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Zukunftsforscher: Zeit nach der Braunkohle ist nicht rabenschwarz

Von: Patrick Nowicki
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Zahlreiche Gäste hieß Bürgermeister Rudi Bertram am Samstag beim Neujahrsempfang der Stadt im Ratssaal willkommen. Foto: Patrick Nowicki
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Die Arbeitsgemeinschaft der Liebfrauenschule kümmerte sich um viele Projekte in der Stadt und erhielt dafür den 1. Preis bei „Jugend Plus“. Foto: Patrick Nowicki
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Ebenfalls ausgezeichnet: Julia Weidenhaupt und Julia Michels (r.). Foto: Patrick Nowicki
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Die Jugend der St.-Blasius-Schützen richteten den Spielehügel im Kinz­weiler Kindergarten wieder her. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Wer hätte sie nicht gerne, die Glaskugel, die einem verrät, was in Zukunft passiert? Ist ein Wandel im Gange, dann blicken Menschen oft ängstlich auf die kommenden Jahre. Eschweiler steckt mittendrin in einem Strukturwandel.

Die Energiewende deutet an, dass Strom aus Braunkohle in Zukunft nur noch eine kleine, wenn nicht sogar gar keine Rolle mehr spielen wird. Was passiert aber mit Eschweiler, was mit den vielen Arbeitsplätzen in der Region, die von der Braunkohleverstromung abhängig sind?

Dr. Lothar Mahnke ist jemand, der sich mit dieser und weiteren Fragen zur Zukunft des Rheinischen Reviers beschäftigt. Beim Neujahrsempfang im Ratssaal zeichnete der Forscher ein optimistisches Bild: Eschweiler hat Potenzial – man muss es nur nutzen!

Dr. Lothar Mahnke erarbeitet als Geschäftsführer der Regionomica GmbH die „Potenzialanalyse der Innovationsregion Rheinisches Revier“. In dieser Funktion steht er in engem Kontakt mit Eschweilers Bürgermeister Rudi Bertram, der ihn als Redner zum Neujahrsempfang einlud.

Die Gründe nannte Bertram in seiner Begrüßung: Es sei an der Zeit, Zukunftsperspektiven aufzuzeigen und Entscheidungsgrundlagen vorzubereiten, damit der Strukturwandel für die Zeit nach der Braunkohle tagtäglich in Eschweiler besprochen und bearbeitet werden könne.

Arbeitsplätze für jedermann

„Die Arbeitsplätze müssen möglichst lange erhalten bleiben und wenn sie fortfallen, sollten neue qualifizierte und mit Wertschöpfung verbundene Arbeitsplätze wieder geschaffen werden“, forderte der Verwaltungschef. Er hofft, dass die von der Europäischen Union zur Verfügung stehenden Fördermittel abgerufen werden. „Wir können in Europa eine Innovations- und Wissensregion werden“, rief er den zahlreichen Gästen aus Politik, Handel, Gewerbe und Gesellschaft zu. Allerdings solle man nicht nur Arbeitsplätze für Hochqualifizierte schaffen, sondern für jedermann.

Wie man dies schaffen könnte, zeigte Dr. Lothar Mahnke. „Das Jahr 2014 wird ein gutes Jahr für Eschweiler. Fragen Sie mich nicht warum, ich wollte nur positiv anfangen“, sagte er. Er erinnerte an die widersprüchlichen Nachrichten der vergangenen Tage, wonach der Braunkohleanteil an der Stromerzeugung auf dem höchsten Stand sei, man dennoch vom Aus der Braunkohle spreche.

