WM-Finale: Schiedsrichter Helmut Brief tippt auf Deutschland

Von: Sonja Essers
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Eschweiler. Fußball ist sein Leben. Helmut Brief ist seit 1978 als Schiedsrichter tätig. Als Linienrichter schaffte er es sogar bis in die Oberliga Nordrhein. Im interview mit unserer Zeitung erzählt der 61-Jährige, wie schwierig es ist, Schiedsrichter zu finden, und warum der Fußball bei Mädchen und Frauen immer beliebter wird.

Herr Brief, Hand aufs Herz, können Sie als erfahrener Schiedsrichter die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft entspannt verfolgen?

Brief: Sagen wir mal so, je nachdem, wie der Ball kommt, sage ich sofort, wie man die Situation beurteilt, z.B dass es Abseits ist. Wenn du selbst Schiedsrichter bist, dann hast du dafür irgendwann das Gefühl entwickelt und du weißt, wie das Spiel läuft.

Welche Fehler haben die Schiedsrichter bei der WM denn Ihrer Meinung nach bisher gemacht?

Brief: Das ist eine schwierige Frage. Man muss bedenken, dass die Schiedsrichter jede Szene nur ein Mal sehen können. Nur die Kameras, die drum herum sind, sind dazu in der Lage, alles aufzunehmen und es dann mehrfach zu zeigen. Meiner Meinung nach waren die beiden Halbfinalspiele auf jeden Fall in Ordnung.

Welchen Schiedsrichter würden Sie sich für das Finale wünschen?

Brief: Ich denke, dass der Schiedsrichter aus England, Howard Webb, unser Spiel pfeifen wird, da er der Beste ist.

Denken Sie, dass Deutschland Weltmeister wird?

Brief: Die argentinische Mannschaft ist sehr defensiv. In dem Team gibt es zwar drei oder vier Spieler, die wirklich gut sind, aber ich denke, dass wir mehr davon haben. Was aber noch dazukommt, ist, dass unsere Mannschaft nicht aus einzelnen Spielern besteht, sondern auch ein richtiges Team ist. Das sieht man auch an den Leuten, die hinter der Mannschaft stehen.

Sie meinen an den Trainern?

Brief: Dazu zählen auch die Trainer, aber nicht nur. Es gibt auch Ärzte, Fitnesscoachs, Physiotherapeuten, Manager, und auch der Zeugwart gehört dazu. Diese Leute sind im Hintergrund, aber sie arbeiten meiner Meinung nach fantastisch. Gerade die Arbeit im Stillen ist ja sehr wichtig, und die ist hervorragend.

Kommen wir zurück zu Ihnen. Seit wann sind Sie Schiedsrichter?

Brief: Ich bin seit 1978 Schiedsrichter. Als ich angefangen habe, war ich 26 Jahre alt.

Und in welchen Ligen haben Sie gepfiffen?

Brief: Ich war Linienrichter bis in die Oberliga Nordrhein. Das war damals noch die 3. Liga. Außerdem habe ich zehn Jahre in der Verbandsliga des Fußball-Verbandes Mittelrhein (FVM) gepfiffen. Momentan pfeife ich auch noch jeden Sonntag für den Kreis Aachen ein Spiel. Aber ich bin nicht nur als Schiedsrichter ehrenamtlich aktiv.

Welche Ehrenämter üben Sie noch aus?

Brief: Ich bin Messdiener in der Pfarre St. Severin in Weisweiler und im Sportausschuss der Stadt Eschweiler als Sachkundiger Bürger der CDU-Fraktion tätig und bin Geschäftsführer im neu gegründeten Stadt-Sport-Verband Eschweiler. Im Fußball bin ich Vorsitzender des Spielausschusses im FVM Kreis Aachen. Beim FVM bin ich Mitglied der Kommission für gesellschaftspolitische Fragen und Aufgaben im FVM. Dazu gehören neben der Gewaltprävention und der Integration ausländischer Mitbürger weitere, vielschichtige gesellschaftspolitische Aspekte, die in den Sport und den Fußball hereinreichen. Und ich bin auch noch im Karneval aktiv. Nämlich als Literat der KG Lätitia Blaue Funken Weisweiler sowie seit 20 Jahren im Elferrat der Gesellschaft.

Das ist aber eine ganze Menge.

Brief: Das können Sie wohl laut sagen. (lacht) Wenn ich das alles zusammenrechne, sind das in der Woche zwischen 35 und 40 Stunden, in denen ich ehrenamtlich tätig bin. Das geht aber nur, wenn man auch eine Frau, beziehungsweise eine Familie hat, die hinter einem steht. Für mich ist das Wichtigste, dass meine Frau das akzeptiert und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Dazu kommt natürlich, dass ich seit zehn Jahren im Vorruhestand bin. Sonst könnte ich das gar nicht in der Form machen.

Was sagen Sie vor dem Beginn der neuen Saison denn zum Thema Fußball in der Indestadt?

Brief: Momentan sieht es so aus, dass noch drei Mannschaften in der Kreisliga A spielen. Darüber hinaus gibt es in Eschweiler keine Mannschaft mehr, die im Verband spielt. Das ist natürlich schade, daran muss auch gearbeitet werden. Dieser Zustand muss sich ändern, und man fragt sich natürlich, wie es soweit kommen konnte.

Und was denken Sie?

