Welthungerhilfe über den Hilferuf eines ganzen Kontinents

Von: Andreas Röchter
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Bärbel Dieckmann
Eindringlicher Appell: Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, rief die Verantwortlichen der Industriestaaten dazu auf, vor allem in afrikanische Länder zu investieren und die Handelsbedingungen wesentlich gerechter zu gestalten. Foto: Andreas Röchter
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Ungerechte Handelsbedingungen seien Schuld an Hunger und Armut in Afrika, sagt die Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, beim Europaforum in der Donnerberg-Kaserne. Das Foto zeigt eine Verteilstelle von Lebensmitteln im Südsudan. Foto: obs/Deutsche Welthungerhilfe e.V.

Eschweiler. „Armut und Hunger stellen eine große Gefahr für den Weltfrieden dar!“ Bärbel Dieckmann wählte am frühen Donnerstagabend gleich zu Beginn ihres Vortrags vor zahlreichen Zuhörern im Offiziersheim der Donnerberg-Kaserne deutliche Worte.

Die ehrenamtliche Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe war Gast des Europaforums des Europavereins „Gesellschaftspolitische Bildungsgemeinschaft“ (GPB), das einmal mehr in Kooperation mit dem Donnerberger Gesprächskreis stattfand. Unter der Überschrift „Chancen der Entwicklungszusammenarbeit in fragilen Staaten – der Beitrag der Welthungerhilfe im Kampf gegen Hunger und Armut“ referierte die frühere Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn (1994 bis 2009), bevor sich eine lebhafte Diskussion mit den Forumsgästen entwickelte.

„Hauptursache und Merkmal von fragilen, also quasi führungs-, kontroll- und strukturlosen Staaten ist die oftmals himmelschreiende Ungerechtigkeit, die dort herrscht“, betonte Bärbel Dieckmann. Und diese Ungerechtigkeit greife Staaten von innen und außen an. Denn: „Der afrikanische Kontinent hätte auf Grund seines Reichtums an Rohstoffen die Chance auf Wohlstand.“ Doch ungerechte Handels- und Wirtschaftsbedingungen, die afrikanischen Staaten auch und nicht zuletzt durch Europa aufgezwungen würden, verhinderten diesen. „Der Klimawandel wird nirgendwo in Afrika, sondern in den Industriestaaten produziert“, so die Präsidentin der Welthungerhilfe. Die nichtstaatliche Hilfsorganisation sei im Jahr 2016 in 38 Ländern aktiv gewesen und habe 250 Millionen Euro in Hilfsprogramme investiert. Allerdings nicht immer so, wie ursprünglich gedacht: „125 Millionen Euro flossen in die Entwicklungszusammenarbeit, die anderen 125 Millionen Euro in die humanitäre Hilfe, die eigentlich nicht zu unseren originären Aufgaben zählt.“

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg von Projekten der Welthungerhilfe sei, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Deshalb sei es bei allem Verständnis für die Notwendigkeit von militärischen Einsätzen auch richtig, dass es keine gemeinsamen Projekte zwischen Bundeswehr und Welthungerhilfe gebe. „Wir sind in unterschiedlichen Rollen und Funktionen vor Ort. Fremde Soldaten werden von den Einheimischen häufig als Protagonisten einer feindlichen Intervention eines anderen Staates wahrgenommen“, erläuterte Bärbel Dieckmann, die betonte, dass die Arbeit des Vereins in Deutschland hohes Ansehen genieße. „Die deutsche Bevölkerung ist sehr interessiert. Auch, da die Erkenntnis gewachsen ist, dass Europa unmöglich 65 Millionen Flüchtlinge aufnehmen und erst recht nicht integrieren kann und wir deshalb unbedingt alles tun müssen, um die Situation in den fragilen Staaten vor Ort zu verbessern.“

