54 Mahlzeiten und traurige Geschichten

Von: Daniela Martinak
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Oft stehen die Senioren bereits an der Tür, wie Franz Bingen, um das Essen entgegenzunehmen. Da wird an der Haustüre auch gerne schon mal ein kurzes Pläuschchen gehalten. Fotos: Daniela Martinak Foto: Daniela Martinak
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Auch diese Dame erwartet ihr Essen schon freudig. Fotos: Daniela Martinak Foto: Daniela Martinak
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Das Essen sollte eine Temperatur von 70 Grad haben, wenn der Kunde die Plastikfolie entfernt. Fotos: Daniela Martinak Foto: Daniela Martinak

Geilenkirchen. Zum 54. Mal schnallt Claudia Zantis sich heute ab. Genauso oft hat sie sich auch angeschnallt. 54 Mal wurde der Motor des Autos gestartet, 54 Mal die Autotüre auf und wieder zu gemacht. Noch viel öfter hat sie an den Haustüren geklingelt und „einen guten Appetit“ gewünscht. Schließlich wurde nicht gleich geöffnet, oder das Gesagte musste wiederholt werden.

„Es sind halt ältere Leute“, erklärt die Mitarbeiterin des Franziskusheimes Geilenkirchen geduldig. Seit acht Jahren fährt sie tagtäglich für den „Fahrbaren Mittagstisch“ der Senioreneinrichtung.

Bereits am frühen Morgen geht es in der Küche der Einrichtung heiß her. Jeden Tag stehen abwechslungsreiche Gerichte auf dem Speiseplan. „Die Leute sind so anspruchsvoll gar nicht“, erklärt Juri Truschin, der zweite Küchenchef, „aber sie stehen nicht so auf Experimente. Mit traditioneller Hausmannskost kann man nichts falsch machen.“

Auch heute dürfen die Senioren, die das Essen geliefert bekommen, weil sie etwa nicht mehr eigenständig am Herd stehen können, zwischen drei Speisen wählen: Hühnerfrikassee mit Spargel, Erbsen und Champignons, dazu Reis, oder gebratene Scholle mit Gemüse und Kartoffeln oder Kartoffelgratin mit Frühlingszwiebel und Salat.

„Die Menüs kosten zwischen 4,75 Euro und 6,25 Euro. Je nachdem ob es Fleisch dazu gibt oder Fisch oder nur Kartoffeln. Zu jedem Gericht gibt es einen Nachtisch, die Leute freuen sich über was Süßes“, versichert die Fahrerin des Mittagstisches. Hunderte dieser Menüs hat Koch André Petz heute gekocht – für die Bewohner des Franziskusheimes, für die Mitarbeiter, die in der Kantine essen und natürlich für die 54 Kunden, die heute beliefert werden.

Ab zehn Uhr flitzt Claudia Zantis hin und her. Von der Küche ins Büro, wieder zurück, zum Auto, wieder in die Küche und schließlich steht sie samt Essenwagen und Liste vor dem Auto, welches mit großen Aufklebern auf seine Funktion hinweist: „Fahrbarer Mittagstisch“. Kontrolliert wird zuvor immer gründlich.

Zantis liest die Liste laut vor und wirft einen Blick auf und in die 56 Schachteln. Aber Moment mal, warum denn plötzlich 56? „Wir nehmen stets zwei Probeessen mit. Eins davon kommt in die rechte Wärmekiste, die im Kofferraum steht, eins in die linke. So können wir kontrollieren, ob die Boxen die Speisen auch ausreichend warm halten“, erklärt Zantis.

77 Grad hat das Essen, wenn es aus dem Ofen oder vom Herd kommt, 70 Grad sollte es haben, wenn der Kunde die Plastikfolie abzieht. Drei Stunden lang darf es nicht weiter abkühlen. So lange braucht Zantis, um ihre zwei Touren abzufahren. Erst geht es auf´s Geilenkirchener Land nach Grotenrath, Gillrath, Hatterath und Niederheid über Tripsrath und Süggerath nach Kraudorf. Von dort nach Lindern, Flahstraß, Leiffrath und Würm, nach Beeck, Apweiler, Immendorf und Prummern.

Claudia Zantis wird von beinahe jedem begrüßt, wie eine Freundin. „Ich habe zwar wenig Zeit – schließlich hätten am liebsten alle das Essen pünktlich um zwölf auf dem Tisch –, aber ich höre mir die Geschichten der Leute an, stelle schon mal die Mülltonne raus oder schneide ihnen das Fleisch klein. Das schätzen sie sehr und ich mache es auch gerne“, sagt die engagierte Mitarbeiterin.

Getrud Clemens etwa. Die ältere Dame hat nur noch einen Arm und schafft es alleine nicht, die Fleischscheiben klein zu schneiden. „Ich möchte Frau Zantis auch nicht immer solche Mühe bereiten. Ich weiß ja, dass sie im Stress ist, deshalb bestelle ich oft kein Fleisch, aber manchmal esse ich eben schon gerne welches.“ Viele von ihnen haben keinen Partner mehr, haben eine Behinderung und sind nur froh, mal ein nettes Gesicht am Tag zu sehen.

Wenn es dabei auch noch etwas Leckeres zu essen gibt: umso besser. „Wir beanspruchen seit zwei Jahren diesen Service. Meine Frau kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kochen und ich schaffe es einfach nicht“, muss Josef Lyne von Berg zugeben. So geht es vielen anderen auch. Franz Bingen etwa oder Sibylla Keimes.

Die ältere Dame gesteht: „Jeden Tag für sich alleine zu kochen macht doch mehr Mühe als alles andere. Das Essen aus dem Franziskusheim schmeckt mir, und ich habe weniger Arbeit. In meinem Alter ist das mit dem Haushalt leider nicht mehr so einfach.“ Zantis muss ein paar Mal schlucken und das ein oder andere Tränchen verdrücken, wenn sie solch traurige Geschichten Tag für Tag hört.

Beliefert werden täglich etwa 60 Leute ab 60 Jahren und aufwärts. Viele erzählen aus ihrem früheren Leben: „Da ging das alles noch. Heute bin ich alleine, habe niemanden mehr und nichts geht mehr.“ Nachdem 41 Senioren in den umliegenden Dörfern eine warme Mahlzeit auf dem Tisch haben, geht es zurück zur Senioreneinrichtung: Der Vorrat ist aufgebraucht. Nachschub muss her. Schließlich wollen 13 Leute aus der Stadt auch noch satt werden.

Acht Jahre lang gibt es den Fahrbaren Mittagstisch bereits. So lange sitzt Claudia Zantis beinahe jeden Morgen in dem weißen Kastenwagen, dessen Kilometerstand inzwischen die Zahl 200.000 zeigt. Nur, wenn sie frei hat, springt ein Kollege ein. „Immer mehr Leute nehmen das Angebot an. Es ist der Lauf der Zeit“, sagt Claudia Zantis.

Zum letzten Mal an diesem Tag schnallt sie sich ab. Morgen hat sie genauso oft den Sicherheitsgurt in der Hand, klingelt an Türen und bereitet denen, die sich selbst nicht versorgen können ein Lächeln und überreicht eine warme Mahlzeit.

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