Arbeitsfaul und bekloppt? – „Nein!“

Von: Simone Thelen
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Endlich Arbeit nach über zehn Jahren Hartz IV: Horst Grunert, zweimaliger Bürgermeisterkandidat in Geilenkirchen. Foto: Simone Thelen

Geilenkirchen. Sein Motorroller ist so etwas wie ein Markenzeichen. Schon dreimal wurde das Gefährt der Marke Off Limit geklaut. Dreimal kamen die Diebe nicht weit und der rote Flitzer zurück zu Horst Grunert. Am Lenkrad ist der Roller mit silbernem Isolierband geklebt.

Aus der Sitzfläche quillt der Schaumstoff, und doch: Ohne ihn wäre Horst Grunert, über zehn Jahre lang Hartz IV-Empfänger und nun seit ein paar Wochen wieder in Lohn und Arbeit, wahrscheinlich aufgeschmissen.

Horst Grunert ist sicherlich kein einfacher Mensch. „Ich kenne meine Rechte, und ich setze sie auch durch“, meint der heute 57-Jährige, der als Parteiloser bereits zweimal für den Bürgermeisterposten in Geilenkirchen kandidiert hat. Ein weiterer Versuch ist nicht ausgeschlossen.

Plötzlich vor dem Nichts

Nach dem Besuch der Hauptschule machte Horst Grunert zunächst eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann und holte an der Abendschule die Mittlere Reife nach. Vier Jahre war er in Wuppertal und Geilenkirchen Zeitsoldat. Nach der Bundeswehrzeit begann er 1983 eine zahntechnische Ausbildung. „Doch die musste ich abbrechen, weil die finanziellen Mittel nicht reichten.“ Als Hartlöter arbeitete er ein Jahr bei Schlafhorst, gleichzeitig war er nebenberuflich als Handelsvertreter im Dentalbereich tätig.

Bis 2003 arbeitete Grunert im Außendienst für verschiedene Dental-Firmen. Ungefähr zu dieser Zeit kam für ihn dann alles zusammen: die Scheidung, eine Insolvenz als Handelsvertreter und der Streit um das Umgangsrecht mit seinen beiden Söhnen. Grunert stand vor dem Nichts. Die Ersparnisse waren aufgebraucht. Sein Weg führte ihn zum Arbeitsamt. Der einzige Ausweg: Hartz IV. 2005 war er einer der ersten Leistungsempfänger überhaupt.

„Ich weiß wie es ist, wenn man nichts zum Leben hat. Früher habe ich viel Sport gemacht und war im Handball aktiv. Aber plötzlich ist es nicht einmal mehr möglich, sich eine neue Hose zu kaufen.“ Es habe Zeiten gegeben, da habe sein Speiseplan aus Reis und Nudeln bestanden. „Und damit ging es mir immer noch besser als einigen anderen.“ Denn natürlich gebe es jene Leistungsempfänger, die am Monatsanfang feiern gehen und dann nichts mehr zum Leben haben. Ihnen sei es zu verdanken, dass Hartz IV-Empfänger einen schlechten Ruf haben. „Aber die Mehrheit ist anders.“

Grunerts Ruf im Jobcenter und in der Stadtverwaltung ist nicht der beste. „Da bin ich als Arbeitsfauler und Bekloppter bekannt“, sagte er bereits vor Jahren bei seiner ersten Bürgermeisterkandidatur zu unserer Zeitung. „Tatsächlich wollte ich immer gerne arbeiten. Aber manchmal hatte ich den Eindruck, dass man mich gar nicht zurück in Arbeit bringen wollte.“ Anders kann sich Grunert jedenfalls den unermüdlichen Kampf mit Ämtern und Gesetzen nicht erklären. „Ich habe viel erlebt. Mir wurden schon Depressionen nachgesagt, die mich schwer vermittelbar machten – alles Quatsch.“

Grunert habe zwar im Laufe der Jahre immer wieder Stellenangebote vom Jobcenter bekommen und sich auch beworben. Aber es kamen nur Absagen. Keine Arbeit wollte so richtig zu ihm passen. Aufgrund einer Arthrose kann er keine stehende Tätigkeit ausführen. Zudem ist harte körperliche Arbeit aufgrund einer Herzerkrankung für ihn nicht mehr möglich. „Ob ich deshalb als unvermittelbar gegolten habe, weiß ich nicht. Aber ich vermute eher, dass es daran lag, dass meine Daten nicht ordentlich erfasst waren. Zum Beispiel war ich laut Computer eine ungelernte Kraft. Weder meine Ausbildung, noch meine Bundeswehrzeit oder die Englischkenntnisse wurden beim Amt geführt.“

