Eschweiler - Wenn Trucker fern von Zuhause in der Einöde stranden

Wenn Trucker fern von Zuhause in der Einöde stranden

Von: Rudolf Müller
Letzte Aktualisierung:
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Hoffnungslos überfüllt: Immer mehr Trucker „stranden“ an Feiertagen auf Rast- und Parkplätzen. Wer trotz Verbots weiterfährt, der muss mit saftigen Strafen rechnen. Und längst nicht jeder Chef, so weiß Bianca Schumacher, übernimmt für seinen Fahrer die Kosten. Foto: Imago/Rust

Eschweiler. Bianca Schumacher weiß genau, wie es ist, die Weihnachtstage fernab von ihren Lieben verbringen zu müssen. Weit weg von Zuhause und Familie, auf dem grauen Asphalt eines trostlosen Parkplatzes am Rande einer Autobahn. Zwölf Jahre lang hat die heute 43-Jährige einen 40-Tonner-Scania-Truck durch Europa gelenkt, war in Italien ebenso unterwegs wie in Skandinavien, Österreich und Irland.

Auch bei Schwertransporten saß sie hinter dem Lenkrad. Immer zwei Wochen am Stück, dann kam sie für einen Tag nach Hause. „Dass ich ein ganzes Wochenende zu Hause sein konnte, das kam höchstens einmal im Monat vor“, sagt sie. „Trucker, das ist ein Beruf, der einsam macht.“

Bis 2009 saß sie hinter dem Lenkrad ihres eigenen Trucks. Dann war Schluss – ihrer drei Kinder wegen. Und weil die Gesundheit nicht mehr mitspielte.

„Fahrer werden verheizt“

Bianca Schumacher hat Benzin im Blut. Früher im Ruhrgebiet zu Hause, lebt sie seit inzwischen neun Jahren in Eschweiler. Was sie hierher gelockt hat? „Die Eifel!“, sagt sie. Denn die frühere Truckerin ist zudem begeisterte Motorradfahrerin.

„Da kann man sich den Alltagsfrust von der Seele fahren“, sagt sie. Und gibt zu, früher eine von der ganz wilden Sorte gewesen zu sein. Sie erinnert sich daran, wie sie einmal in Amsterdam einen besorgniserregenden Anruf erhielt, der ihre Tochter betraf. „Da bin ich mit meiner Hayabusa in viereinhalb Stunden die 800 Kilometer bis Jagsthausen gefahren“, erzählt sie. „Da hatte ich den Teufel als Sozius.“

Bianca Schumacher hat schon einiges erlebt. Die gelernte Kfz-Mechanikerin und Autolackiererin hat bei einer Abrissfirma auf dem Bau gearbeitet, betrieb eine eigene Karosseriewerkstatt, war perfekt in Sachen Airbrush-Arbeiten, war selbstständige Truckerin.

Und kennt die Probleme und Nöte ihrer Kollegen. Auch der ausländischen. „Viele ausländische Fahrer werden hier verheizt. Die sind oft monatelang weg von ihren Familien, von ihrem Bett, ihrer Couch, ihrer Dusche.“ Sonntags und feiertags darf in Deutschland nur fahren, wer einen Kühllaster steuert oder eine Ausnahmegenehmigung besitzt.

Für alle anderen gilt: stehenbleiben und warten. „Und es ist ja nicht so, als könne man die Zugmaschine einfach mal abkoppeln und damit eine Runde in die Stadt fahren“, sagt Bianca Schumacher. „Wer auf einer Raststätte strandet, der hat noch Glück, trifft Kollegen und vielleicht sogar Landsleute. Das macht auch das miserable Essen dort etwas erträglicher.

Aber wer auf einem einfachen Rastplatz stehenbleiben muss, für den ist das kein Zuckerschlecken. Da ist nichts. Höchstens eine meist alles andere als saubere Toilette. Da hockt man dann tagelang allein in seiner Fahrerkabine und ist zur Untätigkeit verdammt.“

Trucker – das ist bei weitem nicht immer der große Traum von Freiheit und Abenteuer. Das ist ein harter Job, der Nerven und Gesundheit kostet, die Familie belastet und für Freundschaften oder Hobbys kaum Zeit lässt. Bianca Schumacher wünscht sich, dass Otto Normalverbraucher den Lkw-Fahrern etwas mehr Verständnis entgegenbringen.

„Ohne Lkw-Fahrer würde die gesamte Versorgung zusammenbrechen. Dann wären alle Supermärkte leer, wir hätten keine Möbel, rein gar nichts, auch keine Pkw. Da sollte man mal drüber nachdenken.“

Von der A4 zur A44

Seit drei Jahren hat Bianca Schumacher es sich auf die Fahne geschrieben, ihren fahrenden Kollegen zu Weihnachten eine kleine Freude zu bereiten. Kollegen, die fernab von ihrer Familie auf Autobahnparkplätzen gestrandet sind. Sie sammelt Spenden – Obst, Gebäck, Schokolade und ähnliches mehr –, die sie dann an Heiligabend tütenweise an Trucker verteilt. Trucker, die mit ihren Karossen auf Parkplätzen an der A4 und A44 stehen.

Mit zwei Pkw voller aufmunternder Präsente fährt Bianca Schumacher dann die Parkplätze ab – von Eschweiler bis fast nach Frechen, dann rüber auf die A44. Im vergangenen Jahr zauberte sie so ein Lächeln in die Gesichter einiger Dutzend gestrandeter Fahrer. In diesem Jahr sollten es einige mehr werden, hofft sie. Über Facebook hat sie zu Spenden aufgerufen. Mit erfreulicher Resonanz. Über weitere Gaben würde sie sich freuen.

Gesundheit leidet

Wenn Bianca Schumacher ihre ehemaligen Kollegen aus aller Herren Ländern trifft, packt sie auch die Wehmut. Sie möchte zurück auf den „Bock“. Ein Ding der Unmöglichkeit. Die 43-Jährige ist Frührentnerin. Weil Bandscheiben, Knie und Hände nicht mehr so mitspielen, wie sie das sollten.

„Acht Stunden am Stück sitzen und teils auch beim Abladen mithelfen, das geht an die Gesundheit“, weiß sie. Damit abfinden will sie sich dennoch nicht. „Bei allem Respekt für die wichtige und gute Arbeit anderer – aber ein Job an der Kasse wär nichts für mich. Einmal Trucker, immer Trucker, Das liegt einfach im Blut.“

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