Übach-Palenberg - 80 Kilometer von der IS-Hochburg entfernt: Flüchtlingshilfe im Irak

80 Kilometer von der IS-Hochburg entfernt: Flüchtlingshilfe im Irak

Von: Ines Kubat
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Übach-Palenberg. Schon bevor sie den Checkpoint erreichen, sieht Michael Corsten die Soldaten, die große Kalaschnikows im Arm halten. Es ist seine erste Pass-Kontrolle im Irak. Ein mulmiges Gefühl beschleicht den 27-Jährigen, als der Soldat Corstens Reisepass nimmt, kritisch beäugt und ihn schließlich in der eigenen Brusttasche verstaut.

Daraufhin zückt der Kontrolleur seinen eigenen Pass, hält ihn Corsten vor die Nase und fragt: „Deutsch, ja? Sollen wir tauschen?“. Dann lächelt der Soldat, und Michael Corsten entspannt sich. Es war nur ein Scherz. Viele Checkpoints und viele Ausweiskontrollen hat der Geilenkirchener seitdem im Irak, beziehungsweise in dem autonomen Gebiet Kurdistan, erlebt. Dort war Corsten für fünf Wochen als THW-Helfer in Flüchtlingscamps im Einsatz.

Eigentlich arbeitet er bei der Bezirksregierung in Düsseldorf. Doch seit knapp zehn Jahren engagiert sich Corsten bei dem Hilfswerk in Übach-Palenberg. Er ist geschult im Hochwasserschutz, in erster Hilfe und hat zahlreiche Fortbildungen absolviert. Doch das reichte Corsten nicht, er wollte im Ausland helfen. In einem längeren Prozedere aus ärztlichen Untersuchungen und Fortbildungen ließ er sich fit machen für den Einsatz; „Auslandsbefähigung“ nennt sich das beim THW.

Im Dezember schließlich kam die Nachricht von der THW-Leitung, dass man einen Einsatz für ihn gefunden habe: Die Instandhaltung und den Ausbau von Flüchtlingscamps im Nordirak. Wenige Tage blieben ihm, um seine Entscheidung zu treffen, Sicherheit- und Unsicherheiten abzuwägen. Und Corsten sagte zu.

Danach ging alles ganz schnell: Kurz vor Weihnachten bekam er den endgültigen Auftrag. Kurz vor seinem Abflug Anfang wurde der 27-Jährige über die besondere Situation das Land aufgeklärt, das sich in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand befindet und seit Jahren von der Terrormiliz IS heimgesucht wird.

„Meine Familie hat sich natürlich Sorgen gemacht“, sagt Corsten. Gleichzeitig hätte sie ihn aber unterstützt. Er selbst habe dem THW vertraut, dass es seine Leute nicht in große Gefahrensituationen schickt. Und tatsächlich war er nicht direkt im Irak, sondern im Nordirak, eingesetzt, eine autonome Region der Kurden mit eigener Regierung, die „nicht so viel mit den sonstigen Konflikten des Landes zu tun hat und sogar recht gut entwickelt scheint“, beschreibt Corsten seinen Eindruck.

Und dennoch: Erbil, die Stadt, in der er untergebracht war, ist knapp 80 Kilometer von Mossul entfernt, das schon lange in Hand des IS liegt. Die beiden Städte trennt nur ein Fluss und eine Grenze, die es offiziell gar nicht gibt. Entsprechend hoch waren die Sicherheitsvorkehrungen bei seinem Aufenthalt: Seine Unterkunft war gesichert, fortbewegt hat er sich nur mit einem einheimischen Fahrer.

Der konnte ihn auch beruhigen, wenn man in der Ferne Schüsse hörte. Wenn des nachts Militärhubschrauber über der Stadt flogen, musste er sich selbst beruhigen. „Ich bin davon ausgegangen, dass man mir Bescheid sagt, wenn etwas passiert.“

Denn trotz allem sagt er: „Ich habe mich nie wirklich unsicher gefühlt.“ Das lag unter anderem an der Gastfreundschaft der Menschen dort. Denn als THW-Helfer sei er überall positiv aufgenommen worden – auch bei der Arbeit in den Camps, die Binnenflüchtlingen aus dem Irak und Flüchtlingen aus Syrien eine Unterkunft bieten.

