Wortakrobat mit Engelsgesicht und teuflisch spitzer Zunge

Von: sh
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Gastauftritt: Romina Power (li.) und Al Bano alias Holger Edmaier beim Duett der besonderen Art. Foto: S. Herrmann

Eschweiler. Zwei Stunden Holger Edmaier im Talbahnhof: Unterhaltsam wars, musikalisch, komödiantisch, hin und wieder auch nachdenklich, ja fast melancholisch. Doch der Witz dominierte, allen voran der Sprachwitz. Zwei Stunden Holger Edmaier im Talbahnhof waren unterhaltsam und kurzweilig, weil anders.

Ein Pop-Kabarett zwischen 80er-Jahre-Revival und augenzwinkernder Kulturkritik. Ein Abend zum Beklopptwerden.

Kein Wunder, schließlich überschrieb der aus Bremen stammende Künstler seinen Auftritt mit „Spielwiese - ein Eldorado für Bekloppte”. Denn gerade Bekloppte, so der Virtuose an Klavier und Ukulele, gebe es in der heutigen Zeit immer mehr.

Zum Beispiel die Sicherheitswahn-Bekloppten: Nordic-Walking-Mütter mit Schutzhelm im Kölner Stadtpark, die ihre Sprösslinge in keimfreien Zonen erziehen. „Wir hatten damals keine Schützer, wir hatten Jod”, erinnerte sich Edmaier an im wahrsten Sinne des Wortes aufreibende Kindertage zurück. Getreu dem Motto: Es war zwar hin und wieder eklig, dafür aber gut fürs Immunsystem.

Und heute? Da wollen diese zu wahren Allergie-Monstern erzogenen Nachwuchsmodels alle Popstars werden. „Ich stamme aus einer Generation, da war Ca(r)sten noch ein Vorname”, so das stolze Kind der 80er.

Damals war die Welt noch in Ordnung: Ohrring links oder rechts war eine klare Aussage, die Fragen der Zeit lauteten: Wann kommen die Russen und wann fällt die erste Atombombe? Und die rebellierende Jugend veranstaltete noch kein Komasaufen, sondern sprach ganz lapidar von Filmrissen.

Tiefschwarz sein Humor beim Thema Umweltpolitik: Benutze das unter Obama ja jetzt so grüne Amerika für den elektrischen Stuhl eigentlich Ökostrom?, fragt der launische Vollbartträger bedenkenlos.

Edmaier spielt amüsant mit alltäglichen wie skurrilen Geschichten von früher und heute. Auf seiner Spielwiese fühlt er sich wohl, selbst einem kleinen „Flirt” mit der einen oder anderen Zuschauerin ist er da nicht abgeneigt.

Sein ganz persönliches Eldorado ist der komödiantische Song: Ob nun das bitterböse Atomendlager-Schlaflied, sein „Drei Monate ohne Internet”-Klavierstück inklusive Telekom-Jingle oder die Hymne zum ersten Teenager-Kuss im Zahnspangenalter „Draht auf Draht” - Holger Edmaier singt mit spitzer Zunge und Engelsgesicht zugleich.

Wenn er zur Ukulele greift, verblassen Stefan Raabs zum Kult gewordene Raabigramme zur langweiligen Pfadfindermusik. Der Entertainer im ureigensten Sinne begeistert mit poetischer Wortakrobatik bei offensichtlichem Hang zum amüsanten Reim.

Zwei Stunden reine Freude

Zur Pause gibt er seinem Publikum mit auf den Weg: „Je mehr ihr jetzt trinkt, desto lustiger komme ich euch gleich vor.” Eine unnötige Aufforderung zum Lach-Doping. Edmaier zieht auch im zweiten Teil alle Register. Locker-beschwingt, Musik und Scherz - eine gelungene Mischung.

Geradezu grandios schließlich sein Abgang: Mit urkomischer Handpuppe lässt er das italienische Schmalz-Duo Al Bano und Romina Power aufleben: Aus „Felicita” wurde allerdings ein derbes „Leck mich am A...”.

Seine finale Peter-Maffay-Persiflage mit „Du” setzte dem Ganzen die Krone auf. Einhellige Meinung: Dieser Mann ist bekloppt! So bekloppt, dass zwei Stunden auf seiner Spielwiese die reinste Freude waren.
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