Eschweiler - Warum viele Kinder heute nicht mehr schwimmen können

Warum viele Kinder heute nicht mehr schwimmen können

Von: Sonja Essers
Letzte Aktualisierung:
schwimmen martinett
Seit 42 Jahren ist Udo Martinett im Schwimmsport aktiv. Drei Mal in der Woche trainiert er die Mannschaften der Wasserfreunde Delphin im Hallenbad an der Jahnstraße.

Eschweiler. Viel Freizeit hat Udo Martinett zwar nicht, doch die freien Stunden, die er hat, verbringt er am liebsten in der Schwimmhalle an der Jahnstraße. Seit 42 Jahren ist der Indestädter im Schwimmsport aktiv, trainiert dort drei Mal in der Woche zwei Stunden den Nachwuchs der Wasserfreunde Delphin.

Sein Ziel: Den Kleinen nicht nur das Schwimmen beibringen, sondern ihnen auch die Freude am Schwimmsport näherbringen. Warum dies in der heutigen Zeit allerdings gar nicht so einfach ist und welche Rolle Lehrer und Eltern bei der Schwimmerziehung spielen, erklärt der 46-Jährige im Interview.

Herr Martinett, die aktuellen Zahlen der DLRG besagen, dass jedes zweite Kind die Grundschule verlässt, ohne schwimmen zu können. Können Sie dem zustimmen?

Martinett: Sagen wir mal so: Heute dauert der Schwimmunterricht in der Regel ja sowieso nur noch rund 20 Minuten. Früher hatten viele Schulen, so wie Dürwiß, ihre Lehrschwimmbecken in der Schule drin. Da brauchte man nur runter zu gehen und konnte direkt mit dem Unterricht anfangen. Da hatten die Lehrer mindestens doppelt so viel Zeit den Kindern Schwimmen beizubringen.

Was ist mit den Lehrschwimmbecken passiert?

Martinett: Diese Lehrschwimmbecken sind aber, aufgrund der Kosten, abgeschafft worden. Dann ist auch noch das Hallenbad in Weisweiler weggefallen, das auch von einigen Schulen genutzt wurde. Früher war das Ziel: Das Schwimmen zu beherrschen, wenn man in die Schule kommt. Ich denke aber auch, dass die Lehrer heute weniger Möglichkeiten haben, den Kindern noch Schwimmen beizubringen.

Womit hängt das zusammen?

Martinett: Ich glaube es liegt daran, dass die Lehrer mittlerweile auch einem enormen Druck ausgesetzt sind. Man müsste den Lehrern mehr Möglichkeiten geben, dass sie den Kindern auch etwas beibringen können. Es gibt Schulen, die in ein tiefes Loch fallen werden, wenn die jetzigen Schwimmlehrer mal nicht mehr da sind, weil keine neuen Lehrer da sind, die das auffangen können.

Auch die Zahl der teilnehmenden Grundschulen beim Stadtschwimmsportfest ist in diesem Jahr zurückgegangen. Könnte das auch ein Grund dafür sein?

Martinett: Trotz der rückläufigen Zahlen wird das Stadtschwimmsportfest in Eschweiler gut angenommen. Wir richten darüber hinaus ja auch schon seit zehn Jahren die Kreismeisterschaften der Schulen aus. Das hat den Grund, dass wir uns einfach damit beschäftigen und unsere Schulen sind auch sehr gut.

Wie kann man, Ihrer Meinung nach, dem Trend entgegenwirken, dass immer weniger Kinder schwimmen können?

Martinett: Drei unserer Trainer unterstützen die Schulen momentan. An dieser Stelle sind natürlich die Fördervereine der Schulen gefragt. Die ermöglichen das erst. Es gibt aber noch ein weiteres Projekt, bei dem Eschweiler momentan als Vorreiter tätig ist. Das ist ein Projekt vom Land Nordrhein Westfalen und heißt „Quietschfidel“.

Was bedeutet das?

