Wenn Schottersteine Geschosse werden

Von: Rudolf Müller
Letzte Aktualisierung:
6161260.jpg
Der frühere Nothberger Bahnhof ist nicht im geringsten gesichert. Stadt und Polizei machen mobil. Foto: Rudolf Müller
6161256.jpg
Helmut Groten an der Sperre, die keine ist. Hier spielen Kinder, während in unmittelbarer Nähe Schnellzüge vorbeifliegen. Foto: Rudolf Müller
6161265.jpg
Nothbergs Bahnhof vergammelt: Im Wartehäuschen lag bis vor wenigen Tagen noch ein Berg Müll, ein weiterer findet sich am Eingang. „Hier feiern die Ratten wahre Orgien“, sagt Groten. Einige hundert Meter ostwärts haben Anwohner ihre Gärten bis unmittelbar an die Gleisanlagen herangebaut. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Helmut Groten saß im Garten, als ihn der Schlag traf. Voll auf die Ohren. Ein gewaltiger Knall, der vom nahen Nothberger Bahnhof kam. Besser gesagt: von dem, was einmal der Nothberger Bahnhof an der Strecke Aachen – Köln war. Anwohner Grotens erste Vermutung – „Da hat ein Zug ein Rad verloren!“ – war noch nicht ganz zu Ende gedacht, da knallte es erneut.

Helmut Groten rief die Feuerwehr. „Wen hätte ich denn sonst rufen sollen? Die Bahn? Da verhungerst du in einer Hotline-Warteschleife...“ Binnen vier Minuten war die Wehr vor Ort und inspizierte mit Groten den Bahnhof. Abgesprungene Räder fand sie nicht, wohl aber zerplatzte Schottersteine, vermutlich von Kindern oder Jugendlichen auf die Gleise gelegt und von Zügen zermalmt.

Ein „Streich“, der böse Folgen haben kann – auch für die Täter selbst. Mit Schottersteinen kann man Züge entgleisen lassen, berichtete ein Experte dem Anwohner. Und Hans Kamerseder, Präventionsbeauftragter der Bundespolizei, ergänzt: „Die Splitter der Schottersteine wirken wie Geschosse und fliegen immer nach außen weg. Im schlimmsten Fall kann da jemand tödlich getroffen werden.“

Sein Kollege Knut Paul von der Bundespolizei-Inspektion Aachen berichtet von einem Fall, in dem Unbekannte eine Kabel-Abdeckplatte auf die Schienen gelegt hatten. „Das Teil flog zig Meter weit und schlug in einem Garten knapp neben einem Kinderspielgerät auf.“ Helmut Groten zog die Reißleine: „Ich möchte weder tote Kinder noch eine Lokomotive im Wohnzimmer haben.“

Gefährlicher Sog

Er wandte sich an die Stadt, die wiederum Vertreter der Bahn und der Bundespolizei zum Gespräch mit dem Ordnungsamt der Stadt bat. Wer ohne Entschuldigung nicht erschien, war Andreas Jäger, Fachreferent Konzernsicherheit der Deutsche Bahn AG. Dabei ist es die Bahn, die in erster Linie gefordert ist: Der Bahnhof Nothberg ist zwar ge-, aber nicht verschlossen.

Schon seit Jahren außer Betrieb, reizen die vor sich hin gammelnden Bahnanlagen Kinder zum Spielen, Herrchen zum Hundeausführen und Umweltferkel zum Müllentsorgen. Eins wie das andere illegal. Am einstigen Bahnhofseingang verkündet lediglich ein Schild, dass das Betreten der Bahnanlagen verboten ist, und einer zerrissene Plastikkette hat es längst aufgegeben, als Absperrung dienen zu wollen.

Dabei ist der Aufenthalt hier äußerst gefährlich: Der Sog der mit bis zu 160 km/h vorbeidonnernden Züge ist so stark, dass Kinder ohne weiteres mitgerissen werden. „So ein Gelände komplett absperren, das ist so gut wie unmöglich“, räumt auch Groten ein, „wer will, der kommt überall rein. Aber es ist eine Klackssache, die Zugänge mit Bauzäunen so zu sichern, dass normal spielende Kinder abgehalten werden. Und welcher Zehnjährige schleppt schon eine Drahtschere mit sich herum?!“

Auch ohne ein Aktivwerden der Bahn abzuwarten, die laut Eschweilers Sicherheits-Referenten Dieter Kamp schon vor dem Round-Table-Termin am Donnerstag zugesagt hatte, über entsprechende Lösungen nachzudenken, wollen Stadt und Bundespolizei nun aktiv werden. Schon jetzt besuchen Beamte der Bundespolizei Grundschulen, die in einem Abstand von maximal 400 Metern zu Bahnanlagen liegen, um dort mit den Schülern über die zahlreichen Gefahren an Gleisanlagen zu reden.

In Eschweiler sind dies die Grundschulen Röthgen, Bergrath, Weisweiler und Stich. Eigentlich gehörte auch die Grundschule Stadtmitte dazu, aber die, so Hans Kamerseder, „wollte das aus irgendeinem Grund nicht mehr“. Problematisch ist, dass die früheren Schulbezirke inzwischen aufgelöst sind und Kinder, die in Bahnnähe wohnen und spielen, eine weit entfernt liegende Schule besuchen können. Jetzt wird überlegt, auch Kindergärten in die Unterrichtung mit einzubeziehen sowie Eltern und übrige Anwohner in Bahnnähe per Handzettel auf die Gefahren hinzuweisen. Allerdings: „Das ist auch ein personelles Problem“, sagt Kamerseder. „Wir haben nicht unbeschränkt Leute, die diesen Unterricht machen können und wollen.“

Drei- bis viermal pro Woche, so Knut Paul, bekommt die Bundespolizei Kenntnis von „Personen im Gleisbereich“ im 214 Kilometer langen Streckennetz der hiesigen Bundespolizei-Inspektion. Die Konsequenzen können bis hin zur Streckensperrung reichen – immerhin kann ein Zug bei 80 km/h es auf einen Bremsweg von einem Kilometer bringen.

Um Personen auf den Schienen nicht zu zerfetzen, muss bei einer solchen Meldung Schrittfahrt oder Stillstand angeordnet werden. Und dann wird‘s teuer: Bis zu 50.000 Euro Bußgeld können fällig werden. Hinzu kommen Schadensersatzforderungen der Bahn je Minute Zugverspätung – da kommen schnell Tausende zusammen.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert