Als sich der Masterbomber beim Angriff selbst zerstörte

Von: Rainer Herwartz
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So sah er aus, der Masterbomber des Typs Lancaster MK III, der Tod und Vernichtung nach Heinsberg trug. Am Ende wurde er selbst beim Angriff abgeschossen.
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Helmut Frenken setzte sich auf die Spur des Masterbombers.

Heinsberg-Oberbruch. Ein Jahr lang haben seine Recherchen gedauert, bis er die Geschichte nahezu lückenlos zusammengetragen hatte. Wenn sich am Mittwoch nach 72 Jahren erneut einer der schwärzesten Tage in der Geschichte Heinsbergs jährt, bringt der Oberbrucher Helmut Frenken ein spannendes Detail ans Licht: Die Geschichte des Masterbombers, der damals die Flugzeuge der Alliierten anführte - und selbst ein schlimmes Ende fand.

„Ein Hauptproblem war es herauszufinden, zu welchem Geschwader die Maschine gehörte“, sagt Frenken. Mit amerikanischen Veteranen-Organisationen und selbst den beiden Söhnen des Kommandanten hat er Kontakt aufgenommen, um möglichst viele Einzelheiten in Erfahrung zu bringen. Der für Heinsberg, Düren und Jülich so verhängnisvolle 16. November 1944, der Tag, an dem ein britischer Bomberangriff 52 Heinsbergern das Leben kostete und an dem große Teile der Stadt in Schutt und Asche gelegt wurden, ist vielen älteren Mitbürgern immer noch in trauriger Erinnerung.

Lancaster MK III

„Ungefähr zehn Kilometer nordostwärts von Manchester liegt die Industriestadt Chadderton. Dort lebten in den Kriegsjahren rund 30 500 Menschen, von denen die meisten ihr Geld in der Flugzeugherstellung verdienten“, erzählt Frenken. „Hier wurde in einer zur Jahreswende 1938/39 gebauten Fabrikanlage auch die Lancaster MK III gebaut, der verhängnisvolle Masterbomber.“

Die Maschine mit der Seriennummer PB 137 sei unverzüglich ihrer Nutzung in einem Bomberverband der Royal Air Force (RAF) zugeführt worden. „Die Lancaster MK III kam Ende Juni 1944 als Ersatz für eine beim Angriff gegen Gelsenkirchen am 13. Juni 1944 durch einen deutschen Nachtjäger abgeschossene und in Holland abgestürzte Maschine zur 15. Squadron.“ Es folgten Einsätze unter anderen gegen die Städte Kiel, Stettin, Neuss und Homberg.

Und dann rückte er näher, der Schicksalstag der Heinsberger. „Die alliierten Bomberverbände bereiteten sich in den Mittnovembertagen 1944 auf einen weiteren 1000-Bomber-Tagangriff auf die Städte Düren, Jülich und Heinsberg vor. Dies geschah im Auftrag der Amerikaner, um die angeblich in den Städten befindlichen deutschen Truppenkonzentrationen zu zerschlagen“, hat Frenken recherchiert. Eine fatale Fehleinschätzung, denn in Wahrheit befanden sich nach der bereits frühzeitig stattgefundenen Evakuierung nur noch rund 110 Bewohner und ein aus einem Offizier sowie einigen Unteroffizieren und Mannschaftssoldaten bestehender Kleinsttruppenteil in Heinsberg.

Für die Besatzungen der Maschinen der 15. Squadron und zahlreicher anderer Squadrons lautete dennoch das Ziel Heinsberg. Schon früh habe der amtierende Wing Commander William David Gordon Watkins für sich die Entscheidung getroffen, als Mitglied der Besatzung in der PB 137 am Angriff teilzunehmen. Insgesamt seien 182 Lancaster zum Einsatz gekommen.