Martinett: Kinder, die eine weiterführende Schule gehen, aber noch nicht schwimmen können, haben in den Ferien die Möglichkeit, das zu lernen. Sie bezahlen für zehn Stunden dann zehn Euro, der Rest wird vom Land NRW übernommen. Auch von der Stadt Eschweiler sind wir dabei wirklich toll unterstützt worden. In den Osterferien haben 60 Kinder aus Eschweiler daran teilgenommen und mit unserer Trainern vormittags trainiert. Ich finde, dass das eine wirklich gute Sache ist. Schließlich wollen wir jedem Kind das Schwimmen beibringen.

Wann hat Ihre Schwimm-Karriere eigentlich angefangen?

Martinett: Das war 1973. Da war ich fünf Jahre alt. Damals habe ich das Schwimmen bei den Wasserfreunden Weisweiler gelernt. Alle meine Freunde haben das so gemacht, aber ich bin nach der Nichtschwimmer-Ausbildung irgendwie dort hängen geblieben. Damals gab es in Weisweiler auch einfach gar nicht so viele Möglichkeiten, um sich sportlich zu betätigen

Und wie ging es dann weiter?

Martinett: Mit 16 Jahren habe ich an den Deutschen Meisterschaften teilgenommen und bin auch Vize-Jugend-Europameister im Triathlon geworden. Danach hat man mir allerdings gesagt, dass ich jeden Tag vier Stunden trainieren müsste um weiterhin erfolgreich zu sein und das wollte ich nicht. Ich habe mit dem Schwimmen aufgehört und bin Trainer geworden. Ich habe erst drei Jahre im Nichtschwimmer- und Anfängerbereich gearbeitet und habe dann mit 18 Jahren meine B-Trainer-Lizenz erhalten.

Später stand dann der Wechsel zum SC Delphin an.

Martinett: Genau. Ich war elf Jahre als Trainer bei den Wasserfreunden Weisweiler tätig und bin 1996 zum SC Delphin gewechselt. Dort wurde ich direkt Cheftrainer. Mittlerweile trainiere ich seit 19 Jahren die 1. Mannschaft und seit fünf Jahren trainiere ich die beiden Vereine in der Fusion.

A apropos Fusion. Dabei haben auch Sie eine wichtige Rolle gespielt.

Martinett: Ich war sehr lange in beiden Vereinen tätig und bin deshalb eine Art Bindeglied zwischen den beiden Vereinen gewesen.

War die Fusion der beiden Vereine, Ihrer Meinung nach, sinnvoll?

Martinett: Ich denke, dass die Fusion auf jeden Fall sinnvoll war. E machte keinen Sinn mehr, zwei Vereine zu führen. Auch die Bündelung von Kräften aus den beiden Vereinen war sinnvoll. Ich würde es immer wieder tun.

Wie viele Stunden verbringen Sie wöchentlich in der Schwimmhalle?

Martinett: Ich bin seit 42 Jahren im Schwimmsport aktiv. Ich gebe drei Mal pro Woche Training, das jeweils zwei Stunden dauert. Mir liegt einfach viel am Schwimmsport und die wenige Freizeit die ich habe, verbringe ich gerne in der Schwimmhalle.

Kommen wir noch einmal zurück zum Thema Nichtschwimmer-Ausbildung. Was hat sich diesbezüglich im Laufe der Jahre verändert?

Martinett: Die Schulen bilden heute weniger aus. Das machen die verschiedenen Institutionen, die Nichtschwimmer-Kurse anbieten. Da gibt es die Schwimmschule, das Hallenbad, das Kurse anbietet, die DLRG und einige Privatpersonen. Dazu gehören viele Schüler, die das nach der Schule machen. Wir haben momentan vier Kurse. Davon finden drei in Eschweiler und einer in Langerwehe statt. Wir versuchen den Kindern nicht nur Schwimmen beizubringen, sondern sie auch für den Schwimmsport zu gewinnen.

Wie kann man sich das vorstellen?

