Vortrag von Thomas Auchter über „Wunden, die nicht heilen wollen“

Von: ran
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Diplompsychologe Thomas Auchter beleuchtete im gut besuchten Talbahnhof die tiefen Spuren, die der Zweite Weltkrieg über mehrere Generationen hinweg in vielen Seelen hinterlassen hat. Foto: Andreas Röchter

Eschweiler. Krieg zerstört. Physisch und psychisch, körperlich und seelisch. Und dies über Generationen hinweg. Auf Einladung der Verantwortlichen des Eschweiler Geschichtsvereins referierte im gut besuchten Talbahnhof der Diplompsychologe Thomas Auchter unter der Überschrift „Wunden, die nicht heilen wollen“ zur Psychoanalyse von deutschen Kriegskindern und Kriegsenkeln.

Rund 75 Minuten lang beleuchtete der Wahl-Aachener dabei die tiefgehenden Verletzungen, die Kriegserlebnisse bei Menschen, die Krieg tatsächlich erleben, hinterlassen und welche Folgen dies für die Nachkommen bis in die Gegenwart und Zukunft haben kann.

„Seit über 70 Jahren sind wir in Deutschland von einem heißen Krieg verschont. Doch in vielen Teilen der Welt finden aktuell kriegerische Auseinandersetzungen statt und auch Europa wird von Terrorakten erschüttert“, stellte Thomas Auchter zu Beginn der Veranstaltung, an der auch die Volkshochschule Eschweiler beteiligt war, einen Bezug zur Gegenwart her. Doch auch der Zweite Weltkrieg sei für zahlreiche Menschen noch lange nicht abgeschlossen.

„Kriegserfahrungen hinterlassen tiefe Spuren in den Seelen, den Köpfen und den Herzen. Ich beschäftige mich aus psychologischer und psychoanalytischer Sicht mit den Langzeitfolgen. Dies geschieht auch im Hinblick darauf, dass laut Unesco im Jahr 2011 etwa 28 Millionen Kinder in Ländern lebten, in denen bewaffnete Konflikte ausgetragen wurden und die zu einem beträchtlichen Teil als traumatisierte Kriegsflüchtlinge ihr Leben lang mit den Folgen zu kämpfen haben werden“, betonte der 68-Jährige, der 1948 im „ruinierten“ West-Berlin zur Welt kam und seinen Zuhörern auch über eigene „Kriegserfahrungen“ berichtete. „Mein Geburtshaus bestand aus nur drei Wänden. Angstvoll blickte ich durch das Loch ins Freie.

Mein Vater wurde im Alter von 19 Jahren an die Front geschickt und im Jahr 1941 mit zerschossenem Arm, körperlich versehrt und seelisch desillusioniert, aus der Hölle Stalingrad ausgeflogen.“

Gewalt angetan

Die berufliche Beschäftigung mit der damals noch jungen Psychoanalyse, die sein Vater nach dem Krieg aufnahm, wertet Thomas Auchter auch als „Bemühung um Reparation des verletzten Eigenen sowie des beschädigten Fremden“. Darüber hinaus wurde seiner Mutter während des Krieges Gewalt angetan. Deren jüngster Bruder fiel als 18-Jähriger kurz vor Kriegende in der Nähe von Münster.

„Meine Mutter konnte den Soldatenfriedhof Rheine, auf dem ihr Bruder seine letzte Ruhestätte gefunden hatte, bis zu ihrem Lebensende nicht aufsuchen. Immer lag ein nicht fassbarer, melancholischer Schleier über unserer Familie“, erinnerte sich der Referent, der nach dem Bau der Mauer im Jahr 1961 mit seinen Eltern seine Heimatstadt Berlin in Richtung Freiburg verließ. „Der Verlust meiner Freunde und daraus resultierendes starkes Heimweh war also auch eine späte Folge des Krieges!“

Klar sei, dass nahezu jede deutsche Familie in irgendeiner Form in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen sei, ob als Täter, Mitläufer oder auch als Opfer. Die Folge sei nach dem Krieg ein „kollektives Wegschauen“ gewesen. Erst in den zurückliegenden 15 bis 20 Jahren beginne sich das Schweigen langsam aufzulösen. Warum erst jetzt? „Sowohl die Opfer als auch die Täter, zwischen denen es durchaus Vergleichbarkeiten gibt, müssen um ihre traumatischen Erinnerungen kämpfen“, so Thomas Auchter. Bei zahlreichen Kriegskindern sei das Lebensende absehbar.

