Eschweiler - Zwangsräumung: 67-Jährige landet in Obdachlosenunterkunft

Zwangsräumung: 67-Jährige landet in Obdachlosenunterkunft

Von: Sonja Essers
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Aus ihrem Zimmer traut sich Gisela Zehner nicht. Seit Mitte Dezember lebt sie in einer der Notunterkünfte an der Grachtstraße. Foto: Sonja Essers

Eschweiler. Verstopfte Toiletten, herausgerissene Steckdosen und laute Zimmernachbarn. Wer in der städtischen Notunterkunft an der Grachtstraße lebt, ist ganz unten angekommen. Einige von den derzeit 19 Bewohnern sind psychisch krank, andere alkohol- oder drogensüchtig. Fest steht: Sie brauchen Hilfe. Doch nicht jeder will sich helfen lassen.

Das ist auch bei Gisela Zehner der Fall. Seit dem 10. Dezember zählt sie zu den Bewohnern der Grachtstraße 25. Dabei müsste die 67-Jährige, die aufgrund einer Räumungsklage aus ihrer Wohnung ausziehen musste, dort gar nicht leben.

Die Stadt Eschweiler bot ihr ein Zimmer in einer der Unterkünfte an der Hüttenstraße an, die überwiegend von Familien und alleinstehenden Frauen bewohnt werden, doch die Rentnerin lehnte das Angebot ab. Ihre Begründung: „Man hat mir gesagt, dass es da noch viel schlimmer wäre.“ Außerdem könne sie nicht den ganzen Tag über Kindergeschrei ertragen.

Einen solchen Fall hat Demet Jawher, die sich bei der Stadt Eschweiler darum kümmert, Betroffene in den Notunterkünften unterzubringen, noch nicht erlebt. „Wenn wir Leute in einer anderen Unterkunft unterbringen können, geht das normalerweise immer ratzfatz“, sagt sie. Da Zehner nicht mit sich reden lasse, seien der Verwaltung an dieser Stelle die Hände gebunden. Die Rentnerin sieht das ganz anders. „Man hat mir gesagt, dass ich nur ein oder zwei Tage hierbleibe“, meint sie und macht die Stadt dafür verantwortlich, dass sie noch immer in der Notunterkunft lebt.

Bleiben möchte Gisela Zehner dort nämlich nicht. Sie ist sich sicher: „Hier wohnen nur Rauschgiftabhängige und Alkoholiker.“ So lange sie sich jedoch gegen einen Umzug sträubt, gibt es für die Rentnerin keine Alternative. Im Zimmer mit der Nummer zwei hat die 67-Jährige ihre Habseligkeiten verstaut. Eine Kiste mit Medikamenten steht unter dem Waschbecken, einige Kleidungsstücke hat sie auf das gegenüberstehende Bett gelegt, dessen Matratze noch eingepackt ist. Neben ihrem Bett steht ihr schwarzer Koffer. Ausgepackt hat sie nicht. Zehner sagt: „Ich wäre lieber im Gefängnis, da würde ich wenigstens drei Mal am Tag Essen bekommen.“

Hygiene-Probleme

Wie konnte es soweit kommen? Eine Auseinandersetzung mit ihrem ehemaligen Vermieter endete vor Gericht. 920 Euro soll Zehner ihm schulden. Sie will davon allerdings nichts wissen. Mitte Dezember folgte die Zwangsräumung der Wohnung an der Gutenbergstraße. Seitdem lebt Zehner an der Grachtstraße.

Stets an ihrer Seite: Kater Paolo. Dass Tiere in den Unterkünften verboten sind, stört die Rentnerin nicht. Aus einem Pappkarton hat sie für ihren Vierbeiner ein Katzenklo gebaut. Sie selbst behilft sich mit einem Eimer, der in ihrem Zimmer steht. Die Gemeinschaftstoiletten und -duschen in der Unterkunft nutzt sie nicht.

„Wenn ich dusche, dann kann mir jeder dabei zuschauen“, sagt sie und verzieht angewidert das Gesicht. Duschvorhänge gibt es nicht, und auch eine der beiden Toiletten im Erdgeschoss sei nicht nutzbar, schließlich laufe diese bereits seit mehreren Tagen über.

Dass die Säuberung der Toilettenanlagen ein großes Problem ist, weiß auch Demet Jawher. Regelmäßig werden diese vom Reinigungspersonal geputzt, obwohl das eigentlich zu den Aufgaben der Bewohner gehört. Bereits nach wenigen Tagen sähen diese genauso aus wie vor der Reinigung, so Jawher. Schließlich komme es immer wieder vor, dass Bewohner ihre Notdurft nicht in der Toilette, sondern daneben, auf dem Flur oder in ihrem Zimmer verrichten.

Für ihr Zimmer, das rund 13 Quadratmeter groß ist, zahlte Gisela Zehner im Monat Dezember 132 Euro. Die Kosten für die Zimmer liegen zwischen 75 und 250 Euro monatlich. Zehner verbringt dort den ganzen Tag. Nur selten geht sie vor die Tür. In die Küche, die sich im Keller des Gebäudes befindet, traut sich die Rentnerin nicht. „Da ist es eiskalt“, sagt sie.

„Sehr unauffällig“

In der vergangenen Nacht hat die 67-Jährige schlecht geschlafen. Im Zimmer nebenan sei es laut gewesen. Dass dies zum Problem werden kann, weiß auch Demet Jawher. Grund dafür: Die Bewohner bringen regelmäßig Besuch mit. Davon berichtet auch Gisela Zehner. Mehrfach habe es mitten in der Nacht an ihrer Tür geklopft. Aufgemacht hat sie nicht. Die Angst vor den fremden Mitbewohnern sei zu groß.

Regelmäßig ausrücken muss das Ordnungsamt der Stadt Eschweiler allerdings nicht, erklärt Amtsleiter Edmund Müller. An der Grachtstraße gebe es nicht mehr Einsätze als anderswo. Lärm und Abfall spielen dort also eher eine untergeordnete Rolle. Dennoch: Gisela Zehner fühlt sich in ihrem Zimmer nur sicher, weil eine kleine Flasche Pfefferspray neben ihrem Bett steht.

Sandra Schmitz von der Polizei Aachen berichtet, dass Auseinandersetzungen nicht an der Tagesordnung seien. „Aus unserer Sicht geht es dort sehr unauffällig zu.“ Neben Zehner wohnen zwei weitere Frauen in der Unterkunft Grachtstraße. Die beiden Obdachlosen fühlen sich dort wohl. „Sie haben sich bislang noch nicht beschwert“, erklärt Demet Jawher.

Wie geht es nun weiter? Die Mitarbeiter der Stadt versuchen, Gisela Zehner davon zu überzeugen, in die Unterkunft an der Hüttenstraße zu ziehen. Die 67-Jährige hat jedoch andere Pläne. Sie habe sich nach einer neuen Wohnung erkundigt und warte momentan auf die Rückmeldung des Vermieters. Dies würde auch Jawher begrüßen: „Eine Unterkunft ist nie eine Dauerlösung.“

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