Würselen - Wenn die Maschinen starten, quaken die Frösche

Wenn die Maschinen starten, quaken die Frösche

Von: Udo Kals
Letzte Aktualisierung:
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Still ruhen die Rotoren: Am Lärm der startenden Flugzeuge scheiden sich weiterhin die Geister. Der Ausbau des Flugplatzgeländes soll nächstes Jahr beginnen. Foto: Michael Jaspers

Würselen. Einzig drei Handwerker durchpicken die nachmittägliche Ruhe auf Merzbrück. Während die Start- und Landebahn im diesigen Regenwetter träge vor sich hin liegt, befreien die Männer die Stirnseite eines der ehemals von den Belgiern genutzten Kasernengebäude Reihe um Reihe von der grau-braunen Klinkerfassade.

1995 sind die letzten Soldaten abgezogen. Hinterlassen haben sie eine ganze Menge, nun, funktionaler Bauten. Das Ensemble aufzupeppen, ist eine Herausforderung, an der man scheitern kann.

Während dieser Tage die Steine dumpf in den Container poltern, will Uwe Zink als Geschäftsführer der Flugplatz Aachen-Merzbrück (FAM) GmbH auf dem Gelände schon bald größere Baustellen aufmachen. Im vergangenen Sommer erst hat das auf Merzbrück stationierte ADAC-Luftrettungsteam eine neue Station erhalten. Standortbekenntnis nennt man eine solche zwei Millionen Euro teure Investition wohl. Doch Zink schmiedet weitere Pläne.

Seit Jahren rührt er die Werbetrommel für einen Standort, den er den mobilsten der Region nennt - mit Landeplatz für Hubschrauber und Flugzeuge sowie mit Autobahn- und bald auch Euregiobahnanschluss und einem großem Zukunftspotenzial als Gewerbestandort. Und nach jahrelangen Diskussionen und intensiven Vorarbeiten läuft nun seit einigen Tagen das Planfeststellungsverfahren für den Ausbau des Flugplatzes.

Noch ist es ruhig. Extrem ruhig an diesem Montag. Vor einem der Hangars stehen wenige Einpropeller und warten auf Piloten. Doch die werden an diesem Nachmittag nicht mehr kommen. „Heute ist einer gestartet und einer gelandet”, sagt Thomas Jorias, der in einem der gesichtslosen Büros in der Flugleitung sitzt. Kein Flugwetter. Der Lärm hält sich in Grenzen.

Dass dies so bleibt, glaubt Josef Güldenberg nicht. Der rüstige Pensionär sitzt an seinem Wohnzimmertisch, vor ihm ausgebreitet ein Ordner mit Korrespondenzen und anderen Unterlagen. Und dann erzählt er von seinem Frosch in seinem Gartenteich. „Das hört sich komisch an, ich weiß”, sagt er: „Aber wenn die Maschinen in Richtung St. Jöris starten, dann quakt der Frosch.” Und Güldenberg befürchtet, schon bald regelmäßig Sommerkonzerte in seinem Garten ertragen zu müssen. Und das will er nicht.

St. Jöris ist ein Stadtteil von Eschweiler. Und nicht wenige Bürger dieses Dorfes befürchten, durch die Ausbaupläne der FAM benachteiligt zu werden. 2007 formierten sich Josef Güldenberg, Christian Olbrich und weitere Mitstreiter, sammelten 300 Unterschriften von den rund 850 Einwohnern. Sie gingen gegen den Lärm und die neuen Pläne auf die Barrikaden. Denn: Da nach einer seit 2005 geltenden EU-Richtlinie für den Geschäftsflugverkehr die jetzige Start- und Landebahn mit 520 Metern für viele Flieger zu kurz ist, soll eine komplett neue und 1160 Meter lange Piste gebaut werden, wovon genau 947 Meter für Starts und Landungen zur Verfügung stehen.

Dabei wird der neue Asphaltstreifen im Vergleich zur jetzigen Bahn südlich verlegt und um zehn Grad verschwenkt - weg vom Würselener Stadtteil Broichweiden, wo es leiser werden werden soll, hin zu St. Jöris und Verlautenheide in Aachen. Mit diesem Neubau, so betont Zink, soll der Status Quo des Flugplatzes zum 31. Dezember 2004 erhalten bleiben. Das heißt: Bei einem weiterhin geltenden Nachtflugverbot sollen Propeller-Maschinen bis drei Tonnen landen können sowie in Ausnahmefällen auch schwerere Flugzeuge bis zu 5,7 Tonnen. Und er betont: „Für Düsenjets ist auch die neue Piste zu schmal.”

Doch Olbrich traut dem Braten nicht, glaubt wie Güldenberg an eine Salami-Taktik, befürchtet, dass Merzbrück peu á peu für größere, schwerere und damit wohl auch lautere Flugzeuge zugelassen wird. Beiden schwant nichts Gutes. Und auch in den Aachener Stadtteilen Verlautenheide und Haaren schauen Bürger und Politik gespannt auf die (Lärm-)Entwicklung.

