Wie fühlt sich jemand, der um sein Leben rennt?

Von: ran
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Beklemmend: Schüler des Berufskollegs schlüpften im „missio-Truck“ in die Rolle von Flüchtlingen. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Der junge Mann steht in einer Kirche in Zentralafrika und berichtet über die Situation in seinem Dorf. Und die ist alles andere als sicher, denn es herrscht Krieg im Land. Auf einmal fallen Schüsse, Gewehrkugeln dringen durch die Fenster in das Gotteshaus. Die einzige Chance des Mannes, sein Leben zu retten: Flucht! Für junge Menschen in Deutschland heutzutage ein praktisch unvorstellbarer Gedanke, für Millionen Menschen weltweit bitterste Realität.

Um auf die Schicksale der weltweit rund 44 Millionen Flüchtlinge aufmerksam zu machen, schickt das in Aachen beheimatete Katholische Missionswerk „missio“ seinen „missio-Truck“ mit einer multimedialen Ausstellung, die unter der Überschrift „Menschen auf der Flucht“ steht, quer durch die Bundesrepublik.

Von Montag bis Mittwoch machte der Truck nun am Berufskolleg in Eschweiler halt. Schüler aus zehn Klassen des Berufsgrundschuljahres hatten die Gelegenheit, sich mit dem Thema hautnah auseinanderzusetzen. Nicht zuletzt, weil die Verantwortlichen der Ausstellung als Beispiel die Flucht aus dem Ostkongo gewählt haben. Dort herrscht seit Jahren ein brutaler Bürgerkrieg, bei dem es um den Abbau von Coltan geht, einem Erz, das in jedem Handy, Laptop sowie in jeder Spielekonsole enthalten ist.

„Praktisch jeder Schüler besitzt ein Handy. Somit war ein Bezug zum alltäglichen Leben hier in Deutschland hergestellt“, berichtet Karin Stenz, Religionslehrerin am Berufskolleg. Und Christine Steffens, Mitarbeiterin von missio, ergänzt: „Die Themen Flüchtlinge und Flucht betreffen uns alle, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.“

Auch die Bedingungen, unter denen eine Flucht unter Lebensgefahr stattfindet, sowie die Folgen wurden den Schülern möglichst realistisch dargestellt. So mussten die in die Rolle von Flüchtlingen geschlüpften Jugendlichen innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen, was sie mitnehmen und vor allem, was sie zurücklassen. Und davon sind eben nicht „nur“ Gegenstände wie Kleidung, Nahrungsmittel, Zeugnisse oder Ausweispapiere betroffen, sondern fast immer auch nahestehende Menschen.

Ein Umstand, der auch Yvonne Naomi Kanda sichtlich beeindruckt. „Es macht einen traurig, mitzuerleben, wie ein Flüchtling sich fühlt, wenn er seine Familie zurücklassen muss“, so die Schülerin der Berufsfachschule für Gesundheitswesen.

Schulleiter Thomas Gurdon unterstreicht, dass der Aufwand, den „missio-Truck“ an das Berufskolleg zu holen, sich eindeutig gelohnt habe: „Es ist wichtig, zu erkennen, wie gut es uns eigentlich im Vergleich zu Menschen auf anderen Kontinenten geht.“ Andrea Fischer, die das Projekt „missio-Truck“ hauptamtlich begleitet, verdeutlicht, dass das Thema grundsätzlich weit weg ist von den meisten Schülern, die Auseinandersetzung jedoch Früchte trägt. „Wir wünschen uns natürlich auch eine Nachbereitung im Unterricht“, betont die Projektassistentin, die während ihrer Gespräche mit Schülern auch immer wieder neue Facetten des Themenkomplexes kennenlernt.

„Schüler mit Migrationshintergrund stellen häufig ganz andere Fragen. Das ist teilweise sehr berührend“, hat sie festgestellt. „Vereinzelt gibt es auch Schüler bei uns, die Flüchtlingserfahrungen gemacht haben und durch dieses Projekt nun vielleicht die Gelegenheit finden, mit ihren Mitschülern darüber zu sprechen“, hofft Karin Stenz.

Die Nachfrage in Sachen „missio-Truck“ ist jedenfalls groß. „Bis zum Herbst sind wir ausgebucht“, berichtet Andrea Fischer. So werden also noch viele Schüler das (gewollt) beklemmende Gefühl erleben, in die Rolle eines Flüchtlings zu schlüpfen.

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