„Viele von ihnen können nicht zur Ruhe kommen, ohne den Kern und Ursprung ihrer eigenen Geschichte zu kennen.“ Aber liegt der Zeitraum nicht schon zu lange zurück? Können Einzelschicksale verallgemeinert werden? Ist es sinnvoll, „alte Geschichten“ wieder aufzuwühlen? Und: Dürfen sich Deutsche, angesichts der Geschehnisse während der Nazi-Zeit, überhaupt mit dem eigenen Leid befassen? Bedeutet dies nicht eine Relativierung der Schuld, eine Schuldabwehr bis hin zur Umkehrung von der Täter- zur Opferrolle? „Nein, denn die Schicksale der unschuldigen Kinder dürfen nicht vergessen werden“, lieferte Thomas Auchter die Antwort.

Diese Kinder seien in ihren prägendsten Jahren mit „Nationalsozialistischen Werten“ vollgepumpt worden und hätten diese verinnerlicht. Das Bedürfnis nach Gemeinschaftserleben und Selbsterhebung wurde von den Nazis raffiniert genutzt. „Nur wenige Erwachsene wagten es, ihre durchaus vorhandenen kritischen Überzeugungen ihren Kindern gegenüber zum Ausdruck zu bringen.“

So sei die Umsetzung von „Nazi-Kernsätzen“ wie „Gelobt sei, was hart macht“ an der Tagesordnung gewesen. „Ein Junge erfährt von einer Heimleiterin, das sein Vater gefallen ist. Als er zu weinen beginnt, wird er gerügt, dies tue ein deutscher Junge nicht. Stattdessen solle er stolz sein, dass sein Vater für Reich und Führer gestorben sei“, nannte der Psychoanalytiker ein erschreckendes Beispiel.

Nach dem Krieg hätten die Kriegskinder, die zuvor unter Bombenangriffen, Gewalterfahrungen, Verlusten, Flucht und Vertreibung sowie Hunger und Kälte gelitten hätten, dann Sprachlosigkeit seitens ihrer Eltern erlebt. „Das Überleben, der Wiederaufbau und später das Wirtschaftswunder standen im Vordergrund. Über Erfahrungen wurde nicht gesprochen“, so Thomas Auchter.

Doch Kinder verfügten über empfindliche Antennen und bemerkten Probleme, die ihre Eltern mit sich herumtragen. „Oft glaubten die Kriegskinder, Verursacher der Probleme ihrer Eltern zu sein. Der Mythos der eigenen Schlechtigkeit entstand und brachte den Versuch, besonders gut zu sein, mit sich. Deshalb gab es so viele brave, angepasste, unauffällige, pflegeleichte und funktionierende Nachkriegskinder“, erläuterte der Referent.

„Unfähigkeit zum Leid“

Dabei seien „weiche Gefühle“ verpönt gewesen, was häufig zu einer emotionalen Erstarrung bei Eltern, Kindern und auch Enkeln geführt habe. „Unfähigkeit zum Leid zieht oft die Unfähigkeit zum Mitleid nach sich“, unterstrich Thomas Auchter, bevor er mit dem Heimatverlust, der häufigen Vaterlosigkeit sowie der auch daraus resultierenden Haltlosigkeit weitere Aspekte nannte. „Die Sehnsucht nach der Wiederherstellung einer funktionierenden Familie wurde oft auf die Kinder oder Enkel abgewälzt.

Diese waren jedoch mit dieser übertragenen Verantwortung überfordert.“ Oft hätten sich die Kinder fragen müssen: „Schützt meine Mutter mich oder schütze ich meine Mutter?“ Studien belegten, dass 55 Prozent der Kriegskinder unter posttraumatischen Belastungsstörungen litten oder leiden, mehr als 30 Prozent lebenslang.

„Kriege versprühen ihr Gift über Generationen hinweg und führen zu seelischen Verwüstungen mit psychosomatischen Störungen“, so das Fazit von Thomas Auchter. Deshalb gelte es, Wege aus der Sprachlosigkeit zu suchen. Ein solcher könne, müsse aber nicht zwingend die Psychoanalyse sein. „Das Erinnern bringt die Erlösung. Und Erinnerung beginnt zu zweit oder in der Gruppe.“

Nichtaufarbeitung werde an die nächste Generation weitergegeben. Durch das Sprechen sei es dagegen möglich, die Vergangenheit zu etwas vergangenem zu machen. „Entscheidend für die Zukunft wird sein, dass die Menschheit begreift, dass Krieg niemals die Lösung, sondern der Auslöser von Problemen ist und immer ein psychosoziales Inferno mit unheilbaren Wunden hinterlässt.“

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