Provokant fragte er auch, ob die Innovationsregion Rheinisches Revier eine Denkpause einlege. Seine Arbeit stützt Mahnke auf Analysen des Ist-Standes sowie auf über 50 Fachgespräche in der Region. Sein Fazit: „Wenn es eine Region in der Welt gibt, in der die Antworten auf die Energiewende zu finden sind, dann hier.“

Eschweiler schaute sich der Wirtschaftsgeograf und Physiker genauer an. Er stellte fest, dass fast 40 Prozent der Arbeitsplätze in produzierendem Gewerbe zu finden seien. Vor allem in der Metallerzeugung seien viele Arbeitsplätze zu finden. Beim Blick auf die Arbeitslosenstatistik kommt er zu dem Schluss: „Eschweiler hat sich von der Schließung des Steinkohlebergbaus nicht mehr erholt.“

Er belegt das mit der negativen Entwicklung in den Jahren 1991 bis 1994. Zur Erinnerung: Die Grube Emil Mayrisch wurde in 1992 geschlossen. Sein Schluss beim Blick auf die Wirtschaftsstruktur Eschweilers: Positiv wirken sich die Branchenstreuung aus, allerdings wirkt dem die Unsicherheit bei der Braunkohle entgegen.

Konkret ging er auch auf RWE Power ein: Nach seinen Untersuchungen geht er davon aus, dass im Rheinischen Revier etwa 40.000 Arbeitsplätze durch die Verstromung von Braunkohle bestehen. In der Städteregion seien es etwa 4000 Arbeitsplätze, also etwa zwei Prozent aller Jobs. In Eschweiler fällt der Anteil größer aus. Mahnke spricht von etwa zehn Prozent der Arbeitsplätze, die an die Braunkohle gekoppelt sind: „Diese Jobs in einem Zeitfenster von 20 Jahren aufzufangen, ist eine machbare Aufgabe.“ Er warnte davor, die Lage zu dramatisieren.

Dass das Rheinische Revier, in dem sich Eschweiler befindet, eine Region von enormer wirtschaftlicher Kraft ist, untermauerte der Zukunftsforscher mit Zahlen: „Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 200 Milliarden Euro besitzt die Innovationsregion Rheinisches Revier die gleiche ökonomische Power wie die Region Frankfurt am Main und München.“

Im Revier werde etwa ein Drittel des in Deutschland benötigten Stroms produziert. Zugleich wird er auch vor Ort benötigt, denn 40 Prozent des industriell benötigten Stroms in Deutschland werde dort auch verbraucht. Die Diskussion um den hohen Strompreis kommentierte er mit den Worten: „Den großen Batzen zahlen wir für Abgaben und Steuern und nicht für die Produktion.“

Nach der Ist-Analyse richtete er den Blick auf die Zukunft: Qualitativ und quantitativ habe das Revier in der Energieforschung ein Alleinstellungsmerkmal in Europa. Alleine im Forschungszentrum Jülich seien 4000 Mitarbeiter an der Energieforschung beteiligt. „Das Problem ist nicht, eine technologische Lösung zu finden, sondern das Zusammenspiel klappt nicht“, forderte er eine Bündelung der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Dazu müsse man allerdings die Entwicklungen sichtbar machen und in der Praxis erproben. „Wir müssen Pilot- und Referenzprojekte starten“, sagte er .

Dass allerdings das Zusammenspiel in der Region nicht immer klappt, machte er mit einem Beispiel sichtbar: „In Aachen arbeiten 40 Leute in der Wirtschaftsförderung, in der Städteregion sind er gerade einmal vier.“ Dabei müsse die Zusammenarbeit verstärkt werden. „Wir müssen mehr über den Tellerrand schauen, denn die Realität ist nicht nur Eschweiler“, meinte Mahnke.

Eine neue Stadt?

Zurück zur Braunkohle: Der Tagebau schafft neue Freiflächen. Genau darin sieht er einen Vorteil. „Die gibt die Möglichkeit, Flächen neu zu planen und zu nutzen“, meint er. Dies sei in Köln zum Beispiel nicht möglich. Mahnkes Vision: die Gründung einer neuen Stadt nach neusten Erkenntnissen. Schließlich sei Köln und Aachen auch einmal entstanden und gewachsen. Eschweiler könne Bestandteil dieser neuen Stadt sein. Sein Schlusssatz: „In jedem Fall hat Eschweiler gute Perspektiven in der Innovationsregion Rheinisches Revier, wenn man den Bestand pflegt und neue Wege sucht.“

Nach diesen Worten gab es natürlich viel zu diskutieren im Ratssaal.

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