Zehn Jahre nach Orkan „Kyrill“: In Schneisen wächst neues Leben

Von: Patrick Nowicki
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Nur ein Stumpf ist von dieser Fichte geblieben: die ehemalige Försterin Susanne Gohde wenige Wochen nach Kyrill. Foto: Patrick Nowicki
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Die Kyrill-Windwurfflächen wurden größtenteils mit Birken und Buchen bepflanzt, wie Förster Marco Lacks erläutert. Foto: Patrick Nowicki
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Im Dauereinsatz: die Kettensäge nach dem „Jahrhundertorkan“. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Was sich vor zehn Jahren über Neufundland als Tiefdruckgebiet zusammenbraute, ließ Schlimmes befürchten. Einen Tag später wurde die erste Unwetterwarnung herausgegeben, weitere 24 Stunden später traf der Orkan Kyrill auf Mitteleuropa und hinterließ eine Schneise der Verwüstung. Auch in Eschweiler, wo Böen von bis zu 130 Kilometern pro Stunde durch die Stadt wehten. Die Folgen sind bis heute zu sehen.

Fazit des Sturms: Über fünf Hektar Fichtenwald kippten um, über 200 Retter sind in der Nacht auf den 19. Januar 2007 im Einsatz. Am Mittwoch jährt sich das sogenannte „Jahrhundertereignis“ zum zehnten Mal.

Dass die Nacht ohne Verletzte in Eschweiler endete, hängt auch mit einer wichtigen Entscheidung der Feuerwehr zusammen: Sie sperrte sämtliche Straßen durch den Stadtwald. „Wir müssen uns manchmal in Gefahr begeben, aber da, wo wir können, vermeiden wir sie“, sagt der stellvertretende Wachleiter Paul Velten-Christopher. An der grundsätzlichen Vorgehensweise bei solchen Ereignissen hat sich nach zehn Jahren nichts geändert, allerdings seien die Wetterprognosen immer besser geworden.

„Wir sind auch sensibler geworden, wenn Unwetterwarnungen ausgesprochen werden und setzen vorsorglich mehr Feuerwehrleute in Alarmbereitschaft“, sagt er. Die meisten Feuerwehrleute haben zudem den Lehrgang zur Bedienung von Motorkettensägen absolviert, die in Sturmnächten vor allen Dingen gebraucht werden. Auf jedem Löschfahrzeug befindet sich eine solche Säge. Zudem sind die Feuerwehrleute mit Schutzkleidung ausgestattet.

Als Kyrill im Stadtwald wütete, waren die Böden durch starken Regen aufgeweicht. Da Nadelbäume flache Wurzeln schlagen, hatte der Orkan leichtes Spiel. Aus diesem Grund waren auch vorrangig Fichten befallen. Über fünf Hektar Fichtenwald kippten binnen weniger Stunden um. Nach wie vor sind die Spuren, die Kyrill hinterlassen hat, im Stadtwald deutlich sichtbar. In Folge des Orkans Kyrill und später des Sturms Xynthia wurden in acht Jahren 20 Hektar neu bepflanzt.

Dies entspricht fast fünf Prozent des gesamten Stadtwaldes. Aktuell beträgt die sogenannte Verjüngungsfläche 35 Hektar, der größte Anteil ist eine Folge der beiden Orkannächte. Förster Marco Lacks hat eine solche Fülle von Windwürfen in seiner zweijährigen Amtszeit in Eschweiler bisher noch nicht erlebt, allerdings passiert es immer wieder, dass ein Baum im Sturm kippt. Deswegen rät er dazu, bei starken Böen den Wald zu meiden.

Allerdings hat Kyrill auch Positives bewirkt. Die gefallenen Fichtenbestände aus den Nachkriegsjahren wurden hauptsächlich durch heimische Laubhölzer ersetzt. Alleine von November 2007 bis März 2008 wurden 19.700 Pflanzen gesetzt – 12.000 Rotbuchen, 6000 Traubeneichen und 1700 Fichten. Manche der Pflanzen schlugen allerdings nicht so an, wie gewünscht, so dass nachgepflanzt werden musste.

Vielseitigkeit ist Trumpf

Dabei haben Laubhölzer grundsätzlich Vorrang, allerdings stört es Förster Lacks keineswegs, wenn sich auch Nadelhölzer zwischen die Birken, Buchen und Eichen mischen. „Je vielseitiger ein Wald ist, desto weniger empfindlich ist er für einzelne Schädlinge“, meint er. Dazu trägt bei, dass die Bodenbeschaffenheit im 425 Hektar großen Stadtwald unterschiedlich ist. Es bestehen sehr feuchte Standorte, aber auch harte, mit steinigem Untergrund.

Der Prozess, den Bestandteil von Laubhölzern im Stadtwald zu erhöhen, wurde dank Kyrill & Co. deutlich beschleunigt. Aktuell machen Nadelhölzer noch ein Viertel der Baumflächen aus, genauer: etwa 98 Hektar. Zum Vergleich: 285 Hektar beträgt die Fläche, auf der Laubbäume zu finden sind.

Auch wirtschaftlich machte sich der Orkan bemerkbar: Er wehte nämlich eine Mehreinnahme in Höhe von 47.000 Euro im Jahr 2007 in die Stadtkasse. 2200 Festmeter Holz wurden schließlich verkauft, 1400 Festmeter mehr als ursprünglich geplant. Allerdings war der Markt gesättigt, so dass der Holzpreis deutlich sank. Im Sommer nach Kyrill betrug er nur 75 Prozent des Niveaus von Anfang 2007. Zudem wurden zahlreiche Brennholzkunden bedient, die den Verschnitt nutzen konnten.

Wo Kyrill wütete, ist zwar immer noch zu sehen, aber die Nachforstungen sind abgeschlossen, wie Marco Lacks bestätigt: „Das ist im Eschweiler Stadtwald kein Thema mehr.“ Da passt es, dass die Fichte zum „Baum des Jahres 2017“ erkoren wurde, also keineswegs ein rotes Tuch für Forstleute ist. Im Gegenteil, wie auch Lacks bestätigt: „Der Baum wächst schnell, das Holz hat eine hohe Festigkeit und eignet sich zum Beispiel hervorragend im Hausbau.“ Forstwirtschaftlich klingt dies nach einer verlockenden Kombination – wenn nicht das Klischee der Monokultur wäre. Auch an dieser Stelle wirbt Lacks um Verständnis: „Nach dem Krieg benötigte man schnell Holz und musste rasch aufforsten, da bot sich die Fichte an.“

Verjüngungsflächen

Auch ohne eine Orkannacht wie vor zehn Jahren haben die Waldarbeiter ordentlich zu tun. Muss man sich nicht um die wenigen gekippten Bäume kümmern, so müssen die Verjüngungsflächen immer wieder überarbeitet werden. Auch die Areale, die Kyrill komplett entwurzelt hat und wo heute noch abgebrochene, karge Stämme in den Himmel ragen und wie ein Mahnmal an den „Jahrhundertorkan“ erinnern.

Auf besonders feuchten Böden, wo sich Buchen schwertun, wurden Stieleichen gesetzt, die mit ihren Fallwurzeln tief in den Boden eindringen und somit nicht schnell Opfer eines Sturms werden. Allerdings müssen die Setzlinge auch vor Wildbiss geschützt werden, da die Triebe bei Rehen besonders beliebt sind. Es bleibt also ausreichend Arbeit nach Kyrill.

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