Als Kind dem Tod in Sobibor entronnen

Von: Jan Mönch
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Mahnmal im einstigen Vernichtungslager Sobibor (Polen): Hier wurden die Eltern von Tswi Joseef Herschel ermordet. Foto: dpa
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Eine damals 17-Jährige rettete ihm das Leben: Tswi Joseef Herschel mit seiner Tochter Natali Herschel sowie der Geilenkirchener Zeitzeugin Elfriede Goertz, einer Freundin der von den Nazis ermordeten Namensgeberin der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule. Die Puppe im Hintergrund gehörte Anita Lichtenstein. Foto: Jan Mönch

Geilenkirchen. 51 Jahre nachdem sie ihm das Leben gerettet hatte, machte Tswi Joseef Herschel Christine Schwenk ausfindig. Ohne zu zögern rief er sie an, ein Ferngespräch. Denn Herschel wohnte in Israel, Schwenk in den Niederlanden.

„Ich wusste nicht, dass Du noch lebst.“: Die Lebensretterin von einst war sogleich beim Du. Bald kam es zum Wiedersehen. Auch dieses liegt wiederum viele Jahre zurück. Seine Lebensgeschichte erzählte Tswi Joseef Herschel am Mittwoch den Schülern der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule in Geilenkirchen. Und die Lebensgeschichte seiner Eltern, die 1943 im Todeslager Sobibor ermordet wurden. Tswi, ihren einzigen Sohn, hatten sie zuvor in fremde Hände gegeben.

Tswi Joseef Herschel, mittlerweile 71 Jahre alt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Das gleiche gilt für die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule, deren Namensgeberin ebenfalls von den Nazis ermordet wurde. „Ein weiteres Mosaiksteinchen in der Erinnerungsarbeit“, war der Besuch Herschels für die Begriffe von Schulleiter Uwe Böken. Organisiert wurde der Termin in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl Didaktik der RWTH in Aachen.

Als Herschel im niederländischen Zwolle geboren wurde, das war Ende 1942, malte der Vater auf, wie er sich das Lebens seines Sohnes vorstellte. 24 kleine Bildchen wurden es, Herschel nennt sie „Lebenskalender“. Die Originale sind heute im Holocaust-Museum in Washington zu sehen. Den Zehntklässlern der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule präsentierte Herschel den Nachlass seines Vaters per Powerpoint-Präsentation. Das erste Bild zeigt einen Storch. „Ich weiß, dass das heute anders geht, aber ich bin auf eine altmodische Weise geboren.“ Gelächter – dann wird Herschel ernst. Und vergleicht sein Leben, wie der Vater es für ihn vorgesehen hatte, mit den tatsächlichen Ereignissen.

Im März 1943 vertrauten Nico Louis Herschel und Malchen Weijel ihren Sohn der damals 17-jährigen Christine Schwenk an. Noch im jüdischen Viertel in Amsterdam, in das es zuvor zwangsumgesiedelt worden war, heiratete das Paar. Im Juni folgte die Deportation. Gleich nach der Ankunft in Sobibor wurden Herschels Eltern vergast. Er selbst war da schon bei der protestantischen Familie de Jongh untergebracht und hatte einen niederländischen Namen erhalten. 1944 wurde das Haus der Familie zerstört. Nach dem Krieg machte die leibliche Großmutter Tswi ausfindig und riss ihn von den de Jonghs fort. „Dennoch sind sie meine Eltern, das sehe ich so bis heute“, sagt Tswi Herschel. Von seinen leiblichen Eltern und deren Schicksal, davon, dass er Waise ist, erfuhr er erst im Alter von acht Jahren. Und noch viel später begann er mit seiner Recherche.

Vieles von dem Lebensentwurf, den Nico Louis Herschel seinem neugeborenen Sohne malte, sollte niemals eintreten. „Fußball zum Beispiel ist nicht mein Sport“, stellt Herschel in der Aula der Gesamtschule trocken fest, während die Zeichnung eines Fußballtors auf der Leinwand zu sehen ist. Ein weiteres Bild zeigt den Künstler selbst mit seinem Enkelsohn. Doch Tswi Joseef Herschel sollte nie einen Sohn bekommen. Wohl aber zwei Töchter, Mirla und Natali, sowie bislang zwei Enkelkinder. Ohne Christine Schwenk und die de Jonghs wären sie alle vier nie zur Welt gekommen.

Nach seinem Vortrag in der Gesamtschule nimmt Herschel sich Zeit, Fragen der Schüler zu beantworten. Ob die Bilder, die sein Vater malte, denn eigentlich seinen tatsächlichen Lebensweg beeinflusst hätten, möchte eine Schülerin wissen. „Überhaupt nicht“, kommt es ohne Zögern zurück. „Ich bin Tswi Joseef Herschel.“

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