Geilenkirchen - Acht Minuten für gute Tricks am Strand

Acht Minuten für gute Tricks am Strand

Von: Wilfried Rhein
Letzte Aktualisierung:
So sieht ein Deutscher Vizemei
So sieht ein Deutscher Vizemeister aus. Sebastian Wagner vor seinem Arbeitsgerät und mit dem Board in der Linken. Den Pokal errang er auf Fehmarn.

Geilenkirchen. Wer in Urlaub fährt, hat ein Ziel. Für Sebastian Wagner heißt das: Wind, kräftiger Wind. Gibt es den nicht am geplanten Ort, wird improvisiert. Denn das große Ziel für den 17-jährigen Schüler aus Waurichen war nichts Geringeres als ein Spitzenplatz bei der Deutschen Meisterschaft, und zwar die im Kitesurfen.

Sebastian Wagner ist jetzt Vizemeister in dieser außergewöhnlichen Sportart.

Gut drei Wochen vor diesem Datum des großen Karrieresprungs für den blonden Athleten war das fünf-Tonnen-Wohnmobil der Wagners reisefertig. Mutter Elvira und Vater Herbert kennen die Route: Erst mal auf die A 1, Bremen, Hamburg, Flensburg, Dänemark sollten die Stationen sein. Nun kam das anders, in diesem verrückten Sommer.

Kitesurfer kennen ihre Quellen, um dem Wind hinterher zu surfen. Zunächst im Internet. Die Technik macht das natürlich auch mobil möglich. Hinter dem Elbtunnel also die Apps abgefragt. Ergebnis: Das mit Wind und Brandung am Wunschplatz im Ort Hvide Sande wird wohl nichts. Flaute - Luftbewegung unzureichend.

So nah am Meer gibt es Alternativen. Und Familie Wagner ist da sehr flexibel. Was macht Sankt Peter Ording? Für Sebastians Training auf dem Board und dem hohen Schirm durchaus akzeptabel. Zudem ist das Terrain dort der Familie seit rund fünf Jahren bekannt. Sogar der Parkplatz am Strand, sieben Euro Miete am Tag, ist nichts Neues mehr. „Da trifft man stets wieder Kite-Kollegen und andere Bekannte”, freute sich auch Sebastian, der seit etwa sechs Jahren diesem Sport frönt.

Böen nicht beliebt

So sieht man auch schon mal die spätere „Konkurrenz”, wie hoch deren Leistungsstand einzuschätzen ist, wenn sie ihren „Raily Handlepass” oder andere Wettkampftricks auf dem leichten Kunststoffbrett fährt.

Aber Dänemark, die Ecke dort zwischen Nordsee und Fjord, war ja noch nicht aufgegeben. Drei Tage Sankt Peter Ording, und weiter ging es. Guter Südwest, bei durchweg fünf Beaufort-Windstärken, gab es dort. In den Expertenköpfen geht es da schon rund, welchen Schirm man wählt - unter vieren sucht man üblichwerweise aus - und wie kräftig man die Ränder aufpumpt, um ansehnlich zu springen. Hat man dann auch noch zwei Boards in der Ausrüstung, wäre das schon ein Normalwert von bis zu 7000 Euro.

Danke, Sommer: Auch das Wetter hielt nur eine Woche. Das wirft die Wagners nicht um. Rund 200 Kilometer entfernt am dänischen Oststrand, bei Kegnaes, war wieder beständiger Wind angesagt. „Das ist für uns Kiter besser als plötzliche Böen”, sagt Sebastian. Und Urlaub im mobilen Trainingslager ist auch ganz spannend. Wobei der letzte Zielort ja noch ausstand. Fehmarn - der Ort für die Deutsche Meisterschaft, den Contest der Freestyler.

56 Kiter in die „Heats”

Letzter Wechsel mit dem Wohnmobil über 180 Kilometer auf die Insel, vier Tage vor dem Wettbewerb. Einige waren schon da, von den lieben „alten” Gesichtern der Kitesurfer, die allein in der Juniorenklasse zu 56 Teilnehmern gemeldet hatten; in der höheren Klasse traten rund 30 Sportler an. „Man belauert sich vor dem Contest zwar auf dem Wasser, aber sonst sind wir untereinander Freunde”, gibt Sebastian Wagner die Stimmung wieder.

Um diese Zeit noch waren alle gleich. Der erste Wettkampftag brachte für jeden die übliche Prozedur: Kontrolle der Einschreibung, Vergabe der Startnummen, Auslosung der einzelnen Ausscheidungsrennen, den „Heats”, die in Vierergruppen gefahren werden. Da waren sie schon nicht mehr alle auf einer Ebene. Rund ein Dutzend der Junioren hat bei zurück liegenden Trophys eine so ordentliche Wertung bekommen, dass sich diese Kitesurfer als „gesetzt” an der Vorqualifikation nicht beteiligen müssen.

