Geilenkirchen/Übach-Palenberg - Alarmierend: Immer weniger Grundschüler können schwimmen

Alarmierend: Immer weniger Grundschüler können schwimmen

Von: Elisa Zander
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Bahnen ziehen oder sich über Wasser halten? Schwimmen können einer Forsa-Studie zufolge nur die Hälfte der Grundschulabgänger. Der VfR Übach-Palenberg will diesem Trend entgegen steuern und Kindern Sicherheit und Können vermitteln. Foto: Elisa Zander
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Schwimmbretter: Die werden zum Lernen und im Training eingesetzt. Damit lässt sich die Technik verbessern und die Ausdauern erhöhen.

Geilenkirchen/Übach-Palenberg. Die Vorgaben sind klar definiert: „Jedes Kind soll am Ende der Grundschulzeit schwimmen können. ‚Schwimmen-Können‘ heißt, dass es sich möglichst angstfrei ohne Fremdhilfe in schwimmtiefem Wasser zielgerichtet fortbewegen kann.“ So steht es im Sport-Kernlehrplan für Grundschulen in NRW. Doch eine Forsa-Studie, die von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Auftrag gegeben wurde, kommt zu einem anderen Ergebnis.

Sicher schwimmen kann demnach nur jedes zweite Kind nach Ende der Grundschulzeit. Das bedeutet: Die Hälfte der Kinder können sich beim Eintritt in die weiterführende Schule maximal über Wasser halten. „Häufig wird Schwimmunterricht nur im großen Verband mit mehreren Klassen angeboten. Eine Einzelbetreuung ist gar nicht möglich“, sagt Vanessa Greve, Jugendwartin und stellvertretende Ausbildungsleiterin der DLRG Geilenkirchen. „Viele Zehn- und Elfjährige können nicht mal eine Bahn schwimmen.“

Kenntnisse würden von den Eltern immer seltener vermittelt – weil die es auch nicht können. Ein Tabu-Thema, so die Erfahrung von Vanessa Greve. „In unserer Gesellschaft geht man davon aus, dass ein Erwachsener schwimmen kann.“ Die, die es nicht könnten, hätten gelernt, das Wasser zu meiden und je älter ein Schwimmanfänger sei, desto schwieriger sei es auch, das Schwimmen zu vermitteln. „Die Angstbarriere ist viel größer, es gibt eine Abwehrhaltung und das macht die Arbeit nicht einfacher.“

Crash-Kurs Schwimmen

Ein Nachmittag im Swimpool Übach-Palenberg. Etwa 70 Kinder unterschiedlichen Alters schwimmen hier Bahnen, alle haben das Seepferdchen, manche auch höhere Schwimmabzeichen. „Die haben für Eltern und Kinder eine Bedeutung“, sagt Manfred Rothärmel, Schwimmwart des VfR Übach-Palenberg. „Das sagt aber nichts über die Schwimmqualität aus.“ Entsprechend gemischt ist das Können der Gruppe.

Einige der Kinder hätten irgendwann irgendwo einmal einen Crash-Kurs im Schwimmen und das Frühschwimmerabzeichen „Seepferdchen“ gemacht. Die Anforderung: Ein Sprung vom Beckenrand und 25 Meter Fortbewegen im Wasser sowie das Heraufholen eines Gegenstands aus schultertiefem Wasser. „Die können sich dann eine Bahn über Wasser halten, aber sicheres Schwimmen ist das oft nicht“, sagt Rothärmel.

Auch Hildegard Junker hat diese Erfahrung gemacht. Sie ist in dem Verein verantwortlich für die Basisgruppe und erteilt unter anderem Unterricht in Anfängerkursen. „Sicheres Schwimmen kommt mit der Zeit und der Erfahrung. Das ist ähnlich wie beim Autofahren.“

Sie bestätigt, dass sich viele Kinder in der fünften Klasse nicht einmal die eine Bahn über Wasser halten können. „Oft sind das Kinder mit Migrationshintergrund.“ Kinder jener Familien, die „häufig nicht das Geld haben, einen Schwimmkurs zu bezahlen“, sagt Vanessa Greve.

Und selbst wenn: Die Wartelisten bei den Vereinen sind lang, teilweise mit bis zu einem Jahr Wartezeit. Während die DLRG mit einem halbjährigem Kursprogramm arbeitet, findet der Schwimmunterricht beim VfR durchgängig statt.

Hinzu kommen Angebote von der VHS; geleitet von Trainern aus Vereinen wie dem VfR. Doch auch hier ist Nachfrage deutlich höher als das Angebot.

Aufgabe der Grundschullehrer

Also liegt die Aufgabe oft bei den Grundschulen. Aber immer weniger Schwimmbäder, fehlende Hallenzeiten für Schulen, längere Anreisen mit dem Bus und damit eine verkürzte Zeit, die tatsächlich im Wasser verbracht werden kann, führend zu fehlendem Schwimmunterricht. Für Schulkinder in Geilenkirchen kommt erschwerend hinzu, dass Anfang April das Hallenbad abbrannte.

„Im Moment können wir gar keinen Schwimmunterricht anbieten“, sagt der erste Beigeordnete der Stadt, Herbert Brunen. „Wir sprechen mit der Versicherung, um abzusehen, mit welcher Summe wir rechnen können. Aber auch die Planungsphase für eine neue Halle wird dauern. Wir rechnen mit zwei bis vier Jahren.“ Zeit, in der viele Kinder nicht wie im Kernlehrplan festgesetzt, Schwimmunterricht erhalten.

Darum werden Alternativen untersucht, erzählt Brunen, etwa in Übach-Palenberger Hallen auszuweichen. Entsprechend müsste ein Transport gewährleistet sein und die Schwimmzeiten koordiniert werden. „Das ist im Gespräch und soll innerhalb des Schuljahres, zumindest für die Grundschulen realisiert werden“, verspricht Brunen.

Doch Vanessa Greve räumt ein: „Auch Übach-Palenberg hat nur begrenzte Möglichkeiten. Eine weitere Stadt in den Hallen unterzubringen ist schwierig.“ Die DLRG ist nach dem Brand der Geilenkirchener Schwimmhalle in das Hallenbad in Linnich ausgewichen.

Erst- und Zweitklässler

In Übach-Palenberg wird der Schwimmunterricht in Grundschulen vor allem für die Erst- und Zweitklässler angeboten. „Hinzu kommen ergänzende Maßnahmen vom VfR“, sagt der erste Beigeordnete Helmut Mainz.

Doch zu jedem Angebot gehört qualifiziertes Fachpersonal; nicht jeder Grundschullehrer verfügt über die entsprechende Lizenz. Fällt ein Lehrer mit Qualifikation aus, findet auch der Unterricht nicht statt. Manche Schulen holen sich deshalb Unterstützung von erfahrenen Schwimmtrainern der umliegenden Vereine. Andere eben nicht. „Ein Lehrer kann der kompletten Klasse dann keinen Unterricht erteilen. Manche Kinder können schwimmen, andere gar nicht“, sagt Manfred Rothärmel. „Da das Mittelmaß finden, ist schwierig.“

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