Die Ereignisse des 11. Septembers 2001 hätten die Augen geöffnet, dass die Bekämpfung von Hunger und Armut auch eine Frage der Sicherheit sei. Darüber hinaus müsse klar sein, dass Flucht nur aus nicht vollkommen fragilen Staaten möglich sei. „Tatsache ist: Die allerärmsten Menschen finden nicht den Weg nach Europa. Die 10.000 Euro, die für die Flucht mindestens notwendig sind, kann beispielsweise im Süd-Sudan mit Ausnahme einer verschwindend kleinen Gruppe von Personen, die dem Umfeld der sogenannten Regierung angehören, niemand aufbringen.“ Dabei habe das Land im Nordosten Afrikas, das Bärbel Dieckmann mit Sierra Leone und der Zentralafrikanischen Republik als Beispiel für einen fragilen Staat anführte, auf Grund seiner großen Ölvorkommen und zahlreicher landwirtschaftlich gut nutzbarer Flächen eigentlich „jede Chance“, als Staat zu funktionieren. „Stattdessen geht das Land in einem grausamen Bürgerkrieg unter, der sich am vordergründig ethnischen Konflikt zwischen Präsident Salva Kiir Mayardit und dem von diesem entlassenen ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar entzündete“, berichtete die gebürtige Leverkusenerin. Inzwischen übernehme die Regierung keinerlei Verantwortung mehr für die Bürger. Starke Binnenflucht innerhalb des Süd-Sudans sei die Folge.

„Entwicklungszusammenarbeit ist dort nicht mehr möglich. Wir leisten in diesem Land momentan ausschließlich humanitäre Hilfe!“ Generell laute das Ziel der flüchtenden Menschen aber nur Europa, wenn es überhaupt keine andere Chance mehr gebe. „Deshalb zielt mein Plädoyer in Richtung der verantwortlichen Politiker in den Industriestaaten ja auch darauf ab, alles zu unternehmen, um Stabilität vor Ort zu gewährleisten. Schließlich drängen in Afrika in den kommenden zwei Jahrzehnten etwa 150 Millionen Menschen auf den Arbeitsmarkt“, erläuterte Bärbel Dieckmann.

Erfolge machen Mut

Bei allen großen Problemen seien auch Erfolge zu benennen, die Mut machten. „Lateinamerika hat sich trotz weiterhin vorhandener Armut insgesamt sehr gut entwickelt. Dort müssen wir nicht mehr tätig sein. In Asien werden riesige Fortschritte gemacht. Und auch afrikanische Staaten wie Ruanda oder Ghana geben Anlass zur Hoffnung“, ließ die vierfache Mutter wissen, um ihre Ausführungen mit einem Appell an Europa zu beschließen. „Europa kann nicht isoliert leben. Die Welt braucht ein starkes Europa. Die Chance, Armut und Hunger wirkungsvoll zu bekämpfen, ist noch da. Viel Zeit bleibt jedoch nicht mehr. Wir brauchen eine gerechtere Verteilung von Reichtum und Einkommen. Es kann nicht sein, dass 80 Familien so viel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung!“ Weitere Stichworte lauteten weltweite Steuergerechtigkeit, soziale Sicherungssysteme auch in Entwicklungsländern sowie soziale Marktwirtschaft.

Bereits zu Beginn des Europaforums hatte der GPB-Vorsitzende Peter Schöner, der mit Oberstleutnant und Kasernenkommandant Holger Müller als Gastgeber fungierte, betont, dass Europa und damit nicht zuletzt Deutschland seinen Wohlstand dem afrikanischen Kontinent zu verdanken habe. „Es existieren zahlreiche Handelsabkommen zwischen Europa und Afrika. Alle zum Vorteil Europas. Wir nehmen Afrika Beschäftigung weg, fischen die Küsten leer. Wir benötigen einen Marshall-Plan für Afrika. Ich hoffe, den Worten folgen Taten“, sagte Schöner.

Bärbel Dieckmann brach schließlich eine Lanze für die Menschen Afrikas: „Trotz vielfachen Elends zeichnet sie unglaubliche Kraft aus. Nicht wenige in Wohlstands-Deutschland sind davon weit entfernt!“

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