Eschweiler - Weltdrogentag: „Alkoholiker? Aber ich doch nicht!“

Weltdrogentag: „Alkoholiker? Aber ich doch nicht!“

Von: Christina Handschuhmacher
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Gesellschaftlich anerkannt, aber gefährlich: Bundesweit sind Schätzungen zufolge 1,5 Millionen Menschen alkoholabhängig. Foto: stock/avanti

Eschweiler. Die Sucht tritt schleichend in das Leben von Rolf Lehmann. Sie verhält sich unauffällig. Jahrzehntelang. Niemand bemerkt sie – auch Rolf Lehmann nicht. Bis zu diesem Tag im Dezember 2011, als Rolf Lehmann zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate mit der Diagnose Bauchspeicheldrüsenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert wird.

Nach den Untersuchungen steht der Chefarzt an seinem Bett. „Herr Lehmann, Sie haben ein Alkoholproblem“, sagt er. „Bei den Werten, die wir bei ihnen gemessen haben, besteht daran kein Zweifel.“

Vor seinem inneren Auge sieht Rolf Lehmann in diesem Augenblick einen verwahrlosten Obdachlosen mit einer Flasche Fusel. Direkt im Anschluss taucht ein Mann auf, der einen Kasten Bier braucht, um überhaupt über den Tag zu kommen. Stereotypische Bilder, die wohl den meisten Menschen beim Stichwort Alkoholiker durch den Kopf schießen.

Diese Bilder kann und will Rolf Lehmann, der eigentlich anders heißt, aber seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, lange Zeit nicht mit sich selbst in Verbindung bringen. „Für mich war damals klar: Ich bin kein Alkoholiker“, sagt er rückblickend. „Ich bin nie mit einer Alkoholfahne oder einem dicken Kopf zur Arbeit gegangen und ich habe auch während meiner Arbeitszeit nicht getrunken.“

Dennoch: Die drei bis vier großen Flaschen Bier gehören irgendwann ganz selbstverständlich zum Feierabend dazu. Und das jeden Tag. 30 Jahre lang. Beim wöchentlichen Kneipenabend stehen am Ende des Abends mindestens 15 Striche auf dem Deckel. In einer Woche trinkt der 54-Jährige so bis zu 15 Liter Bier. „Das Bier war für mich ein Stück Lebensqualität und irgendwann ging es dann nicht mehr ohne“, beschreibt der Eschweiler heute seinen Weg in die Sucht. „Funktioniert“ hat Rolf Lehmann trotzdem noch.

Gabi Fischer von der Suchthilfe in der Städteregion Aachen kennt einige solcher Fälle: „Viele Menschen nehmen ihre Arbeit als Indikator und sagen: ‚So lange ich noch arbeiten kann, habe ich kein Suchtproblem.‘“ Viele Alkoholabhängige, die zu ihr und ihren Kollegen in die Suchtberatungsstelle an der Bergrather Straße kommen, seien immer noch sehr strukturiert in ihrem Tagesablauf. Dennoch sei ihnen bewusst, dass sie ein Problem im Umgang mit der Substanz Alkohol haben, sagt die Sozialpädagogin.

Immer noch ist Alkohol im bundesweiten Trend die Droge Nummer eins. Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zufolge sind bis zu 1,5 Millionen Menschen in Deutschland alkoholabhängig und bis zu 2,25 Millionen Menschen akut gefährdet. Diese Zahlen spiegeln sich auch in der Statistik der Suchthilfe wider: Von den 1654 im vergangenen Jahr dort betreuten Personen kam mit Abstand der Großteil – 595 Menschen – wegen Alkoholmissbrauchs in die Suchtberatungsstelle. Dort finden sie Beratung, ein Therapie-Angebot, Kontakt zu Selbsthilfe-Gruppen oder werden bei Bedarf in eine stationäre Langzeittherapie oder das ambulant betreute Wohnen vermittelt.

„In der Therapie geht es darum, neue Ressourcen zu finden“, erklärt Sozialpädagogin Fischer. Denn: „Die Droge ist für die Süchtigen lange Zeit wie eine Art Krücke.“ Mithilfe dieser Krücke – so scheint es ihnen – kommen sie über Probleme auf der Arbeit oder in der Familie hinweg – bis die Droge selbst zu ihrem größten Problem wird.

Zurück zu Rolf Lehmann. Als er die Diagnose Bauchspeicheldrüsenerkrankung bekommt, hört Lehmann auf zu trinken – von einem Tag auf den anderen. Erst in der dreimonatigen Reha-Maßnahme lernt Lehmann den Fachbegriff für das Symptom kennen, das ihn in der Folgezeit ständig begleitet hat: Suchtdruck.

Als jemand, der ein Alkoholproblem hat, sieht Lehmann sich dennoch lange Zeit nicht. Erst als er wegen seiner Bauchspeicheldrüsenerkrankung eine Kur beantragt und sein Hausarzt ihn vorher zur Suchtberatungsstelle schickt, sieht Lehmann widerwillig ein, dass sein jahrzehntelanges Trinkverhalten nicht normal ist. Von da an geht er offen mit seiner Diagnose um – vor der Familie, Freunden und Kollegen. Von Menschen aus seinem Bekanntenkreis hört er dagegen oft: „Stell dich nicht so an, Rolf. Dann müsste ich ja auch Alkoholiker sein.“ Rolf Lehmann schweigt zu solchen Aussagen und beginnt eine dreimonatige Reha-Maßnahme.

Heute – 18 Monate später – bezeichnet er die Diagnose als sein Damoklesschwert. „Wenn ich die Erkrankung nicht gehabt hätte, ich weiß nicht, ob ich es geschafft hätte“, sagt er. Ralf Lehmann weiß, dass er als trockener Alkoholiker immer rückfallgefährdet ist. „Das nächste Glas Bier steht immer nur eine Armlänge entfernt“, zitiert er einen Spruch der anonymen Alkoholiker. Solche Fälle hat der 54-Jährige in seiner Reha-Klinik mitbekommen; Menschen, deren Abstinenz schon wenige Minuten nach der Entlassung am Bahnhofskiosk endet. Und auch in der Gesellschaft werde Alkoholkonsum oft verharmlost und sei komplett akzeptiert. „Einen kannst du doch mittrinken“, hört er oft, wenn er auf Veranstaltungen unterwegs ist.

In der Reha hat Rolf Lehmann gelernt, damit umzugehen. Und auch für den Satz „Stell dich doch nicht so an. Dann müsste ich doch auch Alkoholiker sein“ hat Lehmann nun eine passende Antwort parat. „Vielleicht bist du das ja auch“, entgegnet er nun einfach.

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