Eines hat Horst Grunert in all den Jahren nie getan: „Ich war nie bei den Tafeln oder habe sonstige Dienste der Gemeinnützigkeit in Anspruch genommen.“ Warum nicht? Aus Prinzip. Denn Grunert ist der Meinung, dass dies nicht die Aufgabe der Kirchen oder der Allgemeinheit ist, sondern die des Staates. „Da habe ich halt lieber verzichtet. Schon aus Protest.“

Seinen Protest will Grunert auch bei den anstehenden Landtagswahlen zum Ausdruck bringen: „Es kotzt mich an, wenn Politiker große Versprechungen machen. Egal von welcher Partei.“ Darum habe er kürzlich bei einer CDU-Wahlveranstaltung ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich wähle die NPD – aus Protest“ getragen. Grunert: „Die hätten mich fast rausgeschmissen.“

Auch im Jobcenter dürfte der stadtbekannte Geilenkirchener nicht zu den liebsten Kunden zählen. Er ist hartnäckig, vergreift sich manchmal im Ton, „aber nur, um mein Recht durchzusetzen. Für jede Kleinigkeit gibt es Hunderte Formulare. Dinge, die ich schon gerichtlich durchgesetzt habe, stehen immer wieder auf dem Prüfstand. Der Schriftverkehr ist so umfangreich, da kann ich verstehen, dass manche daran verzweifeln. Jemand, der nicht so viel Ahnung hat, verliert da schnell den Mut. Und dann wird gesagt: ‚Die sitzen nur faul rum und wollen nicht arbeiten.‘“

Zuletzt hat Grunert nun aber einmal Glück gehabt. Nach vielen seiner Meinung nach unnützen Qualifizierungsmaßnahmen wie Bewerbungs- oder Computertraining hat ihn seine Sachbearbeiterin zu einem Qualifizierungskurs nach Heinsberg geschickt. „Den hätte ich zwar auch nicht gebraucht, aber dort bin ich in den Kontakt mit einer Zeitarbeitsfirma gekommen, bei der ich nun seit dem 6. April arbeite.“ Seine Stelle hat er bei der Firma Wickey in Gangelt angefangen. Dort bearbeitet er jeden Abend von 17 bis 23 Uhr die Online-Bestellungen, Kunden-Rückfragen und Reklamationen. „Das geht alles über E-Mail. Die Stelle macht mir Spaß.“

Ganz zufrieden ist Grunert allerdings immer noch nicht. „Jetzt gibt es wieder Probleme mit dem Geld. Das letzte Hartz IV gab es Anfang April. Das erste Gehalt kommt erst Mitte Mai. „Wie soll ich nun meine Miete zahlen?“ Grunert muss wieder zum Amt, beantragt ein Übergangsgeld – welches ihm nach einigem Hin und Her als Darlehen gewährt wird. „Jetzt muss ich darüber diskutieren, wie ich das Geld zurückzahlen muss. Aber da will ich mich jetzt nicht mit beschäftigen. Jetzt will ich mich auf meinen Job konzentrieren.“

„Das hat mal funktioniert“

Zur Rückkehr ins Berufsleben hat ihm das Jobcenter zwei neue Hosen, ein Oberhemd und einen frischen Haarschnitt spendiert. „Das hat mal reibungslos funktioniert“, meint Grunert und streicht sich die Krawatte glatt. „Ich kann allen nur raten, hartnäckig zu bleiben und auf sein Recht zu bestehen. Man darf sich nicht entmutigen lassen.“ Darum ist Grunert auch optimistisch, dass es mit dem Vertrag über die Zeitarbeit auch langfristig bei ihm läuft. Zwar sei unsicher, ob die Arbeit bei Wickey – das Unternehmen stellt Spieltürme, Sandkästen und Rutschen für Kinder her – nach der Saison noch weitergeht, aber er hat Hoffnung auf andere Stellen in Geilenkirchen. Weite Strecken könnte er ohnehin nicht zurücklegen. Jedenfalls nicht ohne Auto. „Aber wer sollte mir das schon bewilligen?“ Da bleibt ihm nur sein roter Flitzer, mit dem er nun jeden Abend nach Gangelt fährt. Noch läuft er...

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