Watkins wurde laut Frenken am 11. September 1906 in London geboren. „Lofty“, zu Deutsch „Langer“, wie man ihn in RAF-Kreisen und in seiner Einheit aufgrund seiner Größe respektvoll genannt habe, sei am 25. August 1936 in die Dienste der britischen Luftwaffe getreten. Zunächst als Waffenmechaniker und Maschinengewehrschütze. Nach einer steilen Militärkarriere wurde er am 15. April 1944 zum Fliegerhorst Mildenhall versetzt, als Chef (wing commander) der 15. Bomberstaffel. Eine Besonderheit: Watkins war einer der wenigen Kommandeure und zu diesem Zeitpunkt wohl sogar der allererste in der RAF ohne Pilotenausbildung.

Normalerweise waren die Bomber standardmäßig mit sieben Mann besetzt, die unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen hatten. „Er selbst plante sich als 8. Besatzungsmitglied zusätzlich in der PB 137 mit ein und bestimmte sie zum Masterbomber. Das bedeutete, dass er sich eigenhändig für die Markierung der Bombenabwurfstelle verantwortlich erklärte.

Es war somit an ihm, an einem Fallschirm hängende grüne Markierungsleuchten, die aufgrund ihrer äußeren Form im deutschen Volksmund ,Christbaum‘ genannt wurden, zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort abzuwerfen, um allen 182 Bombern anzuzeigen, wo sie ihre todbringende Last abzuwerfen hatten“, erläutert Frenken, der übrigens selbst als Oberstleutnant bei der Nato in Brunssum Personalchef für die deutschen Soldaten ist.

Kurz nach Mittag begaben sich die Crews zu ihren Maschinen und starteten in Richtung Heinsberg. In Kirchhoven-Vinn und Haaren standen zu diesem Zeitpunkt Flak-Geschütze. „Dort waren 20-mm-Vierlings-Flak und 8,8-cm-Flak eingesetzt. Die Geschütze waren in Feldstellungen eingegraben, während die Besatzungen sich meist in den angrenzenden Höfen und Häusern aufhielten.

Eine Batterie unter Führung von Oberleutnant Rehhagel hatte ihre Geschützstellungen in Kirchhoven-Vinn, an der Straße nach Haaren nahe dem Heiligenhäuschen und die andere Batterie unter der Führung von Hauptmann Türk lag in Stellung zwischen Kirchhoven und Lieck beim Ortsteil Schley“, sagt Frenken.

Von immer lauter dröhnendem Motorenlärm alarmiert, befanden sich um 15.30 Uhr alle Besatzungen an ihren Geschützen, „und gleich der erste Feuerschlag der Batterie Türk gipfelte in einem Volltreffer. Der Masterbomber erhielt in rund 2000 Meter Höhe einen Volltreffer einer 8,8-cm-Granate. Daraufhin verlor der Bomber schnell an Höhe und erhielt bei 700 Meter nochmals Feuer, diesmal von einem 20-mm-Flakgeschütz. Dabei kam es zu einer Explosion und die Maschine brach auseinander“.

Die Teile stürzten im Bereich der Unterbrucher Ortsteile Küpper, Genoth, Gansweid und Fell zu Boden. Das Mittelteil des Rumpfes brannte in der Wiese hinter dem Haus (heute) Alte Schmiede 100, das Leitwerk lag seitlich der Küpperstraße, die Heckschützenkanzel lag im Bereich (heute) Alte Schmiede 110 und die Flugzeugnase kam am Rurdamm nahe der Alten Rur nieder. Im Radius von 800 Meter lagen die Trümmer und die getöteten sieben Mann der Besatzung, entweder in den Trümmern oder im aufgeweichten Boden, weil die Fallschirme sich nicht mehr öffneten.

Nur einer erreichte den Boden lebend. Der Mann an diesem rettenden Fallschirm war Wing Commander Watkins. „Die deutschen Soldaten nahmen den verletzten Briten in Gewahrsam und schützten ihn so vor der Lynchjustiz der aufgebrachten Bevölkerung“, erklärt Frenken. Am 26. Juni 1965 starb William David Gordon Watkins in England. Über die Erfahrungen während seiner Zeit in der Royal Air Force habe er zeitlebens nicht gesprochen, erfuhr Frenken. „Selbst seinen Söhnen gegenüber machte er aus dem Erlebten ein Geheimnis.“

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