Vortrag zum Thema Bildung: Fernsehen ist in den ersten drei Jahren Gift

Von: jlm
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Boten einen spannenden Vortrag an: Magid Salama (stellvertretender Vorsitzender des Bergrather Gesundheitskreises), Stephanie Specks (Vorsitzende) und Dr. Gabriele Trost-Brinkhues von der KJGD der Städteregion Aachen (v.l.). Foto: Julia Meuser

Eschweiler. „Nur eines ist teurer als Bildung – keine Bildung.“ Ein Zitat John F. Kennedys, das jedoch heute nicht nur immer noch aktuell ist, sondern ebenfalls eine hohe Brisanz für die Städteregion Aachen hat. Dr. Gabriele Trost-Brinkhues, ehemalige Leiterin des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes (KJGD) der Städteregion Aachen, informierte zahlreiche Interessierte in den Räumen der Freien evangelischen Gemeinde über diese Problematik.

Auswirkungen fehlender Bildung beziehungsweise Ausbildung in Form von Benachteiligungen seien dabei in allen gesellschaftlichen Bereichen bereits ab der Schwangerschaft zu erkennen. Ein Beispiel könne hier der Alkoholkonsum sein. Bei den Jugendlichen sei dann häufiger Gewalt ein Thema, aber auch erhöhtes Risikoverhalten. Zusätzlich problematisch: Oft bekämen diese Kinder und Jugendlichen nichts anderes zu hören als: „Du bist nicht gut genug“, „Du bist nicht schnell genug“ oder auch „Das können wir uns nicht leisten“, wenn es zum Beispiel darum geht, den Beitrag für einen geplanten Schulausflug zu zahlen.

„Das Kind bekommt das Gefühl, das nicht schaffen zu können, nicht gut genug zu sein“, erklärte die Referentin. Das habe oft auch psychische Auswirkungen. Der Ursprung dieser Problematik sei dabei aber nicht bei den Kindern zu suchen. Das heutige Spannungsfeld zwischen sogenannten Helikoptereltern und jenen Eltern, die entweder den ganzen Tag arbeiten oder gar nicht arbeiten, trage dazu bei, aber auch die Tatsache, dass die Gesellschaft heutzutage viel zu „verkopft“ sei. „Jeder muss Englisch und am besten gleich drei Sprachen sprechen können, Handwerkerhände verlieren dabei hingegen an Ansehen.“

Diese Kinder würden dazu gezwungen werden, etwas zu lernen, was sie nicht können. Das Resultat: Zwölf Prozent aller Kinder (ohne massive Beeinträchtigungen) seien heute ohne Schulabschluss, „also jeder achte junge Erwachsene, der mit dem Popo im Bett bleibt“, brachte Dr. Gabriele Trost-Brinkhues es auf den Punkt.

Ihr Anliegen sei es daher, in frühe Bildung und Elternbildung zu investieren. „Wir können keinen hinten runterfallen lassen!“ Sie müssten genau hinschauen und so früh wie möglich helfen, Sprüche wie „das wächst sich schon noch raus“ seien purer Blödsinn. Man solle sich fragen: „Was kann die Jugend?“ Und es gelte das auszubauen. „Das gilt für uns alle – wir machen alle lieber Dinge, die wir können“, fügte die Referentin hinzu. Zur Verdeutlichung der Problematik erläuterte sie ihren Zuhörern auch einige aktuelle Statistiken, basierend auf Untersuchungen des KJGD.

So kamen in der Städteregion Aachen in den vergangenen Jahren 26,23 Prozent der Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern. Diese Zahl zeige, welche riesige Anzahl an Kindern aus dieser Personengruppe hervorgehe, erläuterte die Doktorandin. Allgemein habe sich auch gezeigt: „je intelligenter die Eltern, desto weniger Fernsehen.“ Die Eltern denken, sie tun dem Kind etwas Gutes, dabei „ist Fernsehen in den ersten drei Lebensjahren Gift“. Auch gebe es zahlreiche Familien, die von Sozialleistungen leben oder in der sogenannten relativen Armut, beziehungsweise dem bedarfsgewichteten Nettoeinkommen. In der Städteregion seien das etwa 20 Prozent der Kinder von 0 bis 15 Jahren und die Zahlen steigen.

Fehlende Bildung führe dabei nicht nur zu häufiger Arbeitslosigkeit, geringem Einkommen oder auch kleineren beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten. Auch in den Lebensverhältnissen zeige sich dies, beispielsweise an den Grünflächen oder der Umweltverschmutzung, wenn Kinder draußen gar nicht spielen können. Auch Verhaltensweisen seien auffällig, wenn geraucht oder (kein) Sport getrieben werde.

Nicht selten seien auch Erkrankungen die Folge. So haben laut Trost-Brinkhues bereits zehn Prozent der Einschulungskinder chronische körperliche Erkrankungen, wie beispielsweise Neurodermitis oder verschiedenste Allergien. Die Anzahl der psychisch Erkrankten sei hingegen nicht größer geworden, obwohl heute differenziertere Diagnosen möglich seien als früher. In der Statistik fällt hierzu auf: Fünf bis sechs Prozent der Einschulungskinder leiden an einer psychiatrisch relevanten Erkrankung, 2,3 Prozent der Fünfeinhalbjährigen sind bereits in Behandlung wegen Verhaltensstörungen. Nur 77,8 Prozent der Kinder sind bei der Einschulung völlig unauffällig. Und auch hier zeige der Vergleich: „Je bildungsferner, desto auffälliger“.

Daher forderte Dr. Gabriele Trost-Brinkhues höhere Investitionen in Elternbildung und Erziehungskompetenz: „Wir müssen viel früher anfangen, in die Elternbildung zu investieren, wir sind noch zu spät“, bedauerte sie. Dabei könne man so viel erreichen, wenn jeder eine Familie unterstützen würde, dem Kind vorlesen würde, anstatt den Fernseher anzustellen und wenn man das Selbstwertgefühl der Familie stärke. „Sie glauben gar nicht, mit wie wenig Aufwand etwas verändert werden kann“, so die Referentin.

Als Verfechterin des sogenannten Elternführerscheins, stellte sie auch noch einmal klar: „Die Eltern sind nicht unwillig. Sie meinen es gut und denken, ihrem Kind etwas Gutes zu tun.“ Bereits ab der Schwangerschaft sollten daher Themen wie Bindung und Interaktion mit dem Kind besprochen werden, aber auch die Frage gestellt werden: „Wie kann ich mein Kind richtig fördern?“

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