Eschweiler - Zehn Sprachen lernen und das gleichzeitig

Zehn Sprachen lernen und das gleichzeitig

Von: Andreas Gabbert
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Die Kurs-Teilnehmer lernen nicht eine Sprache, sondern gleich zehn, und das auch noch gleichzeitig: Im Zehn-Sprachen-Kurs der Eschweiler Volkshochschule steht die Kommunikation im Mittelpunkt, nicht das Pauken der Grammatik. Foto: Andreas Gabbert

Eschweiler. Es geht drunter und drüber. In dem einen Moment wird noch auf Italienisch geredet, im nächsten auf Arabisch, um gleich darauf ins Türkische zu wechseln. Weiter geht es auf Spanisch, Portugiesisch und Griechisch. Danach sind Polnisch, Tschechisch und Russisch an der Reihe.

Das ist kein normaler Sprachkurs. Die Kursteilnehmer lernen nämlich nicht nur eine Sprache, sondern gleich zehn, und das auch noch gleichzeitig.

Das Konzept dieses Kurses ist so neu und einzigartig, dass sich Sprachwissenschaftler verschiedener Universitäten dafür interessieren. Europaweit dürfte es wohl der einzige Kurs dieser Art sein. Auch die Fernsehsender RTL und WDR wollen darüber berichten.

Neues wagen

Die Idee zu diesem außergewöhnlichen Projekt stammt von Malgorzata Müller, Fachbereichsleiterin an der Eschweiler Volkshochschule (VHS). „Mehrsprachige Personen haben meist keine Lust auf Einzelkurse, sie wünschen sich etwas anderes”, weiß Müller. Also wagte sie etwas Neues.

Zunächst sollte es nur ein Abend sein, bei dem man in die verschiedenen Sprachen reinschnuppern und sie vergleichen kann. An einen Kurs hatte sie damals noch nicht gedacht, zumal auch keinerlei Arbeitsmaterial vorhanden war. Kein Lehrbuch-Verlag bietet Unterrichtsmaterial für solche Kurse an. Doch der Schnupperabend kam besser an, als erwartet. „Die Leute wollten mehr.”

Also hat Müller die Unterrichtsmaterialien selbst entwickelt und erstellt. Bei ihrem Konzept steht die Kommunikation im Mittelpunkt, die Grammatik macht nur einen kleinen Teil von etwa zehn Prozent aus, während er in herkömmlichen Lehrbüchern meist bei rund 70 Prozent liegt. „Das passt nicht zu diesem Kurs, das ist eine andere Herangehensweise, eine andere Methodik.”

Universitäten zeigen Interesse

In der vergangenen Woche ist Müller aus Krakau in Polen zurückgekehrt, wo sie ihr Konzept an der Universität vorgestellt hat. Eine Einladung zur VHS-Frankfurt hat sie ebenso erhalten. Auch Karl Heisel, Sprachwissenschaftler an der Universität Pablo de Olavide in Sevilla, interessiert sich für das Projekt.

In Spanien hatte er über das Online-Angbot unserer Zeitung von dem Kurs erfahren. Nun verband der gebürtige Eschweiler einen Familienbesuch mit einem Besuch bei der Eschweiler VHS. „Mich interessiert die Didaktik und die interkulturelle Arbeit, die damit verbunden ist”, sagt Heisel.

Sprachvermittlung als kommunikativen Prozess und nicht als Regelnlernen zu begreifen, ist in seinen Augen ein vielversprechender Ansatz.

Doch wie unterrichtet man zehn Sprachen gleichzeitig? „Es würde nicht funktionieren, wenn zehn verschiedene Lehrer zehn verschiedene Sprachen unterrichten würden”, sagt Müller. Man müsse den Kurs als Ganzes sehen, als eine Einheit. Wobei der Lehrer oder die Lehrerin der Dreh- und Angelpunkt ist.

Er oder sie muss flexibel sein und die Gruppe steuern. „Außerdem sollte der Kursleiter mindestens sieben Sprachen sprechen”, sagt Müller. Sie beherrscht mehr als zehn, darunter Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Polnisch, Russisch, Tschechisch, Türkisch und Arabisch.

Im 1. Semester des Zehn-Sprachen-Kurses geht es darum, das Lesen und Schreiben in den unterschiedlichen Sprachen zu lernen. „Das ist Grundlage und Voraussetzung”, sagt Müller. In ihrem Kurs macht sie sich das Lernprinzip unserer Gehirne zunutze.

„Das Gehirn arbeitet dann im selben Thema und öffnet unterschiedliche Schubladen, Italienisch, Portugiesisch und Spanisch passen zusammen, und Russisch, Polnisch und Tschechisch passen zusammen. Wir haben gelernt zu lernen.” Es geht darum, auf Ähnlichkeiten aufzubauen und Neues abzuleiten.

Der Kurs besteht aus 16 Teilnehmern verschiedener Nationalitäten zwischen 25 und 70 Jahren. Sie haben jetzt 56 Unterrichtsstunden hinter sich. Sie bilden schon Sätze, sprechen Leute an und fangen an zu quatschen. Etwa beim Einkauf beim türkischen Gemüsehändler. Sie haben Hemmungen abgebaut.

Das Gelernte wird gleich angewendet und auf andere Sprachen bezogen. Oft geht es nach dem Unterricht noch in ein Lokal. Beim Türken, Spanier oder Griechen wird das Gelernte gleich in die Praxis umgesetzt und weiter geübt. Die Sprache bringt Menschen zusammen und baut Barrieren und Vorurteile ab.

„Auf der Arbeit hatte ich öfter ausländische Kollegen. Ich wollte mit ihnen sprechen. Aber die verstanden kein Deutsch und ich nicht ihre Sprache. Dann habe ich diesen Kurs entdeckt und mich angemeldet”, verrät Christian Bossert seine Motivation, an dem Kurs teilzunehmen.

„Englisch und Französisch lernt man in der Schule. Das kann jeder. Ich wollte einen Überblick bekommen und dann sehen, ob ich das schaffe. Und es ist zu schaffen”, sagt Denise Bongartz.

In der ersten Übung an diesem Abend geht es darum, mehrere Sätze zu sprechen und die Sprache zu wechseln, anschließend geht es im Dialog weiter, bevor das Lesen auf dem Programm steht - immer in verschiedenen Sprachen.

Die Teilnehmer des Volkshochschulkurses üben das Springen von einer Sprache in die andere. „Das ist das A und O, das muss das Gehirn können”, sagt Kursleiterin Malgorzata Müller.

Neuer Kurs im Herbst

Dann wird ein neues Thema behandelt. Diesmal auf Italienisch, Spanisch und Portugiesisch. Die Teilnehmer lesen aus Unterlagen vor, es geht Schlag auf Schlag. Müller springt von einer Sprache in die andere, immer wieder spricht sie ihre Schüler dabei direkt an. Am Schluss wiederholen schließlich alle zusammen das Gelernte im Chor.

Anschließend wird geschrieben und dabei die Sprache gewechselt. Dann wird eine Geschichte auf Niederländisch vorgelesen. Später dreht es sich um Ähnlichkeiten und Unterschiede. „Wie bellt der Hund in den verschiedenen Sprachen”, lautet die Frage.

Karl Heisel ist erstaunt über den Wortschatz, über die Aussprache und über das schnelle Reagieren der Teilnehmer. „Ich bin wirklich sehr beeindruckt”, sagt der Sprachwissenschaftler, der in Spanien Deutsch als Fremdsprache unterrichtet.

Im Herbst startet ein neuer Anfängerkurs an der Eschweiler Volkshochschule.
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