Weiße Baracken als Zuflucht und Endstation

Von: Sonja Essers
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Die Notunterkünfte in der Grachtstraße: Dort können bis zu 35 Obdachlose untergebracht werden. Foto: Sonja Essers
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Ein Leben auf der Straße: In Eschweiler sind 23 Indestädter dem Sozialamt als obdachlos bekannt. Foto: Stock/epd

Eschweiler. Obdachlose haben oft mit Vorurteilen zu kämpfen: Manche unterstellen, sie tränken und nähmen Drogen. Andere behaupten, Obdachlose würden ihr Geld mit Betteln und kriminellen Geschäften verdienen. Doch entsprechen diese Bilder der Wirklichkeit?

Zwei Eschweiler müssen es wissen. Demet Jawher und Julian Bilke sind Mitarbeiter der Verwaltung und im Sozialamt für Obdachlose in der Indestadt die erste Anlaufstelle. Sie sind sich sicher: Obdachlos kann jeder werden. Den Weg aus der Abwärtsspirale schaffen nur die Wenigsten. Heute erinnert der Tag der Wohnungslosen an viele Schicksale.

Zerrüttete Verhältnisse

Wenn Demet Jawher an die Betroffenen denkt, dann kommen ihr zahlreiche Geschichten in den Kopf. Geschichten von Menschen, die in zerrüteten Familienverhältnissen aufgewachsen sind und deren eigene Familie selbst auseinanderbrach. Es sind Geschichten von Menschen, die mit ihren Problemen überfordert waren, zu Alkohol und Drogen griffen und früher oder später ihren Job verloren. „Dann kommt man auch schnell in die Situation, dass man seine Wohnung verliert“, sagt Jawher.

Ab diesem Zeitpunkt kommen Jawher und Bilke ins Spiel. Sie kümmern sich darum, die Betroffenen in Notunterkünften unterzubringen, bevor sie auf der Straße landen, und suchen gemeinsam mit ihnen einen Ausweg. „Das Ziel der meisten ist es, so schnell wie möglich eine neue Wohnung zu finden“, sagt Jawher. Doch dies sei oft schwer. „Viele kommen erst zu uns, wenn sie merken, dass es auf der Straße, bei Familien oder Freunden nicht mehr geht“, sagt Jawher. Bis eine neue Bleibe gefunden ist, muss eine andere Lösung her. „Wir versuchen es, erst einmal zu vermeiden, dass die Leute in der Notunterkunft untergebracht werden, und fragen, ob sie nicht bei ihrer Familie oder Freunden bleiben können“, meint Jawher. In manchen Fällen sei das jedoch nicht möglich.

Die Wohnungslosen bekommen ein Zimmer in der Notunterkunft an der Grachtstraße zugewiesen. Dort angekommen, werden sie vom Hausmeister mit einer frischen Matratze und Bettwäsche versorgt. In den meisten Fällen sei spätestens dann der Punkt erreicht, an dem die Betroffenen ihr Leben ändern wollen. „Viele sagen, dass das Leben dort kein Zustand sei, und wollen so schnell wie möglich wieder dort raus“, sagt Jawher.

Doch nicht für jeden Obdachlosen ist die Unterkunft an der Grachtstraße eine Übergangslösung. Für manchen Bewohner ist es die letzte Anlaufstelle: Endstation Grachtstraße. Vor den weißen Barracken stehen alte Fahrräder, an den Fenstern hängen vereinzelt Vorhänge. Das Gebäude sieht heruntergekommen aus, denn ein großes Problem ist der Vandalismus. Immer wieder werden Türen und Fenster demoliert, Lichtschalter werden herausgerissen, Feuerlöscher und Glühbirnen gestohlen. „Die nehmen alles, was man zu Geld machen kann“, sagt Julian Bilke.

Regeln und Kontrollen

Wer dort lebt, muss sich allerdings auch an bestimmte Regeln halten. Zwar können die Bewohner selbst entscheiden, ob sie den Tag in oder außerhalb der Unterkunft verbringen, jedoch stehen sie unter einer gewissen Kontrolle. Der Hausmeister führe eine Anwesenheitsliste. „So sehen wir, ob die Leute sich auch dort aufhalten oder nur die Zimmer blockieren“, so Jawher. Zudem wolle man vermeiden, dass unangemeldete Personen dort übernachten. Doch das kommt nicht bei jedem Betroffenen gut an. „Viele wollen sich einfach nicht gerne kontrollieren lassen“, sagt Jawher und fügt hinzu: „Die schlafen dann lieber auf der Straße.“

Trotz der Zustände an der Grachtstraße gibt es Menschen, die sich dort wohlfühlen und bereits seit mehreren Jahren in den weißen Baracken leben. Das bemerken Jawher und Bilke regelmäßig, wenn sie zu der Notunterkunft fahren. „Viele sagen uns, dass das ihre Wohnung sei“, sagt Jawher. Diese Menschen hätten sich mit ihrer Lebenssituation abgefunden, Hilfe werde dann nicht mehr gewollt. „Wenn die Leute schon ganz unten angekommen sind, dann ist es schwierig, ihnen noch zu helfen“, sagt Jawher. Besonders oft sei dies bei den männlichen Betroffenen der Fall. „Frauen schaffen es meist schneller, aus der Situation herauszukommen“, sagt Jawher.

In den vergangenen Jahren habe die Zahl der obdachlosen Frauen zugenommen. Diese werden jedoch nicht an der Grachtsstraße, sondern in einer Unterkunft an der Hüttenstraße untergebracht. Dort stünden einige Zimmer für Frauen zur Verfügung.

Jawher und Bilke sind sich sicher, dass Obdachlosigkeit jeden Menschen treffen kann. „Bei einem Brand kann das von heute auf morgen passieren“, sagt Jawher und fügt hinzu: „Wichtig ist nur, wie sehr man da wieder rauskommen will. Der eigene Wille ist entscheidend.“

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