Nichts geht mehr: Der Absturz von René Schnitzler

Von René Benden | 07.09.2011, 12:14

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Wegberg. Es muss gegen drei Uhr morgens sein. René Schnitzler ist gerade 18 Jahre alt geworden und hängt mit ein paar Freunden im Casino Aachen rum, so wie es viele Jungs tun, die ihre Volljährigkeit zelebrieren. Alle haben ein paar Euro verzockt. Nun ist es Zeit, nach Hause zu fahren. Doch Schnitzler lässt dieser Roulette-Tisch nicht los.
Er rennt zum Geldautomaten, räumt alles von seinem Giro-Konto, was noch drauf ist - 150 Euro - und setzt alles auf Rot. Die Kugel fällt auf Schwarz, Schnitzlers Geld ist weg, und er steht dort in edlem Ambiente und kann nicht fassen, dass es das jetzt gewesen sein soll.

150.000 Euro in einer Nacht

Was für die Meisten eine Lektion gewesen wäre, ist für Schnitzler eine Herausforderung, ein Kick, ein Beginn. «Die Enttäuschung über das verlorene Geld war schon nach wenigen Stunden weg, und ich habe überlegt, wie ich die Kohle zurückgewinnen kann», erzählt er. Bald schon ist Schnitzler wieder im Aachener Casino oder in Venlo oder in Duisburg oder, oder, oder.

Er wird sich in der legalen und illegalen Szene den Ruf eines besessenen, unkontrollierbaren Spielers erwerben. Einer, der in einer schlechten Nacht auch schon einmal 150.000 Euro verliert. Er wird seine hoffnungsvolle Fußballerkarriere wegwerfen, er wird Menschen Geld schulden, denen man besser nichts schuldig bleibt. Er wird sich mit der Wettmafia abgeben, er wird in den größten Wettskandal der Fußball-Bundesliga verwickelt und nicht zuletzt die Menschen, die ihn lieben, zur Verzweiflung treiben.

Seit dieser Nacht in Aachen sind nun acht Jahre vergangen. Schnitzler sitzt auf der Terrasse eines Wegberger Cafes und versucht mit Worten ein wenig Ordnung in das Chaos seiner jüngeren Vergangenheit zu bringen. Früher, als er noch Fußballer war, wollte er immer im Mittelpunkt stehen. Vor laufende Kameras treten, in Mikrofone sprechen. Heute nervt ihn diese Aufmerksamkeit. Wenn es ihm zu viel wird, schaltet er sein Handy aus und legt sich schlafen. «Ich schlafe im Moment viel über Tag. Nachts ist es angenehmer, da ruft mich keiner an. Da habe ich meine Ruhe.» Doch tief in seinem Inneren weiß er, dass diese Ruhe nicht echt ist.

Die Staatsanwaltschaft Bochum, die im Fall des Fußball-Wettskandals ermittelt, bereitet gerade eine Klage gegen ihn vor, an deren Ende eine Gefängnisstrafe stehen könnte. Außerdem schuldet er dem holländischen Wettpaten Paul Rooij eine Summe zwischen 100.000 und 400.000 Euro. Schnitzler nippt an seiner Cola und zuckt mit den Schultern. «Ich fürchte, da kommt noch was.»

Die Journalisten Wigbert Löer und Rainer Schäfer haben Schnitzlers ungewöhnliches Leben in «Zockerliga» beschrieben. Es ist ein Buch, das nicht nur den Niedergang eines jungen Mannes beschreibt, der mit den Privilegien und dem Geld seines Berufs überfordert ist. Es zeichnet auch ein weitestgehend unbekanntes Bild der glamourösen Fußballwelt, in der junge Profis vor lauter Langeweile fast zwangsläufig auf dumme Gedanken kommen, die fast immer etwas mit Geld, mit Frauen oder beidem zu tun haben.

Als Schnitzler in der A-Jugend von Mönchengladbach spielt, scheint sein Weg in die 1. Liga vorgezeichnet. Er ist ein bulliger Mittelstürmer, dem der damalige DFB-Trainer Michael Skibbe doppelt so großes Talent wie Mario Gomez attestiert. Wenn es auf dem Platz eng wird, wussten seine Teamkollegen Marcell Jansen, Marco Marin und Eugen Polanski, dass sie die Kugel im Strafraum irgendwie zu «Schnitzel» spielen müssen. Der macht das Ding dann schon rein.

Als er zu Bayer Leverkusen wechselt und Trainer Klaus Augenthaler ihn behutsam für Bayers Zeit nach Dimitar Berbatov aufbauen will, ist Schnitzler eigentlich schon am Ziel. Doch noch größer als sein Talent ist seine Naivität, die ihn stets in den Glauben versetzt, alles werde schon für ihn laufen. Er lässt sich ablenken vom Geld, von schnellen Autos, dem schönen, sorglosen Leben eines Fußballprofis. Und es wird gezockt. Egal, wo er und seine Teamkollegen gehen oder stehen, sie spielen.
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