Von Maus und Pferd und Bärenkräften

Von: Thomas Vogel
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Da möchte sich offenbar jemand vorstellen: Zugpferd Fritz, 13-jähriger Comtois, kein bisschen kamerascheu aber sehr interessiert. Sein Herr Ulrich Maus besitzt drei Kaltblüter, mit denen er bei Bedarf Holz rückt. Foto: Thomas Vogel
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Die Ausrüstung, die Fritz trägt, ist extra für Arbeitspferde gemacht worden. Es ist die Spezialität von Ulrich Maus, der im Hauptberuf Sattler ist. Foto: Thomas Vogel
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Die Eschweiler Försterin Susanne Gohde. Foto: Patrick Nowicki

Eschweiler. Fritz ist 13 Jahre alt und hat Angst, über Gräben zu springen – egal, wie klein sie sind. Nervosität. Trippeln am Rand. Keine fünf Meter entfernt ruft Ulrich Maus: „langsam ... hier“, und zeigt mit dem Finger auf eine flache Stelle. Aber der 13-Jährige ist unentschlossen.

Fritz ist ein Comtois. Das ist weder eine Religion, noch ein französisches Schimpfwort – es ist eine Pferderasse. Als Kaltblüter, Gebirgs- oder mittelschweres Zugpferd – alle Bezeichnungen treffen auf den Wallach zu – ist Fritz seit Wochen im Eschweiler Stadtwald unterwegs. Sein Herr Ulrich Maus kettet jeweils einen Baumstamm an sein Geschirr, den Fritz aus dem Unterholz an den Waldrand zieht. Die beiden rücken auf traditionelle Weise Holz, beauftragt von Försterin Susanne Gohde. Nicht aus Sentimentalität, sondern weil ihrer Meinung nach gute Gründe für diese Art sprechen, das geschlagene Holz aus dem Wald zu holen.

Schonende Variante

Zwei, drei Mal stutzt Fritz, überlegt kurz und überwindet schließlich doch den kleinen Graben zwischen Wald und Waldweg. 750 Kilogramm pure Kraft stecken in dem Pferd, das Baumstämme durchs Gelände zieht. Aber vor einer kleinen Vertiefung zieht es den Schweif ein? „Das geht auf eine Geschichte im Würselener Stadtwald zurück“, erzählt Maus. Damals hatte es gefroren, das Eis auf dem Graben war dick. Er hatte Fritz gerade an einem Stamm festgemacht, als es krachte. Das Eis war über Mittag offenbar angetaut. „Bis zur Brust war er weg“, erinnert sich der 57-Jährige. „Er ist Gott sei Dank nicht in Panik ausgebrochen.“ Fritz hat weiter gehorcht. „Als das Geschirr ab war, ist er den Damm hochgeschossen und direkt zum Hänger gelaufen. Der Tag war zu Ende.“ Seitdem hadert das Pferd mit Gräben.

Bei seinem Einsatz im Eschweiler Stadtwald an der Bohler Heide beeinträchtigt ihn das nicht. Gut für den Wald, denn schwere Maschinen ziehen tiefe Furchen in den Boden und verdichten ihn, während die Pferde keine sichtbaren Spuren bei der Forstarbeit hinterlassen. „Es ist bodenschonender und bestandsschonender, als die Arbeit mit Maschinen“, erklärt Försterin Susanne Gohde. Außerdem ist es eine Unterstützung für das seltene Handwerk und nicht zuletzt eine Attraktion für Waldbesucher. Allerdings ist es auch teurer.

Investition in die Zukunft

Während die Holzrückung mit Maschinen rund zehn Euro pro Festmeter kostet, ist der Einsatz von Pferden zwischen fünf und sieben Euro teurer. Das schlägt aufs Budget für Holzrückung. Aber es lohnt sich. „Immerhin muss ich den Wald für Generationen erhalten und nicht nur für ein paar Jahre“, sagt sie. Eingeschränkt wird der Einsatz der Tiere nur von den Bedingungen. Oft sind die Baumstämme für die Pferde einfach zu schwer. Auf die Jahreszeit kommt es außerdem auch an. Im Frühling beginnt die Brutzeit für Vögel. Die Bäume sind im Winter auch leichter, weil der Saft aus dem Holz ist. Und die Außentemperatur spielt sowieso eine Rolle.

Es ist einfach zu warm für die Jahreszeit, das bekommt auch Fritz bei der Arbeit zu spüren. Der Wallach schwitzt, sein Fell ist klatschnass. „Zehn Grad kühler wären ihm lieber“, bemerkt Maus. Dennoch geht das Tier klaglos seiner Arbeit nach. Drei bis vier Stunden schafft ein Pferd beim Holzrücken, dann ist sein Arbeitstag gelaufen. „Geh‘ hot drüber“, ruft Maus. Fritz reagiert und steigt rechts über einen am Boden liegenden Baumstamm. „Hot“ heißt rechts, „Ha“ links. Zwei von etlichen Kommandos, die Fritz und seine Kollegen verstehen. „Mit ihm kann man sich schon fast unterhalten“, meint Maus. Diese Pferde verstehen mehr, als ein Hund.

Die Kommandos sind für die Arbeit im Wald unerlässlich. Maus kann seinem Pferd sagen, dass es langsam vorwärts gehen soll, in welche Richtung er sich drehen soll und vieles mehr. Das alles lernt sich nicht an einem Tag. „Wenn sie gelehrig sind, dauert die Ausbildung drei Monate“, erklärt der 57-Jährige. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass es künftig wieder mehr Holzrücker unter den Kaltblütern gibt. Die Förster haben die alternative Möglichkeit wieder mehr auf dem Schirm, meint Gohde. „Das Land- und Fortstwirtschaftsministerium will auch wieder mehr Pferde im Wald“, sagt Maus.

Gut, denn sehr viele Pferde, die Holzrücken, gibt es im Moment nicht. Maus besitzt drei. Neben Fritz stehen im Stall noch zwei weitere Kaltblüter: Spike, ein 16-jähriger Ardenner, und Askan, ein zwölfjähriges Trekpaard aus Holland. Mit allen rückt Ulrich Maus Holz. Aufpassen muss er aber besonders, wenn er mit Askan im Wald ist: „Der steht immer kurz vor der Explosion, da muss man hochkonzentriert sein.“ Eigentlich untypisch für Kaltblüter, die sich neben der enormen Kraft vor allem durch Ruhe und Gelassenheit auszeichnen.

So wie der Comtois, der sich, von Rascheln und Knacken begleitet, durch den Eschweiler Stadtwald seinem Feierabend entgegenbewegt. Zuhause wird er mit dem Schlauch abgespritzt, kann fressen und saufen. Während der Zeit, in der Holz gerückt wird, bekommt das Tier zehnmal soviel Futter wie sonst. Allerdings kaum Hafer, der wie ein Aufputschmittel wirkt. „Wenn ich Fritz zu viel Hafer gebe, dann reißt der den halben Wald ab“, sagt Maus. Nachher im Stall, wenn Fritz „geduscht und gesättigt“ sei, werde er sich in seine Ecke stellen und ein Nickerchen halten, sagt sein Besitzer. Das mache er immer so.

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