Eschweiler - Zeitzeugin: Vertrieben aus der alten Heimat nach Eschweiler

Zeitzeugin: Vertrieben aus der alten Heimat nach Eschweiler

Von: Jacqueline Winkler
Letzte Aktualisierung:
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Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg: Bei der Attac-Veranstaltung sprach eine Zeitzeugin, die ihre Heimat Ostpreußen verlassen musste. Foto: Stock

Eschweiler. Damals Flüchtlingsströme und heute wieder – unter diesem Thema stand die Veranstaltung am Dienstagabend im Talbahnhof. Die Volkshochschule hat in Kooperation mit der AttacGruppe Inde-Rur einen Abend gestaltet, der an das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Nazi-Diktatur erinnert.

Der heutige 8. Mai ist ein besonderer Tag der Bundesrepublik. Es ist ein Tag der Befreiung, aber auch einer des Überdenkens der damaligen Geschehnisse und der Zeit, die seit da an vergangen ist. Zugleich mussten zu diesem Zeitpunkt auch viele Menschen flüchten oder wurden vertrieben aus ihrer Heimat. Auch damals gab es Flüchtlingsströme, und heute ist dieses Thema wieder aktuell.

Beschuss auf der Flucht

Um in den Abend und das Thema einzusteigen, wurden Zeitzeugen eingeladen. Die erste Zeitzeugin kam aus Ostpreußen. Was sie schilderte, erinnerte an aktuelle Geschehnisse: Um 1945 bekamen sie und ihre Eltern gesagt, dass sie für zwei Wochen ihr Zuhause verlassen sollten, da die Russen immer weiter nach Deutschland drängten.

„Die Deutschen waren scheinbar noch so optimistisch und hatten vor, die Russen zurückzuhalten“, berichtete sie. So wurden damals nicht viele Sachen mitgenommen. Jedoch kam die Familie nie wieder in ihre Heimat zurück. Sie wurden nach Norddeutschland, in die Nähe von Hamburg gebracht, auf dem Weg dorthin wurden sie beschossen und mussten auf Rügen eine Nacht in einer Kirche übernachten.

Zu diesem Zeitpunkt war sie sechs Jahre alt. Sieben Jahre später suchte Eschweiler Arbeitskräfte. Da der Vater Schlosser war, aber in Hamburg nur als schlecht bezahlter Hausmeister arbeitete, habe das Angebot, in Eschweiler eine bessere Arbeitsstelle und eine Neubauwohnung zu erhalten, sehr gereizt. Die Familie nahm schließlich das Angebot an und zog nach Eschweiler.

„Wir sind hier im Ausland“, war der erste Eindruck, den die Zeitzeugin vom Rheinland hatte, da alle nur Platt und kein Hochdeutsch gesprochen hätten. Auch das ganze Feiern und der Karneval waren Neuland für die Flüchtlinge. „Eine Lehrstelle zu bekommen, war ebenso schwer, wie sich hier einzuleben – denn wer ein Flüchtling war, wurde damals nicht immer gut behandelt“, sagte sie. Man habe mit vielen Vorurteilen kämpfen müssen.

Carlos Damota und seine Frau kamen aus ganz anderen Gründen nach Eschweiler. Damota hat in Portugal studiert, der Vater war Glasbläsermeister und auch er war in diesem Beruf tätig. Doch in Portugal veränderte sich die Situation, und Deutschland brauchte Arbeitskräfte. So ging er mit seiner Frau zusammen nach Deutschland und erhielt ein Angebot vom Elektrowerk in Weisweiler.

„Weinen, Blut und Schwitzen“, so beschrieb er seine Arbeit von damals, denn sie war sehr schwer und anstrengend. Auch die Lebensverhältnisse waren zu der Zeit nicht die besten, denn die Wohnungssituation war vor allem für Carlos‘ Frau sehr schwer. „Alles wurde in einem Zimmer untergebracht, viel Platz hatten sie nicht“, erzählt sie an diesem Abend im Talbahnhof unter Tränen.