Ob sich ihre Befürchtungen bewahrheiten, wird sich wohl schon bald zeigen. Denn FAM-Geschäftsführer Zink hofft auf einen Baubeginn im kommenden Jahr. Natürlich will er mit der längeren Piste den Flugbetrieb ankurbeln, auch mit Blick auf den Aachener RWTH-Campus oder das auf eigenem Terrain geplante Gewerbegebiet neue Geschäftsflieger anlocken. Daraus macht er keinen Hehl, das ist sein Geschäft. Doch dies soll in Maßen geschehen. Alles andere sei nicht realistisch. Hatte es Anfang der 90er Jahre noch fast 90.000 Starts und Landungen, waren es im Vorjahr 42000. „Wenn wir in einigen Jahren eine Steigerung von 1000 oder 2000 Flugbewegungen haben, dann ist das schon gut”, sagt Zink.

Derweil geht er in die Offensive und will die Bürger in der seit Jahren laufenden Diskussion über Sinn und Unsinn des Flugplatzausbaus „absolut transparent” informieren. Vor allem, was das Thema Lärm angeht, das Gegenstand einer intensiven Studie war. 19 Messpunkte in Aachen, Eschweiler, Stolberg und Würselen sind untersucht worden. Das Ergebnis: Die prognostizierte Lärmbelastung sei unbedenklich. Nur an vier Messpunkten - etwa am unbewohnten Autobahnkreuz Aachen - seien höhere Werte festgestellt worden. „Sonstige Verschlechterungen befinden sich auf einem geringen Niveau und sind in der Regel kaum wahrnehmbar”, heißt es in der vom Aachener FH-Professor Frank Janser verfassten Studie, der gleichfalls betont: Die vor allem für Würselen und Broichweiden prognostizierten Verbesserungen „bedingen die Einhaltung der angegebenen Flugwege”.

Doch Güldenberg glaubt nicht, dass sich alle Flieger an die vorgegebenen Flugrouten halten. Und er betont: „Auch wenn die geltenden Grenzwerte nicht überschritten werden. Meine subjektive Wahrnehmung ist eine andere. Zumal die Flugzeuge überwiegend bei gutem Wetter, bei östlichen Winden, in Richtung St. Jöris starten.” An Tagen also, an denen die Menschen draußen sind. Während Olbrich nochmals die Mitbürger mobilisieren will, will Güldenberg nicht mehr kämpfen: „Ich glaube, die meisten Leute haben resigniert.”

Einige Kilometer westlich ist die Stimmung eine andere. Rolf Hirtz und Ansgar Klein sitzen in Broichweiden im Wohnzimmer von Hans Poth. Von dort aus können sie den brummenden Verkehr auf der A44 bestens beobachten - und den Flugplatz Merzbrück, dessen Ausbau die Bürgerinitiative seit den 80er Jahren bekämpft. Obwohl das Planfeststellungsverfahren nun läuft, ist Hirtz durchaus zufrieden: „Jahrelang sind die Pläne nicht umgesetzt worden. Zudem wurde ein Lärmschutzbeirat ist eingerichtet, das sind schon Erfolge.” Den Frieden mit dem Ausbau haben aber weder er noch seine Mitstreiter gemacht. Dabei richtet Poth den Blick auch aufs Geld.

Zwar sind die Kosten bei den Beschlüssen der politischen Gremien vor einigen Jahren bei 4,6 Millionen Euro plus Inflationsrate gedeckelt worden, die je zur Hälfte vom Land und von den FAM-Gesellschaftern (Stadtentwicklungsgesellschaft Würselen, die Städte Aachen und Eschweiler sowie die Städteregion Aachen und die Fluggemeinschaft Aachen) getragen werden sollen. Doch nicht nur Poth sagt: „Der Ausbau ist mit diesem Betrag nicht zu machen.” Eine zweistellige Summe, da sind sich die Herren in Broichweiden einig, sei weitaus realistischer. Das sieht FAM-Geschäftsführer Zink indes anders, für den die ursprüngliche Summe weiterhin Bestand hat. Ohne Wenn und Aber.

Wie dem auch sei. Für Klein ist das finanzielle Risiko selbst bei dem Einsatz von 4,6 Millionen Euro an Steuergeldern viel zu hoch: „Würselen ist so blank und bankrott, und dann wird auch noch so ein großes Rad gedreht.” Sein Fazit: „Mit Blick auf die Flughäfen in Lüttich, Maastricht, Köln, Düsseldorf und Mönchengladbach brauchen wir keinen Ausbau auf Merzbrück. Zumal dies finanziell nicht tragbar ist.” Dabei kommt nach Meinung Olbrichs hinzu, dass derzeit überhaupt nicht nicht klar sei, ob mit einer 50-prozentigen Förderung seitens des Landes überhaupt noch gerechnet werden kann. Schließlich ist im rot-grünen Koalitionsvertrag festgehalten, dass eine Subventionierung von Flughäfen und Verkehrslandeplätzen nicht mehr stattfindet. Derzeit laufen im NRW-Verkehrsministerium nach Auskunft der Pressestelle entsprechende Abstimmungsgespräche zu diesem Thema.

Das alles macht Uwe Zink indes nicht bange. Er geht davon aus, dass die Mittel fließen werden, der Flugplatz ausgebaut und das Gewerbegebiet entwickelt wird. Er ist sich sicher: „Es wird eine Menge passieren. Im Jahr 2020 brummt Merzbrück. Nicht lauter als jetzt, aber mit Sicherheit sicherer.”
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