Seit 2013 ist das THW in dem Gebiet aktiv, hat einige Lager mit aufgebaut, andere weiterentwickelt. Offiziell gehören sie zu UN-Hilfswerken, diese wiederum beauftragen nationale Hilfsorganisationen wie das THW. Es übernehme technische Aufgaben, wie den Aufbau und Instandhaltung von Straßen, Wasser/Abwasser, Schulen und Krankenhäusern. Doch auch für die Logistik, IT, oder Schulung und Ausbildung von Fachkräften sei das Hilfswerk manchmal zuständig.

Corstens Aufgaben als „Camptechniker“ waren ganz unterschiedlich: „Zunächst habe ich eine Bestandsanalyse in den Camps gemacht“, sagt er. Denn die Lager, die meist mitten in der Pampa errichtet wurden, sind auf einem sehr unterschiedlichen Entwicklungsniveau: Manche hätten noch offene Abwassergräben und keine festen Stellplätze für die Zelte, in besser entwickelten habe jede Familie eine eigene Wohn-Parzelle mit gemauertem Sockel, einer kleinen Toilette, Dusche und einem Kochbereich.

Der Geilenkirchener war beispielsweise dafür zuständig, dass die Müllbeseitigung funktioniert und die Abwasserkanäle ihre Dienste tun. Dafür stellte er beispielsweise Helfer ein, die Unrat aus Gräben aufsammelten. Außerdem hat er auch Projekte, die schon länger laufen, abgeschlossen, wie zum Beispiel den Aufbau sogenannter Ikea-Shelter. Das sind stabilere Zelte zur Unterbringung von Flüchtlingen. Bei diesen Unterkünften hat er geprüft, ob alles ordnungsgemäß aufgebaut wurde, bevor sie für die Bewohner freigegeben werden konnten.

Auch die Einstellung von lokalen Mitarbeitern und sogar von Flüchtlingen fiel in Corstens Verantwortungsbereich. Dabei vergaben er entweder kleine Hilfstätigkeiten, lernte aber auch manche Menschen an. Unter anderem Frauen bringt das THW vor Ort auch handwerkliche Fähigkeiten bei, damit sie selbst Geld verdienen können. Denn es gehe darum, Perspektiven zu schaffen.

Obwohl sich manche Camps zu richtigen Städten entwickeln, und beispielsweise Schulen, Kindergärten oder eine Moschee haben – ein Zuhause werde es für die oftmals Flüchtlinge nicht. Die paar Quadratmeter Wohnfläche seien häufig zu wenig. Doch vor allem die Perspektivlosigkeit treibe manche zur Flucht aus den Camps, zum Beispiel in Richtung Europa.

Wenn Corsten heute von seiner Zeit im Irak erzählt, lächelt er eigentlich fortwährend. Doch er habe auch Leid gesehen, berichtet er. „Einmal ist ein Teil eines Camps Feuer zum Opfer gefallen. Auch Menschen haben dabei ihr Leben verloren.“ Doch vom Leid und den Problemen im Camp redet er nicht gern, er will sich nicht als Effekthascher in den Vordergrund stellen, der mit Schreckensbildern aus dem Einsatz zurückkehrt. „Ich bin da, um zu helfen.“

Genau das hat er getan und sei heute stolz auf seine Leistung. Genauso, wie die THW-Ortsverband Übach-Palenberg, deren erstes Mitglied er ist, das bei einem solchen Auslandseinsatz war. Immer wieder würde sich der junge Mann zum Helfen im Ausland melden, auch für einen erneuten Einsatz bei Erbil. Selbst wenn es wieder nur fünf Wochen sind und der Effekt, den man hat, begrenzt sein mag. Denn, so sagt Corsten: „Jeder Schritt, den man dort unternimmt, ist ein Gewinn an Lebensqualität für die Menschen vor Ort.“

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