Im Jahr 1968 bekamen sie dann einen Sohn, und ein paar Jahre später konnten sie in eine vernünftige Wohnung ziehen. Allerdings: Als die Familie Damota nach Deutschland kam, wurde sie sehr freundlich und nett empfangen und behandelt. „Keiner hatte Vorurteile oder hat uns aufgrund unserer Herkunft oder aufgrund der Tatsache, dass wir Flüchtlinge und Migranten waren, verurteilt oder ausgeschlossen“, meinten sie. Durch die Arbeit konnte Carlos Damota Deutsch lernen. Seine Frau, die sich um den Haushalt kümmerte, eignete sich die deutsche Sprache durch das Radio und den Fernseher an. „Ich bin stolz hier zu sein“, lautete das Fazit der Familie Damota an diesem Abend.

Nach diesen Geschichten stiegen die Gäste in die Gesprächsrunden mit den verschiedenen Themen ein. Während sich eine Gruppe um das notwendige Wohnumfeld für eine gelungene Integration kümmerte, behandelte eine andere Gruppe den kulturellen Reichtum der Flüchtlinge. Weitere Schwerpunkte: die Gestaltung der Begegnungen von Flüchtlingen und Eschweilern und die gelungene Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Neben Silvia Hannemann von der Volkshochschule und Albert Borchardt, Attac-Gruppe, als Paten der Gruppen leiteten auch Jürgen Rombach als Integrationsbeauftragter der Stadt Eschweiler und Nora Hamidi vom Eschweiler Integrationsrat an diesem Abend die Diskussionen der einzelnen Gruppen.

Allzu viele Leute waren nicht anwesend, aber genau deswegen konnte jeder etwas beitragen und sich in die Diskussionsrunden miteinbringen. Jeder konnte seine Meinung repräsentieren und Ideen vorschlagen. Zum Thema Integration in den Arbeitsmarkt kam der Gedanke auf, dass die Flüchtlinge zunächst die Sprache lernen müssen, bevor sie in die Arbeitswelt richtig einsteigen können.

Um dies zu erreichen, sollte man verschiedene Schulprojekte angehen, oder es könnten sich Paten melden, die den verschiedenen Flüchtlingen helfen, die Sprache zu lernen. Zudem könnten Betriebe Praktika anbieten. Außerdem müssen Unsicherheiten für die Betriebe geklärt werden, denn es könne keiner eine Ausbildung anfangen, bei dem nicht geklärt ist, ob er nach zwei Jahren wieder in sein Heimatland zurückgeschickt werde.

Auch zu dem Wohnumfeld wurden viele Ideen entwickelt. Jürgen Rombach bestätigte: „Die Flüchtlinge sind heutzutage schlecht untergebracht, da es für sie aber auch kaum Wohnraum gibt.“ Oft hindern Vorurteile Vermieter, Wohnungen an Flüchtlinge zu vergeben. Dort müsse man aufklären. Ein isoliertes Wohnen bringe in den Augen Rombachs nichts, denn die Menschen, die hierhin kommen, könnten sich nur einleben, wenn sie die Sprache und auch die Regeln und Kultur kennenlernen würden. „Das können sie aber nicht, wenn sie nur unter sich leben.“

Kindern eine Chance geben

Weitere Ergebnisse der Workshops: Man dürfe den Flüchtlingen nicht nur Misstrauen entgegenbringen, sondern müsse versuchen, sie zu verstehen und zu helfen. Man solle Begegnungen zulassen und auch den Kindern die Chance geben, sich zu integrieren.

Das Fazit an diesem Abend war, dass man zusammen verschiedene Projekte angehen wolle. Mit den Resultaten und den Ideen, die an diesem Abend hervorgebracht wurden, waren die Organisatoren sehr zufrieden. Einige wolle man in Zukunft umzusetzen.

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