Brief: Das ist wirklich eine sehr schwierige Frage. Man muss daran denken, dass die Zeiten mittlerweile anders sind. Es gibt viele Angebote, wie die Jugendlichen ihre Freizeit verbringen können. Und dazu zählt nicht nur der Sport. Damit meine ich auch die sozialen Netzwerke. Meiner Meinung nach muss sich diesbezüglich etwas ändern.

Was sollte sich Ihrer Meinung nach ändern?

Brief: Der Sport muss die Jugendlichen wieder erreichen. Das hat der Verband schon 2012 auf einer Amateur-Konferenz in Kassel besprochen. Wir müssen aber nicht nur Sportler finden, sondern auch junge Leute, die dazu bereit sind, in unseren Gremien tätig zu werden und uns in dieser Arbeit zu unterstützen. Viele junge Menschen wollen einfach nur Party machen, was natürlich vollkommen in Ordnung ist, aber sie wollen leider keinerlei Verantwortung übernehmen.

Wie könnte man das ändern?

Brief: Wir müssen früh damit anfangen, die Menschen für den Sport zu begeistern. Eigentlich müsste das schon im Kindergartenalter passieren. Die Fußballturniere, die die Stadt Eschweiler für Kindergartenkinder und Grundschüler veranstaltet, sind die Grundlage dafür. Wenn die Kinder an einem Sport Gefallen gefunden haben, vielleicht bleiben sie auch dabei. Das wäre doch toll.

Jetzt haben wir über den Nachwuchs und die Herrenmannschaften gesprochen, aber wie sieht es mit dem Mädchenfußball in Eschweiler aus?

Brief: Das Potenzial bei den Mädchen in Eschweiler ist steigend. Die Bergrather und die Dürwisser haben eine hervorragende Mädchen- und Frauenarbeit. Und das Dürwisser Team ist in der vergangenen Saison aus der Kreisliga A in die Bezirksliga aufgestiegen. Es gibt immer mehr Mädchen und junge Frauen, die sich für diesen Sport interessieren und begeistern. Wir haben im FVM Kreis Aachen jetzt auch erstmalig eine junge Frau, die dort ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolviert.

Und wie sieht es mit den Schiedsrichtern aus? Gibt es dort Nachwuchsmangel?

Brief: Es ist ja so, dass es viele junge Schiedsrichter gibt, die gut sind. Wenn sie erfolgreich sein wollen, dann müssen sie aber bis zu ihrem 30. Lebensjahr in höheren Ligen pfeifen. Ansonsten haben sie nicht mehr die Möglichkeit aufzusteigen. Es gibt viele junge Menschen, die wegen dieser fehlenden Möglichkeit aufhören. Auch in diesem Bereich muss etwas passieren. Wir dürfen diese Leute nicht verlieren, sondern müssen versuchen, sie für neue Projekte zu gewinnen.

Was muss ein junger Mensch tun, wenn er in Eschweiler Schiedsrichter werden will?

Brief: Dann muss er sich beim Schiedsrichterausschuss anmelden. Leider ist es oft so, dass es in den Vereinen nicht genug Schiedsrichter gibt. Und wenn der Verein keinen Schiedsrichter stellen kann, muss er ein Ordnungsgeld zahlen. Das muss ja nicht sein.

Sie sagten, dass Sie selbst auch noch als Schiedsrichter aktiv sind. Wie halten Sie sich für die Spiele fit?

Brief: Als ich noch in den höheren Ligen gepfiffen habe, bin ich auch zwei bis drei Mal in der Woche im Wald laufen gegangen und habe trainiert. Heute mache ich viel Nordic Walking. Ich trainiere zwar nicht mehr so viel wie früher, aber es ist sehr wichtig, dass man in Bewegung bleibt. Aber nicht nur das Training ist entscheidend. Es kommt auch noch das dazu, was ich bereits erwähnte: Dass man über die Jahre immer mehr Erfahrung bekommt und einfach ein Gefühl für die Spiele und deren Abläufe entwickelt. Je nachdem, wie der Ball gespielt wird, geht meine Hand automatisch hoch. (lacht)

Interessieren Sie sich denn auch für andere Sportarten?

Brief: Natürlich. Ich interessiere mich für die ganze Bandbreite. Ich habe mal eine Aufführung von Rollschuhläufern gesehen, die ich toll fand. Im Fernsehen schaue ich mir die Weltmeisterschaft im Darten und Snooker an.

Waren Sie denn auch selbst als Fußballer aktiv?

Brief: Ich habe nie selbst Fußball gespielt. Aber die ganzen Regeln, die kenne ich wie aus dem Effeff. Und ich bin Fußballfan durch und durch. Ich fahre regelmäßig zu den Spielen von Bayer Leverkusen und sammle sämtliche Zeitungsausschnitte von großen Sportveranstaltungen.

Kommen wir nochmal zurück zur Fußball-Weltmeisterschaft. Auf ein Ergebnis haben Sie sich bisher noch nicht festgelegt. Wer wird Weltmeister?

Brief: Ich denke, dass Deutschland Argentinien entweder mit einem 1:0 oder einem 2:1 schlägt. Da spielen zwei Mannschaften gegeneinander, die auf dem gleichen Level sind. Und selbst wenn wir hinten liegen, sind wir in der Lage, etwas daran zu ändern. Das hat man beim Spiel gegen Ghana gesehen. Wichtig ist, dass wir ein super Team haben und tolle Leute, die dahinter stehen.

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