Zirkus in Not: Geplatzte Leitungen, geplatzte Träume

Von: Rudolf Müller
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Knuddelig: Lama Knut ist siebe
Knuddelig: Lama Knut ist sieben Monate alt und damit der jüngste Spross im Circus Amany, den Timo Neigert, hier mit Schwester Kimberly, einmal von seinen Eltern übernehmen möchte. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Eigentlich wollten sie in diesen Tagen ihre Sachen packen und endlich wieder auf Tour gehen. Das tun, was sie können und wofür sie leben: Zirkusfreunden Freude bereiten - jonglieren und Lasso werfen, Feuer schlucken und den August spielen, Messer werfen und akrobatische Kunststücke zeigen. Und vorführen, welche Tricks ihre Tiere beherrschen.

Jeder Tag, an dem die Artisten des Familien-Zirkus Amany nicht spielen, bringt nicht nur nichts ein, sondern kostet Geld. Und das ist heutzutage knapp bei Familienunternehmen wie Amany.

Seit Anfang November stehen die Wagen des Zirkus, der sich seit Jahren im Raum Aachen zuhause fühlt, auf dem rückwärtigen Gelände eines Autohauses an der Alten Rodung. Mit einem Winterquartier, wie Zirkuschef Ludwig Neigert und die Seinen es sich erhofft hatten, hat es diesmal nichts gegeben: Keine feste Wohnung für die Familie, keine Hallen, in denen die Neigerts dringende Reparaturen an Ausrüstung und Fuhrpark des Unternehmens vornehmen konnten. Die neue Tournee - die ersten Spielorte waren bereits gebucht - sollte etwas Geld in die leeren Kassen bringen.

Frost zerstört Ausrüstung

„Um die 1200 bis 1500 Euro pro Woche brauchen wir, wenn auch ein wenig für die Familie übrig bleiben soll”, berichtet Ludwig Neigert. Auf rund 2000 Euro pro Monat summieren sich die Futterkosten für den kleinen Tierpark der Neigerts.

Aus den erhofften Einnahmen wird nichts: Schnee und Frost machten einen Strich durch die Rechnung. Und nicht nur das: Die eisigen Temperaturen bedeuteten das Aus für eine der beiden Waschmaschinen der 15-köpfigen Familie; in einem ihrer Wohnwagen fiel die Heizung aus - Leitungen geplatzt, Boiler Schrott. Was unter anderem zur Folge hat, dass die 15 Neigerts nur noch eine statt der zwei Duschen zur Verfügung haben. „Die Reparatur kostet mehr als der Wagen noch wert ist”, sagt Regina Neigert, die „gute Seele” des Familienunternehmens. Und auch für den vor drei Monaten mit Motorschaden ausgefallenen Transporter, mit dem Ludwig Neigert vor allem Tierfutter herantransportierte, war bisher kein Ersatz zu finden.

Die Neigerts wären nicht die alte, in siebter Generation in der Manege stehende Zirkusfamilie, wenn Situationen wie diese sie zur Resignation trieben. Claudius Höschen ist Lehrer an der Evangelischen Schule für Circuskinder und kennt die Neigerts seit Jahren. Zweimal pro Woche kommt er von Mülheim hierher, um die aufgeweckten Sprösslinge zu unterrichten. Und ist zutiefst beeindruckt und begeistert von dem Zusammenhalt, den die Familie in schwierigen Zeiten beweist. „Da ist jeder für jeden da, da packt jeder mit an und keiner mault, wenn es wieder mal kein Geld zu verteilen gibt.” Besonderes Lob gilt Zirkuschefin Regina Neigert: „Mit einem Ohr am Telefon führt sie Verhandlungen, mit der anderen Hand kümmert sie sich ums Essen für die Familie und hat dabei auch noch ihren Enkel auf dem Arm...”

Schon allein des in diesem Maße nur noch selten anzutreffenden Familienzusammenhalts mehrerer Generationen wegen sei Zirkus ein erhaltenswertes Kulturgut, betont Höschen. „Schade, dass das heutzutage kaum noch honoriert wird: Wenn Regina herumtelefoniert, um Spielorte oder ein Winterquartier zu finden, wird sie oft behandelt, als handele es sich um Schwerverbrecher.”

Von Kommunen, in denen sie nach einer Unterkunft für die Wintermonate nachgefragt habe, werde der Familie oft geraten, doch mit dem Zirkus aufzuhören. Aber das ist für keinen der Neigerts eine denkbare Alternative. „Ich kann mir nichts anderes vorstellen als Zirkus”, sagt Junior Timo (16), der später einmal den Betrieb von seinen Eltern übernehmen möchte. Dass Kommunen sich schwertun, der Familie Winterquartiere anzubieten, hat einen einfachen Grund: Sie fürchten, im Fall des Falles erhebliche Sozialleistungen berappen zu müssen.

Davon wollen die Neigerts nichts hören: Sie wollen ihren Lebensunterhalt selbst verdienen - so wie Generationen ihrer Vorfahren. Das bedeutet allerdings auch, neue Wege zu beschreiten. Und beispielsweise nicht nur in der Manege unter der eigenen Zeltkuppel, sondern auch andernorts ihr Können zu zeigen. Denn die Zahl der Besucher, die ins Zirkuszelt kommen, ist seit Jahren rückläufig. In einem Beitrag des WDR-Fernsehens, in dem Yvonne Willicks im Dezember die Zirkusfamilie und ihre Pro-bleme porträtierte, berichtete Bianca Neigert vom „Erfolg” ihrer althergebrachten Werbemethoden: 10.000 in die Briefkästen eines Spielorts gesteckte Handzettel brachten ganze 30 Besucher ins Zelt.

Eine Kölner Agentur spendierte der Familie daraufhin eine Internetseite, mit der die Neigerts nun Werbung für den Circus Amany machen - zu finden unter http://www.circus-amany.de. „Der Besucherrückgang liegt sicher nicht am mangelnden Können der Artisten”, unterstreicht Claudius Höschen die hohen Ansprüche, die die Neigerts an sich selbst stellen. Ihr jährlich neu erarbeitetes Programm wollen sie nun verstärkt in Schulaufführungen, bei Firmen- oder Vereinsjubiläen und in Workshops darbieten.

„Vielleicht gibts auch auch im Karneval die eine oder andere Möglichkeit, aufzutreten”, hofft Regina Neigert. Das Programm ist variabel und bezahlbar. Für Auftritts-Anfragen ist sie ebenso dankbar wie für Futterspenden für ihre 15 Tiere - Lamas, Esel, Pony, Gänse, Ziegen, Hund. Zu erreichen ist Regina Neigert unter Tel. 0157-72539999.
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