Punkt auf dem Radarschirm erscheinen. Das wären nämlich vor der somalischen Küste die potenziellen Piratenboote.

Doch der Einsatz vor Somalias Küste ist noch Theorie. Derweil dreht die Awacs Runden über dem Mittelmeer und die Besatzung blickt gelassen nach Lissabon. Dass die Nato-Staaten noch lange an dem Bündnis festhalten, daran zweifelt hier niemand. „Wenn man bei der Nato ist, lernt man zwei Dinge: Die anderen Nationen mit ihren Eigenarten zu respektieren und sich zu arrangieren”, sagt Bobby, ein Radartechniker aus den USA. Ein italienischer Pilot, ein dänischer Co-Pilot, ein portugiesischer Bordtechniker, ein polnischer Navigator und ein niederländischer Radarbeobachter haben dem nichts hinzuzufügen.
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