Eschweiler - Weltmarktführer spielt Verstecken auf 95 Jahre altem Industrie-Areal

Weltmarktführer spielt Verstecken auf 95 Jahre altem Industrie-Areal

Von: Rudolf Müller
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„Du, die Wanne ist voll!” Im
„Du, die Wanne ist voll!” Im Schnitt sechs Mal täglich erfolgt im Elektrowerk ein solcher „Abstich”. Am Ende des Prozesses steht erstklassiges Ferro-Chrome, mit dem das Weisweiler Werk längst den Weltmarkt dominiert. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Das Gelände ist so groß wie 50 (!) Fußballplätze. Aber fast menschenleer. Nichts weist darauf hin, dass sich in den verwitterten Industriehallen abseits der Dürener Straße am Ortseingang Weisweiler ein Unternehmen an die Weltspitze gekämpft hat.

„Wir haben nur ein einzigen ernsthaften Konkurrenten”, sagt Geschäftsführer Christoph Schneider. „Und der sitzt in Japan.” Wenn man ein Eschweiler Unternehmen als traditionsreich bezeichnen kann, dann das Elektrowerk. 1917 wurde es in unmittelbarer Nachbarschaft zum schon damals bestehenden Braunkohlekraftwerk gegründet, um Eisenlegierungen für Panzer herzustellen.

Doch auch außerhalb von Kriegszeiten „brummte” das Werk. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch waren hier bis zu 1700 Menschen beschäftigt. Dann kam der Einbruch: Südafrikanische Hersteller lieferten die Massen-Handelswaren, die von nur durchschnittlicher Qualität waren, konkurrenzlos günstig. Und wenige Jahren später trieben Billigstangebote aus Russland und Kasachstan das Werk an den Rand des Ruins.

Eine Landesbürgschaft machte es möglich, dass das marode Werk sich neu aufstellte. Heute fertigen hier 110 bis 115 Mitarbeiter jährlich 30.000 Tonnen von LCFeCr (Low Carbon Ferro Chrome - Ferro-Chrome mit niedrigem Kohlenstoffgehalt). Und das ist im Flugzeugturbinenbau heute ebenso unverzichtbar wie in Autoheckscheiben und Cerankochfeldern.

Im Elektroofen wird aus Chromerz (aus gruppeneigenen Minen in der Türkei) und Kalk eine Schlacke erschmolzen und anschließend in eine mit feuerfesten Steinen ausgemauerten Pfanne abgestochen. Unter einer Absaughaube wird das Reduktionsmittel, eine Ferrochromsilizium-Legierung zugegeben, außerdem zusätzlich Chromerz und Kalk. Dabei entsteht das Ferro-Chrome. Das wird nach dem Erstarren mit Wasser gekühlt, zerkleinert, analysiert, in verschiedene Qualitätsklassen eingeteilt und schließlich verkauft: an Rolls Royce, General Electrics, Pratt & Whitney und andere „Global Player”.

Für die Herstellung der 30.000 Tonnen Ferro-Chrome benötigt das Werk 80 000 Tonnen Chromerz, 30.000 Tonnen Ferro-Silicium-Chrom und 45 000 Tonnen Branntkalk - alles per Schiff bis Neuss und dann per Lkw nach Weisweiler gebracht. Und 90 Millionen Kilowattstunden Strom. Der macht 30 Prozent der Gesamtkosten aus und schlägt mit über 6 Millionen Euro zu Buche. Dank CDU-MdB Helmut Brandt, der sich jetzt selbst gemeinsam mit seinem Landtagskollegen Axel Wirtz von der Arbeit des Elektrowerks ein Bild machte, kann das Unternehmen auf Bundeshilfe bei der Bestreitung der Energiekosten rechnen.

Damit fördert der Bund ein Unternehmern, das derzeit mit einer ganzen Reihe guter Nachrichten aufwarten kann: Die Auftragslage ist nach dem Knick im Flugzeugbau, ausgelöst durch die Anschläge aufs New Yorker World Trade Center, wieder sehr gut. Künftig werden auch wieder Auszubildende - Elektroniker für Betriebstechnik, Mechatroniker) das Team verstärken. Und seit einigen Monaten ist man intensiv auf der Suche nach Möglichkeiten, die knapp 30 Prozent Zerfallschlacke, die derzeit noch auf der Halde Atzenau gelagert wird (70 Prozent feste Schlacke werden bereits u.a. im Straßenbau weiterverwertet), so aufzubereiten, dass auch sie komplett zur Herstellung von Dachziegeln u.ä. verwendet werden kann. Dazu wären dann Investitionen von an die 20 Millionen Euro nötig.

Geschäftsführer Christoph Schneider sieht das gelassen: Mit der finnischen Ruukki-Gruppe bekommt das Elektrowerk in diesen Tagen einen neuen Eigentümer. Der Spezialstahlhersteller mit 11800 Mitarbeitern in 30 Ländern machte 2011 einem Umsatz von 2,8 Milliarden Euro.

Top-Labor für Kunden in aller Welt

Von außen völlig unscheinbar, innen dagegen topmodern: Mit einer bunten Flaschen- und Reagenzglassammlung ist es nicht getan im Labor des Elektrowerks Weisweiler. Die Einrichtung ist technisch auf dem neuesten Stand und erfüllt damit auch höchste Ansprüche. Das Labor arbeitet nicht nur fürs Elektrowerk selbst: Selbst Kunden aus den USA geben hier Analysen in Auftrag, deren Ergebnisse auch etliche Stellen hinter dem Komma noch absolute Genauigkeit aufweisen müssen.
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