Eschweiler - Vortrag: Den Reparaturbetrieb in der Familie verhindern

Vortrag: Den Reparaturbetrieb in der Familie verhindern

Von: rpm
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Plädiert für die Einführung eines „Eltern-Führerscheins“: Dr. Gabriele Trost-Brinkhues. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Dass Eltern gerade in den ersten Monaten und Jahren ihrer Kinder eine ganze Menge dermaßen falsch machen können, dass es die Kinder ihr Leben lang prägt, weiß Dr. Gabriele Trost-Brinkhues nur zu genau. „Frühe Hilfen verhindern Reparaturbetrieb“ war der Vortrag betitelt, den die Leiterin des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes des Gesundheitsamtes der Städteregion jetzt beim Neujahrsempfang im Ratssaal hielt.

„Frühe Hilfen“ – das bedeutet Unterstützungsleistungen für überforderte Eltern (von denen die meisten sich ihre Überforderung nie eingestehen würden) in Kooperation mit Kindertagesstätten und Offenen Ganztagsschulen, Jugend- und Familienhilfe auf kommunaler Ebene durch Beratung, Vermittlung und Hausbesuche.

„Auswirkungen positiver wie negativer früher Erfahrungen lassen sich bis ins Erwachsenenalter nachweisen“, betont Trost-Brinkhues. „In der frühen Kindheit gibt es kritische und sensible Phasen, in denen zwingend bestimmte Umwelterfahrungen gemacht werden müssen. Nur dann können sich wichtige Strukturen des Nervensystems und die daran gekoppelten Fähigkeiten in voller Ausprägung entwickeln. Werden diese kritischen Phasen nicht mit den erforderlichen Anregungs- und Umwelteinflüssen ,bedient‘, so bleibt die neuronale Entwicklung unvollständig und bestimmte Verhaltensweisen können gar nicht oder nur mit Einschränkungen erworben werden. Diese Defizite sind überwiegend irreversibel. “

Mit der Schwangerschaft ändert sich das gesamte Leben – Umgebungsbeziehungen, körperliche Veränderungen, Schlafdefizite, Paarbeziehungen – da müsse man bereit sein, Hilfen von außen anzunehmen, um eine liebevolle Beziehung zum Kind aufzubauen statt Aggressionen anzustauen.

Was braucht der Vater, was die Mutter? Trost-Brinkhues listete auf: eigene Bindungserfahrung, Selbstwertgefühl, Selbstregulationskompetenz, psychische Stabilität, körperliche (Basis)-Gesundheit, jemanden fragen dürfen/können, tröstende(n) Partner/in, Freund/in, gesicherten Lebensunterhalt, Basiswissen, dann „learning by doing“.

Berge von Problemen

Problematisch wird es, wenn Eltern besonderen Belastungsfaktoren ausgesetzt sind, die erhöhten Beratungsbedarf auslösen: Das betrifft Alleinerziehende, Bildungsferne, Menschen in Armut/Schulden, Minderjährige ohne ausreichende soziale Anbindung und Familien mit schneller Schwangerschaftsfolge.

Ausrufezeichen setzt Dr. Gabriele Trost-Brinkhues auch bei Suchtproblemen bei der Mutter oder in der Familie, instabilen Beziehungen, Partnerschaftsproblemen mit Gewalt, psychischen Erkrankungen bei der Mutter/ den Eltern/den Familien sowie minderjährigen Müttern ohne soziales Netz.

„Kinder brauchen Ganzkörpererfahrung. Wer sein Kind ständig in die ,Maxi-Cosi-Handtasche‘ steckt und zu Hause vor dem Fernseher packt, der kann die nicht bieten“, so Trost-Brinkhues, die auch „Gehfreis“ ablehnt und von Fernsehgeräten in Kinderzimmern überhaupt nichts hält: „Etwa die Hälfte der Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern zeigen bei der Einschulung einen erheblichen Förderbedarf in allen Entwicklungsbereichen und schulischen Vorläuferfähigkeiten! Die Zeiten des Fernsehkonsums dieser Kinder liegen etwa um den Faktor 10 höher. 33 Prozent dieser Fünf- bis Sechsjährigen haben einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer. Bei Kindern aus Familien mit hohem Bildungsindex sind es 3 Prozent.“

Die Folge: abgebrochene Schullaufbahnen, Alkoholprobleme, Arbeitslosigkeit. „Jeder achte Jugendliche bleibt mit dem Popo im Bett, während wir arbeiten?! Das darf doch nicht wahr sein!“ Der gesellschaftlich-/wirtschaftliche Schaden summiere sich auf 2,8 Billionen Euro in 50 Jahren. „Das ist eine Zahl mit zwölf Nuillen! Selbst wenn man sich verzählt hat und es sind nur elf: Das Geld haben wir nicht, das können wir uns nicht leisten!“, betont Trost Brinkhues.

„Manche Weichenstellungen in die falsche Richtung lassen sich nicht mehr reparieren“, betont die Ärztin, andere nur mit enormem Aufwand. Studien zufolge müsse für jeden Euro, der nicht in „Frühe Hilfen“ investiert werden, später ein „Reparaturaufwand“ von bis zu 30 Euro geleistet werden. Allerdings: Für die „Frühen Hilfen“, die die Katastrophe verhindern sollen, stehen gerade einmal „51 Milliönchen“ an Bundesmitteln zur Verfügung.

Bildung ist die beste Hilfe

Gynäkologen, Geburtsvorbereitungskurse, Beratungsstellen, Krankenhäuser, Hebammen, Kinder- und Jugendärzte, Kirchen, Familie, Nachbarn, Apotheken, Müttercafé, Spielgruppe, U3- bzw. Kita–Betreuung, Schulen, Arge – sie alle können dazu beitragen, Zugang zu den Familien zu erhalten, die auf Hilfen angewiesen sind. Für viele Mütter heiße es leider immer noch: „Keine Bildung, keine Aufgabe, kein Ziel – also werde ich schwanger!“

Dringend geboten seien Bildung von Anfang an für zukünftige Eltern, „Babys auf Probe“ („Baby-Puppen“), kostenlose, unkomplizierte Schwangerschafts-Verhütung, Vermeidung von Teenager- Schwangerschaften, Selbstbewusstsein und Selbstregulationsfähigkeit. Dazu gelte es, Benachteiligung in allen gesellschaftlichen Bereichen auszugleichen und mehr Bildungsangebote „rund um die Uhr“ bereitzuhalten.

Neben individueller Förderung unabhängig von Schicht, Bildungsnähe oder Zuwanderungsgeschichte gelte es generell, sichere Bindung und elterliche/mütterliche Feinfühligkeit zu fördern, Überlastung zu vermeiden, Eltern unterstützen. „Wenn jeder von Ihnen“, so die Ärztin zum Publikum des Neujahrsempfangs gewandt, „ein Kind an die Hand nimmt und weiterbringt, dann haben wir schon ganz viel gewonnen!“

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