Eschweiler - Wirbel um Arbeitszeitengesetz in Gastronomie

Wirbel um Arbeitszeitengesetz in Gastronomie

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:
10293483.jpg
An ihre Arbeitszeiten hat die 18-jährige Judith sich bereits gewöhnt. Während sie gestern erst am frühen Nachmittag ihren Dienst am Blausteinsee beginnt, hat ihre Kollegin zu dieser Zeit bereits Feierabend. Der Grund dafür: das Arbeitszeitengesetz in der Gastronomie. Foto: Sonja Essers

Eschweiler. Das Wetter lockte Mittwochvormittag zahlreiche Besucher an den Blausteinsee. Während die Gäste die Sonne genießen, wirkt Marc Lersch allerdings nicht gerade entspannt. Leicht gestresst tingelt der Gastronom und Vorsitzende des Eschweiler Wirtevereins zwischen Theke und Küche hin und her.

Ein Koch sei kurzfristig ausgefallen, sagt er, während er zunächst noch fleißig Getränke zapft und nur wenige Minuten später in der Küche Gemüse anbrät. Nun müsse derjenige, der für den späteren Dienst eingeteilt sei, früher kommen. Eigentlich kein Problem, könnte man annehmen. Von wegen.

Es sind gerade Fälle wie diese, die auch Eschweiler Gastronomen immer wieder vor schwierige Situationen stellen. Der Grund: Das momentane Arbeitszeitengesetz sieht vor, dass Angestellte in der Gastronomie nicht länger als zehn Stunden am Stück arbeiten dürfen. Im Tarifvertrag den Lerschs Angestellte abgeschlossen haben, sind es sogar nur acht Stunden.

Einen festen Feierabend gibt es in dieser Branche genauso wenig wie flexible Arbeitszeiten. Letzteres soll sich künftig allerdings ändern. An maximal drei Tagen pro Woche sollen Arbeitnehmer bis zu zwölf Stunden arbeiten dürfen. Dafür kämpft nicht nur der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), sondern auch die Wirte in der Indestadt.

Und wie sieht es mit den Angestellten aus? Haben sie für die Idee Verständnis oder fühlen sie sich gar ausgebeutet? Tatjana W. (Name von der Redaktion geändert) kellnert seit mehreren Jahren regelmäßig am Wochenende. Sie hält den Vorschlag der Dehoga für „legitim“. Ihre Begründung: „So lange man auch Pausen machen kann, finde ich es ok. Wenn man einmal arbeitet, dann merkt man sowieso nicht, ob man zehn oder zwölf Stunden kellnert.“

Es gibt jedoch auch Kritiker, die die Meinung von Lersch und Tatjana W. nicht vertreten. Zu den Gegnern der Idee gehört zum Beispiel die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), die der Meinung ist, dass eine Umsetzung die Gesundheit der Beschäftigten aufs Spiel setzen würde. Lersch hat für Auffassungen wie diese allerdings kein Verständnis. „Das Dogma, dass wir Sklaventreiber sind, ist eine absolute Unverschämtheit. Hier will doch niemand irgendwen ausbeuten. Es würde doch niemals ein Arbeitnehmer zwölf Stunden am Stück arbeiten und das will auch keiner. Das geht einfach an der Realität vorbei.“

Zwölf Stunden im „Bedarfsfall“

Auch die Dehoga macht in ihren Forderungen deutlich, dass es um keine Verlängerung der Gesamtarbeitszeit geht. „Die zwölf Stunden gelten nur im Bedarfsfall“, so Lersch. Unterstützt wird er in seiner Auffassung von Tatjana W., denn auch sie hält von der Argumentation der Gewerkschaft nur wenig. „Man arbeitet ja nicht jeden Tag zwölf Stunden. Das wäre reine Utopie. Aber in anderen Berufen ist das auch üblich.“ Damit spricht die Indestädterin einen wichtigen Punkt an. Schließlich gibt es in der Landwirtschaft, Pflege und Lehre bereits flexiblere Arbeitszeiten. „Warum sollte das in der Gastronomie dann nicht gehen?“, meint Lersch.

Doch ist mit dem Vorschlag das Problem wirklich vom Tisch? Lersch hat diesbezüglich eine klare Meinung: „Selbstverständlich“, sagt er und liefert als Begründung gleich mehrere Beispiele. „Bei Betriebsfeiern, Hochzeiten und Geburtstagen kann man nie sagen, wie lange eine Feier dauert. Soll ich dann meinen Gästen sagen, dass sie um zwei Uhr nachts aufhören müssen zu feiern, weil meine Mitarbeiter nicht länger arbeiten dürfen?“ Flexiblere Arbeitszeiten würden Situationen wie diese entzerren.

Wie der Gastronom momentan mit solchen Fällen umgeht? Er lässt seine Mitarbeiter in zwei Schichten arbeiten. Das wird auch am Mittwoch am Blausteinsee deutlich. Während die 18-jährige Judith erst am frühen Nachmittag mit ihrer Schicht beginnt, hat ihre Kollegin zu dieser Zeit bereits Feierabend. Nicht nur in der Woche ist dies Gang und Gäbe.

Gerade am Wochenende sei es außerdem üblich, das Personal erst um 20 oder 21 Uhr beginnen zu lassen. „Manchmal kommen sie dann nur für drei oder vier Stunden, das kommt darauf an, wie lange eine Feier dauert oder wie viel wir zu tun haben. Aber es geht einfach nicht anders“, erklärt der Gastronom.

Dass dieses Konzept jedoch nicht immer von Erfolg gekrönt ist, muss Lersch erst jetzt erfahren. Nachdem sein Koch kurzfristig ausfällt, muss er auf denjenigen zurückgreifen, der ursprünglich erst für die zweite Schicht eingeteilt ist. Das Problem: Da besagter Koch nun bereits am Mittag anfängt zu arbeiten, kann er nicht bis zum Abendbetrieb bleiben.

Würde Lersch seinen Mitarbeiter trotzdem weiterarbeiten lassen, droht dem Indestädter sogar eine Strafe von bis zu 15.000 Euro. Aus diesem Grund muss der Chef dann ab und zu auch selbst ran. „In einem Familienbetrieb geht das immer noch irgendwie“, sagt er. In anderen Gaststätten sehe dies anders aus.

Doch seit wann besteht dieses Problem überhaupt? „Im Zuge des Mindestlohns sind viele Dinge dazu gekommen“, so Lersch. Damit spielt der Indestädter vor allem auf die Arbeitszeitdokumentation an. Seiner Meinung nach ein „Riesenaufwand“. „Ich habe eine Person, die den ganzen Tag nichts anderes macht“, so der Gastronom.

Jeder Tag muss eintragen werden, wann die Mitarbeiter anfangen, wann sie Feierabend und zu welchen Zeiten sie Pausen machen. Darum kümmert sich Ehefrau Nicole, die eine klare Meinung vertritt: „Vor allem im Sommer ist das nicht gerade spaßig, wenn man das nicht nur für die Angestellten, sondern auch für 50 bis 60 Aushilfen machen muss.“

Die Mitglieder des Eschweiler Wirtevereins sind sich in diesem Punkt einig. In den kommenden Wochen wollen sich die Gastronomen der Indestadt sogar mit einem Vertreter der Dehoga zusammensetzen und mit ihm ausführlich über das Thema sprechen. „Das ist schließlich ein Problem, das uns alle betrifft“, ist sich Marc Lersch sicher.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert