Weltklasse startet im Eschweiler Waldstadion

Von: Hubert Meisen
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Start des 800-m-Laufs 1973: Es sind der spätere Sieger Mark Winzenried (USA), daneben Tempomacher Herbert Schlütz (ESG) und rechts Franz-Josef Kemper (Nummer 172) zu sehen.

Eschweiler. Samstag vor 40 Jahren fand zum letzten Mal eine der bedeutendsten Sportveranstaltungen statt, die es in der Eschweiler Sportgeschichte gegeben hat. An diesem Tag endete die Reihe der seit Mitte der 1960er Jahre alljährlich veranstalteten Internationalen Leichtathletiksportfeste der Eschweiler Sportgemeinschaft.

Die älteren Leser werden sich vielleicht noch daran erinnern. Für die jüngeren ist es wohl kaum vorstellbar, dass im Eschweiler Waldstadion seinerzeit Olympiasieger, Weltrekordler und Europameister aufgetreten sind und in jedem Jahr 2000 bis 5000 Zuschauer anzogen.

An jenem 4. Juli 1975 war es wieder soweit. Die „Macher“ der ESG-Leichtathletikabteilung, Cornel „Männ“ Dohmen, ein Geschäftsmann in der Möbelbranche, und Engelbert Hoppe, Direktor der Realschule Patternhof, hatten mal wieder mit viel Herzblut eine Menge Arbeit in die Vorbereitungen investiert, um Spitzenathleten aus 15 Nationen aus allen Kontinenten nach Eschweiler zu holen. Sie kamen aus USA, Kanada, Trinidad, Chile, Togo, Südafrika, Japan, Pakistan, Malaysia, Australien, Großbritannien, Niederlande, Belgien, Luxemburg und Deutschland.

Aufgeweichte Aschenbahn

Was zunächst bei normalem Sommerwetter begann, endete zum Schluss leider bei starkem Regen. Der letzte Wettbewerb, der 5000-m-Lauf, glich einem Geländelauf auf der völlig aufgeweichten Aschenbahn des Waldstadions. „Bis zu den Waden durchs Regenwasser“ lautete die Überschrift des Artikels der Sportredaktion der Aachener Volkszeitung. Die Aachener Nachrichten bedauerten, dass durch die eingetroffene Wettervorhersage die Zuschauerzahl von 2000 unter den Erwartungen blieb und ein Minus in der Kalkulation verursachte.

Was bekamen die Zuschauer vor 40 Jahren zu sehen? Ein Star der damaligen Zeit war Liesel Westermann. In den 1960er Jahren war sie eine der ersten, die als „Zuschauermagnet“ half, das Eschweiler Sportfest bekannt zu machen. Sie erlangte Weltruhm, als sie 1967 als erste Diskuswerferin der Welt die magische 60-m-Marke übertroffen hatte. Später verbesserte sie den Weltrekord noch mal auf 63,94 m. Auch wenn sie bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko „nur“ Silber holte, war sie auch wegen ihres sympathischen Auftretens überall ein gern gesehener Gast. In Eschweiler warf sie 59,62 m.

Bekannte Athleten waren auch die Siegerin über 800 m, Ellen Wellmann (geborene Tittel), der Sprinter Manfred Ommer (Zweiter über 100 m hinter dem Kanadier Marvin Nash), Detlef Uhlemann (Vizeweltmeister 1973 im Crosslauf, er wurde Zweiter über 3000 m hinter dem Südafrikaner Ewald Bonzet) und der Ex-Weltrekordler im Hochsprung, Pat Matzdorf (USA). Matzdorf hatte 1971 mit 2,29 m Weltrekord gesprungen. Zum Zeitpunkt des Eschweiler Sportfestes war er immer noch der zweitbeste Hochspringer aller Zeiten, da er lediglich 1973 von seinem Landsmann Dwight Stones übertroffen worden war, der als erster Mensch die 2,30 m geschafft hatte. Leider litt auch der Hochsprung unter dem Regen, so dass die bescheidene Siegeshöhe von 2,10 m verständlich war.

Noch auf Asche

Bedenken muss man dabei, dass damals noch auf Asche gesprungen wurde. Ähnlich erging es den zu dieser Zeit drei besten Stabhochspringern Deutschlands. Reinhard Kuretzky und Günter Lohre mussten nach übersprungenen 5,20 m den Wettbewerb wegen des Regens abbrechen. Zu den herausragenden Leistungen der Veranstaltung gehörten auch die 61,14 m des Leverkuseners Hein Direk Neu im Diskuswerfen und die 46,6 Sekunden im 400-m-Lauf des 24-jährigen Bergheimers Franz Peter Hofmeister, der ein Jahr später in Montreal bei den Olympischen Spielen mit der deutschen 4 x 400-m-Staffel die Bronzemedaille gewann und 1978 in Prag Europameister über 400 m wurde.

Um die Bedeutung der Veranstaltung von 1975 besser zu verstehen, muss man unbedingt zurückblicken. Der Durchbruch als bundesweit bekanntes Sportfest gelang der ESG im Jahr 1970. Erstmals war es Männ Dohmen und Engelbert Hoppe gelungen, Athleten aus den USA ins Waldstadion zu holen. Einer von ihnen war ein wirklich hochkarätiger Sprinter, der zwei Jahre zuvor für weltweites Aufsehen gesorgt hatte.

Bei den Olympiaqualifikationen der USA hatten in einem Lauf gleich drei Amerikaner den Weltrekord im 100-m-Lauf verbessert, als sie alle mit 9,9 erstmals unter 10 Sekunden geblieben waren und den acht Jahre alten Weltrekord des Deutschen Armin Hary (10,0 Sekunden) ausgelöscht hatten. Es handelte sich um den Olympiasieger des gleichen Jahres, Jim Hines, sowie Ronnie Ray Smith und Charlie Greene.

Gewinner der Bronzemedaille

Der Letztgenannte tauchte also kurz vor dem Eschweiler Sportfest am 10. Juli in Deutschland auf. Dohmen handelte schnell und konnte ihn zum Start in Eschweiler bewegen. Nach locker gelaufenen 10,7 Sek. im Vorlauf gewann er den Endlauf in 10,2 Sek. vor Edwin Roberts (Trinidad). Charlie Greene, Olympiasieger 1968 mit der amerikanischen 4 x 100-m-Staffel und Gewinner der Bronzemedaille über 100 m, war natürlich der Star in Eschweiler. Aber auch Edwin Roberts war ein absoluter Weltklassesprinter. 1964 gewann er olympisches Bronze über 200 m und in der 4 x 400-m-Staffel. 1968 wurde er über seine geliebte 200-m-Strecke noch mal Vierter. In Eschweiler lief er neben den 100 m auch die 400 m und gewann diese in 46,7 Sek.

Bei der gleichen Veranstaltung war dann auch ein deutscher Leichtathlet erstmals zu Gast, der in den Folgejahren zum beliebtesten Athleten in Eschweiler wurde. Es war der Mittel- und Langstreckler Harald Norpoth. Der hagere Läufer aus Telgte bei Münster hatte bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio die Silbermedaille über 5000 m gewonnen und wurde vier Jahre später in Mexiko Vierter über 1500 m. Außerdem war er Europarekordler über 3000 m und 5000 m und Weltrekordler über die selten gelaufene 2000-m-Strecke. In Eschweiler lief er 1970 die 1500 m. Er und Martin Liquori (USA) waren die klaren Favoriten. Die beiden belauerten sich so sehr, dass sie von dem Belgier André de Herthoge auf der Zielgeraden überrascht wurden. Zweiter war Norpoth, Dritter Liquori.

Star der Frauenwettbewerbe war Heide Rosendahl, die den 100-m-Lauf in 11,6 Sekunden gewann. Ihre große Zeit sollte zwei Jahre später bei Olympia in München kommen, wo sie Gold im Weitsprung und in der 4 x 100-m-Staffel sowie Silber im Fünfkampf gewann.

Eine Überraschung erlebten Dohmen & Co. am Tag vor dem Sportfest. Eine größere Mannschaft wurde aus Indien erwartet. Als deren Delegationsleiter stellte sich ein netter älterer Herr aus Deutschland mit Namen Dr. Otto Peltzer vor. Männ Dohmen stellte ihm vorsichtig die Frage: „Sie sind doch nicht etwa der frühere Weltrekordmann aus den 1920er Jahren?“ Er war es wirklich. Er galt seinerzeit als deutscher „Wunderläufer“ auf den Mittelstrecken, der 1926 Weltrekorde über 800 m und 1500 m und 1927 über 1000 m gelaufen war. Er hatte sich zu dieser Zeit mit dem legendären Finnen Paavo Nurmi erbitterte Duelle geliefert, dem er damals auch den 1500-m-Weltrekord entriss. Erst durch meine Recherchen für diesen Beitrag fand ich heraus, dass er wegen seiner Homosexualität 1935 von den Nationalsozialisten verhaftet und verurteilt wurde. Er emigrierte 1939 nach Schweden, wurde aber ein Jahr später an Deutschland ausgeliefert und bis zum Kriegsende im KZ Mauthausen als Zwangsarbeiter eingesetzt. Da er sich auch nach dem Krieg ausgegrenzt fühlte, ging er nach Indien ins Exil. Offensichtlich hat er sich dort dann um die Leichtathletik gekümmert. Fast auf den Tag genau einen Monat nach dem Besuch in Eschweiler starb er mit 70 Jahren in Eutin.

Spannendes Rennen

Am 4. Juni 1971 stand vor allem der 5000-m-Lauf im Blickpunkt. Der DDR-Star Jürgen May, der 1965 einen Weltrekord im 1000-m-Lauf aufgestellt hatte, also auch 1971 noch amtierender Weltrekordler war, konnte für einen Start in Eschweiler gewonnen werden. May war 1967 spektakulär aus der DDR geflohen. Als der DDR-Verband seine Sperre für die Europameisterschaften 1969 in Piräus durchsetzte, boykottierte die gesamte deutsche Leichtathletik-Nationalmannschaft diese Meisterschaften. Dadurch war Jürgen May zu dieser Zeit berühmt geworden. In Eschweiler versuchte er sich erstmals ernsthaft auf der 5000-m-Strecke. Bei starker Konkurrenz belegte er in einem spannenden Rennen in 13:55,8 Min. den 2. Platz hinter dem glänzenden Sieger Manfred Letzerich aus Wiesbaden (13:51,8 Min.).

Dritter in 13:57,4 Min. wurde ein anderer international berühmter Läufer: Gaston Roelants aus Belgien. Dass er tatsächlich in Eschweiler startete, galt damals als kleine Sensation. Er ist auch heute noch der erfolgreichste belgische Leichtathlet aller Zeiten. Erstmals trat er als weitgehend unbekannter 23-jähriger Läufer bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom in Erscheinung, als er über 3000 m Hindernis Vierter wurde. Vier Jahre danach in Tokio war er dann auf dieser Strecke unschlagbar und wurde in überlegener Manier Olympiasieger. Ein Jahr zuvor war er Weltrekord gelaufen und als erster Hindernisläufer unter 8:30 Min. geblieben. 1962 war er Europameister geworden. Viermal gewann er den berühmten Silvesterlauf von Sao Paulo.

Begeisterung entfachte auch der Lauf über die englische Meile (1609 m). Wie schon im Vorjahr über 1500 m, musste sich Favorit Harald Norpoth erneut knapp geschlagen geben. Diesmal war es der Brite Walt Wilkenson, mit dem sich Norpoth einen erbitterten Kampf lieferte. Ich sehe heute noch diese beiden Klasseläufer nebeneinander über die ganze Zielgerade sprinten. Dieser Zweikampf wurde von den Zuschauern frenetisch mit minutenlangem Beifall gefeiert.

Gute Kontakte zum DLV

Männ Dohmen pflegte gute Kontakte zum DLV, insbesondere zu dessen Leistungssportreferent Horst Blattgerste. Dadurch wurde der ESG die Ehre zuteil, ein Qualifikationsrennen im 10000-m-Lauf für die Olympischen Spiele im eigenen Land innerhalb des Sportfestes am 2. Juni 1972 zu veranstalten. Der Lauf endete mit einer Überraschung. Keiner der deutschen Favoriten gewann das Rennen. Manfred Letzerich wurde Zweiter, Werner Gierke Vierter und Detlev Uhlemann Sechster. Den Sieger kannten damals nur Insider. Es war der junge Gerd Fontana vom USC Heidelberg, der jubelnd in 28:39,4 Min. über die Ziellinie lief.

Das Niveau des Rennens war ausgezeichnet. Die ersten Acht liefen unter 29:00 Minuten. Im 800-m-Lauf gewann der frühere Europarekordler Franz-Josef Kemper in 1:47,8 Min. In diesem Lauf wurde der spätere langjährige Bundestrainer Lothar Hirsch Vierter in 1:49,7 Min. Hirsch startete damals schon für Rot-Weiß Koblenz, war früher aber als waschechter Eschweiler ein Athlet der ESG. Wenige Wochen später wurde Kemper in München bei Olympia Vierter. Die Frauenwettbewerbe waren im Olympiajahr nicht so gut besetzt.

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