Martinett: Wenn man normalerweise irgendwo das Seepferdchen macht, dann geht es darum, dass man 25 Meter über dem Wasser bleibt. Bei uns ist das aber anders. Wir wollen erreichen, dass die Kinder sicher in Bauch- oder in Rückenlage schwimmen können.

Ab wie viel Jahren kann man an den Nichtschwimmer-Kursen teilnehmen?

Martinett: Wir bieten das für Kinder ab dem fünften Lebensjahr an. Wir sind der Meinung, dass Kinder erst dann richtig aufnahmefähig sind und den Betreuern aufmerksam zuhören können.

Wie sieht die Nichtschwimmer-Ausbildung denn aus?

Martinett: Bei uns findet sie in Kursen statt. Das sind meistens zwölf Kinder, die von zwei Betreuern unterrichtet werden. In den ersten zwölf Stunden geht es um die Wassergewöhnung, dann kommen die Wasserbewältigung und die Vorbereitung auf das Seepferdchen.

Welche Rolle spielen die Eltern dabei?

Martinett: Es ist wichtig, dass das Kind von unbeteiligten Personen lernt. Ein Lehrer kann meist besser vermitteln, als die Eltern. Beim Festigen des Gelernten sind wiederum die Eltern gefragt. Dann kann das Kind zum Beispiel am Wochenende zeigen, was es gelernt hat. Leider ist das heute kaum noch der Fall, weil dafür kaum noch Zeit bleibt. Das sieht man allein schon daran, dass wir ab 16 Uhr Kurse anbieten. Das ist mittlerweile aber viel zu früh, weil die Eltern entweder noch arbeiten sind und ihre Kinder nicht bringen können oder die Kinder noch in der Schule sind. Es gibt aber noch andere Probleme.

Inwiefern?

Martinett: Man muss sich schon ins Gedächtnis rufen, dass Schwimmen die einzige Sportart ist, bei der man sich die Sportstätte mit der Bevölkerung teilen muss. Das ist nicht negativ gemeint, aber beim Fußball oder Handball ist das nicht so. Auf einen Fußballplatz dürfen Vater und Sohn nicht so einfach drauf.

Kommen wir zurück zu den Wasserfreunden Delphin. Welche Abteilungen gibt es im Verein?

Martinett: Bei dem sogenannten Anfängerschwimmen lernen die Kinder dann die verschiedenen Techniken, wie Rücken- Brust- und Kraulschwimmen, später kommt dann auch noch Delphin dazu. Schwimmen ist vergleich bar mit Judo. Ja länger man dabei ist, um so mehr Gürtel kommen hinzu. Wenn die Kinder gut genug ist, werden sie in Sport- oder Breitensportschwimmer aufgeteilt.

Was unterscheidet die beiden Gruppen voneinander?

Martinett: Die Sportschwimmer trainieren zwei Mal in der Woche. Erst kommt man in eine Sichtungsmannschaft und dann wird entschieden in welcher Wettkampfmannschaft man mitmachen kann. Davon gibt es in jeder Altersklasse drei Stück. Die 1. Wettkampfmannschaft nimmt auch an überregionalen, nationalen und internationalen Schwimmwettkämpfen teil.

Und die Breitensportler?

Martinett: Die trainieren in der Regel einmal in der Woche. Ihr Ziel ist es, alle vier Schwimmarten zu beherrschen . Außerdem haben wir noch die Wasserballer, die Triathleten und natürlich die Synchronschwimmer. In diesen Bereichen sind wir auch wirklich sehr gut aufgestellt.

Nachwuchsmangel herrscht bei Ihnen also nicht?

Martinett: Wir haben derzeit 490 Mitglieder, davon sind 40 Prozent zwischen sieben und 14 Jahre alt.

Thema Leistungszentrum. Warum ist das so wichtig? Üben Schwimmer nicht im Wasser?

Martinett: Nicht nur. Das, was wir im Wasser nicht machen können, das üben wir an Land. Den Antrag für ein Leistungszentrum, das auch einen Raum für Gymnastik beinhaltet, haben wir bei der Stadt gestellt.

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