Sebastian Wagner gehörte dazu. Der Junior ProCamp-Sieger aus dem Jahr 2008 hatte jüngst im Mai vor Büsum mit seinen Tricks auf dem Board noch die Jury überzeugen können. Als kurz vor der Entscheidung dort auch noch der Winddruck wegsackte, teilte er sich den ersten Rang mit sieben Kameraden. Für den 17-Jähigen, der demnächst in das Berufskolleg für Technik in Erkelenz mit dem Ziel Maschinenbau-Studium einsteigt, bedeutete das Büsumer Ergebnis schon mal einen Startplatz unter den vorderen 16 Kitern.

Höhe nicht ausschlaggebend

In vertretbarer Strandnähe, damit die Jury aus dem Richterturm den Überblick behält, ist für die Kiter ein 100 mal 100 Meter großes Wasserareal durch Bojen und Tonnen markiert, in dem sich die Freestyler entfalten können. „Der Wertungslauf beginnt mit einem Flaggenzeichen vom Strand”, erklärt Sebastian Wagner Details. „Bis dahin muss man sich in dem Bereich die beste Ausgangsposition ausgesucht haben.” Dann wird mit Board und Schirm gedreht und gesprungen, das Zugseil tanzt um den Körper im Neoprenanzug.

In der achtminütigen Wertungszeit sind - nach Möglichkeit- 16 Sprungvarianten vorzuführen „Dabei kommt es an auf Style, Geschwinigkeit und Dynamik. Die Höhe der Sprünge ist gar nicht so ausschlaggebend”, hat Sebastian Wagner erfahren.

Jetzt, vor Fehmarn, war der dritte Wettkampftag angebrochen, Sebastians Einsatz um 8 Uhr. Drei Heats benötigte der 17-Jährige aus Waurichen - und stand im Finale. Aber auch im Regen. Danke: Sommer. Gegen Mittag war der Wind weg. Eine Stunde Pause, sagten die Richter. „Das war dickes Pech”, erinnert sich der Top-Kiter, „es war 16 Grad kalt, und ich kühlte trotz Anzug recht schnell aus.”

Als es weiterging mit dem entscheidenden Heat fuhr Sebastian Wagner aufs Wasser mit Finalist Nils Wesch aus Flensburg. Das ist dieser Athlet in seiner Klasse, von dem die Kiter sagen: Ach, der! Also volle Konzentration auf das Programm: „In dem Moment schaut man auch nicht mehr auf den Konkurrenten. Da muss man nur noch seinen Style rüberbringen.”

Was nicht so einfach war. „Ich spürte in der zweiten Hälfte, dass mich die Kälte kraftloser gemacht hatte”, schildert Sebastian Wagner sein Gefühl, wie ihn die Jury sehen würde. Und er spürte - wie er jetzt nach Abstand zum Geschehen auf Fehmarn in Fairness zugibt -, „dass Nils einfach besser war”.

Mit Pokal nach Hause

Er sollte recht behalten. Dennoch musste es trotz aller Widernisse für ihn ein großer Triumph gewesen sein, als ihn die Richter-Stimmen zum Deutschen Vizemeister erklärten. Gegen 16 Uhr hielt Sebastian Wagner Pokal und Urkunde in den Händen.

Die kamen gleich ins Wohnmobil, denn die Rückreise von der Urlaubstour mit den überraschenden Zielen drängte. Acht Stunden vor sich und 650 Kilometer. Egal, woher der Wind wehte.

Von der World-Tour bald an die Atlantikküste

„Erfahrungen sammeln” gilt für Sebastian Wagner persönlich immer noch als vorrangige Aufgabe in seinem Erfolgssport Kitesurfing. So war er nur vier Tage nach seinem Erfolg in Fehmarn schon wieder unterwegs nach Sankt Peter Ording. Dort wartete eine World-Tour-Teilnahme der Professional Kiteboard Riders Association (PKRA) auf den 17-Jährigen aus Geilenkirchen-Waurichen.

Unter den 130 Teilnehmern befanden sich auch Spitzen-Kiter mit internationalem Rang. Sebastian Wagner kam nach dem ersten Heat eine Runde weiter. Dann wurde er gegen Alex Soto gelost. Gegen den Profi aus der Dominikanischen Republik und 7. der Weltrangliste hatte er wenig Chancen.

„Viel Spaß gehabt und neue Freunde gefunden”, ist für Sebastian Wagner eine besondere Bilanz des Wettkampfwochenendes an der Nordsee. Die nächste Prüfung erwartet ihn im Oktober bei der Euro-Tour in Vendeé bei Nantes an der französischen Atlantikküste.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert