Erdwärme: Grünenthal reichen 150 Meter

Von Robert Esser | 21.10.2011, 21:00

Aachen. Ein bisschen peinlich ist das den Architekten schon. Weil der Vergleich hinkt. Nachdem die RWTH unter ihrem Prestige-Bau Super C in Aachen spektakulär mit dem Vorhaben gescheitert ist, aus einem fast zwei Kilometer langen Rohr Erdwärme aus der Tiefe in eine Heizung zu befördern, löst der Begriff «Geothermie» bei hiesigen Bauherren nämlich eigentlich keine Freudensprünge mehr aus.
Anders bei Grünenthal. Der Pharma-Riese hat am Freitag im Gewerbegebiet Eilendorf-Süd den Grundstein für ein zwölf Millionen Euro teures Bürogebäude gelegt - inklusive Erdwärmeheizung.

«Unsere Variante funktioniert auf jeden Fall und sollte bei jedem Neubau über 1000 Quadratmeter Nutzfläche Schule machen», sagt Architekt Gerhard Wittfeld. Der Standort Aachen sei aufgrund seiner geologischen Bedingungen für Geothermie-Projekte prädestiniert.

Das Konzept klingt simpel: Grünenthal ließ unter dem Gebäudefundament 26 Betonpfeiler lediglich 150 Meter tief ins Erdreich rammen. In den Pfeilern zirkuliert Wasser durch 104 fingerdicke Rohre. «Im Spätsommer beträgt die Temperatur dort unten rund 18 Grad Celsius, nach dem Winter etwa zehn Grad», erklärt Wittfeld. Über eine elektrisch betriebene Pumpe wird das Wasser ins Gebäude geleitet und um wenige Grad auf Zimmertemperatur weiter erwärmt.

Dann fließt es in tausenden Schlauchschleifen durch die Decken des siebenstöckigen Komplexes an der Zieglerstraße. Und weil die vier gegeneinander versetzten Kuben des Baukörpers hervorragend gedämmt sind und das Sonnenlicht durch die langen Fensterfronten zusätzliche Wärmeenergie liefert, sollten die 200 Mitarbeiter selbst im tiefsten Winter nicht frieren.

«Das Erdreich arbeitet wie ein Wärmespeicher, die Ersparnis bei den Heizkosten ist immens», betont der Architekt. Im Hochsommer lasse sich das System umkehren, um die Klimaanlage zu kühlen. 210 Kilowatt reichen, um Büros und Labors auf 7500 Quadratmetern zu versorgen. Ein herkömmliches Einfamilienhäuschen verschlingt bereits 25 Kilowatt.

«Dadurch amortisiert sich die Investition in die moderne Geothermie-Technik sicher schon nach zehn Jahren», sagt Wittfeld. Zum ersten Mal werde solch eine inte-grierte Erdwärme-Lösung in dieser Dimension realisiert, heißt es.

Anfang 2013 soll das neue Gebäude mit einer Höhe von gut 25 Metern im Grünenthal-Campus stehen - mit einem weitläufigen Vorplatz bis zur Neuenhofstraße. Parallel investiert Grünenthal am Standort Aachen weiter - 100 Millionen Euro in den kommenden drei Jahren.

«Ziel des Grünenthal-Campus ist es, die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu stärken, in dem alle dafür entscheidenden Geschäftseinheiten an einem Standort eng zusammenrücken», erläutert Grünenthal-Geschäftsführer Stefan Genten. Der Finanzchef des Unternehmens, das in Aachen 1700 Mitarbeiter zählt, betont, dass der Campus «die größte Investition in der gesamten Unternehmensgeschichte darstellt».

Geld steckt der Konzern allerdings nicht nur in neue Gebäude, sondern auch in die Personalstruktur. Im Forschungsbereich wurden zuletzt 140 Wissenschaftler eingestellt. «Grünenthal ist eines von nur noch fünf forschenden Arzneimittelunternehmen in Deutschland. Damit das so bleibt, müssen wir vor allem in Forschung und Entwicklung investieren», bekräftigt Genten.

Schwerpunkt sei die Suche nach neuen Wegen, «um Schmerzen besser, nachhaltiger und mit weniger Nebenwirkungen zu lindern». 2010 setzte die Grü-nenthal-Gruppe - mit 4900 Mitarbeitern in 36 Ländern - 910 Millionen Euro um. Knapp 30 Prozent des Umsatzes fließen laut Grü-nenthal in die Entwicklung neuer Medikamente.

Ein Schlüssel als Symbol für Forschungserfolge, eine Aachener Zeitung, ein Münzset und die Architekturpläne sind nun in einer Schatulle im Grundstein eingemauert. Transparent und offen soll hingegen die terrassenartige Struktur des Gebäudes nach außen wirken. «Funktional und energetisch überzeugend ist der Entwurf, und so wird das Gebäude die Philosophie unseres Familienunternehmens bestens transportieren», lobt Genten.

Theoretisch hätte das Grünenthal-Gebäude dank Geothermie und hochdämmender Materialien sogar das rare Umwelt-Zertifikat «Green Building» einstreichen können. Aber dieses Etikett hatte sich das Super C schon vor Jahren erkauft. Und auch diesbezüglich wäre Grünenthal ein Vergleich wohl eher peinlich.