Von der Eistheke auf die Kinoleinwand

Von: Rudolf Müller
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Lebendes Kunstwerk mit ansteckend guter Laune: Tamara Johnen ist vielgefragte Laiendarstellerin in etlichen Fernsehserien. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. Geboren ist sie in Düsseldorf. Ihr Zuhause ist Eschweiler. Aber in Köln wird sie immer wieder in Dramen verstrickt, die Otto Normalverbraucher nicht nur an den Rand eines Nervenzusammenbruchs, sondern seiner Existenz bringen.

„Frauen, die blindverliebt in ihr Unglück laufen, auch wenn Freunde dringend vom neuen Lebensgefährten abraten. Ehemänner, die plötzlich unter Mordverdacht stehen, obwohl die Partnerin bis vor kurzem noch an die heile Familienwelt glaubte. Kinder, die von Mutterliebe im wahrsten Sinne des Wortes erdrückt werden. All das sind Grenzerfahrungen, wie sie immer wieder im Alltag vorkommen und eine ursprünglich heile Welt ins Wanken bringen.“ So beschreibt RTL die Inhalte der Dokuserie „Verdachtsfälle“. Und in der spielt Tamara Johnen immer häufiger eine Rolle. Heute zum Beispiel: um 15 Uhr in der Folge „Bei Arbeit Liebe“.

Und ihre Fangemeinde, nicht nur auf Facebook, wächst. Dabei hatte Tamara mit Schauspielerei eigentlich nie etwas am Hut. Obschon die eigentlich in der Familie liegt: Ihre Großmutter, die vor acht Jahren ihrer Enkelin nach Eschweiler gefolgt ist und vor wenigen Tagen ihren 98. Geburtstag feierte, war Sängerin an der Düsseldorfer Oper. „Oma hat alle großen Rollen gesungen. Die hat schon mit Rudolf Schock auf der Bühne gestanden...“ Tamara absolvierte beim Flughafen- und Messegastronomen Stockheim in Düsseldorf eine Ausbildung, nach ihrem Umzug (der Liebe wegen) von der Düssel an die Inde jobbte sie in Boutiquen, servierte Eis in der Fußgängerzone, saß an der Kasse eines Supermarkts und sitzt noch immer dort. Wenn sie nicht vor der Kamera steht.

Dabei wollte sie eigentlich nur ihrem Sohn Denny, mittlerweile 22-jähriger Berufssoldat und Panzerfahrer in Idar-Oberstein, neue Perspektiven eröffnen, als sie ihn vor Jahren auf eine Casting-Anzeige in einem Eschweiler Anzeigenblatt aufmerksam machte. Der Sohn bestand darauf, dass die Mutti ihn begleitete – und die wurde sofort für die RTL-Serie „Betrugsfälle“ verpflichtet. „Zwei- dreimal hab ich da mitgemacht, dann kam eine Angebot für eine Hauptrolle als Schulermittlerin in einer Serie bei Vox“, erzählt Tamara Johnen. Sie sagte ab: Damals aber war ihr der schon gebuchte Urlaub wichtiger.

Wie eindringlich sie in „Betrugsfälle“ ihre Rolle als Mutter gespielt hat, die sich von einem Fremden hat schwängern lassen, zeigt die Tatsache, dass sie noch zwei Jahre später an der Supermarktkasse von einer Kundin gefragt wurde: „Na, wie geht‘s denn Ihrer Tochter?!“

Im August vergangenen Jahres nahm sie einen neuen Casting-Anlauf. Wenig später hatte sie eine Hauptrolle in „Verdachtsfälle“. Und bei einem Sondercasting für die Kölner RTL2-Serie „50667“ im Kölner 4711-Gebäude waren die Fernsehmacher so von ihr angetan, dass das Drehbuch der Serie eigens für sie angepasst wurde. Allerdings: Im Dezember war dann nach zwei Folgen für sie Schluss, weil sich die Reihe in eine andere Richtung entwickelte. Macht nichts: Auf Tamara warteten neue „Verdachtsfälle“. Zum Beispiel „Hilf mir“. „Da spielte ich eine coole Tante, die ihrer Nichte zur Seite steht.“

„Ich find‘s einfach unheimlich spannend, bei so einem Dreh dabei zu sein“, erzählt die 45-Jährige. „Die verschiedenen Bildschnitte, unterschiedlichste Gesichtsausdrücke, Kameraeinstellungen, wie viele Kameras werden eingesetzt, was machen die Tonleute – das ist schon sehr interessant. Für die Tonleute zum Beispiel ist ein Flugzeug, das über den Set fliegt, und das wir gar nicht wahrnehmen, ein echtes Problem. Dann muss alles neu aufgenommen werden.“

Ein knappes Dutzend Leute ist am Dreh beteiligt – vom Fahrer bis zum Catering. „Die Maske, sprich: das Make-up macht man selbst, auch die Haare. Und man trägt auch die eigenen Klamotten“, gibt die Indestädterin einen kleinen Einblick in die Filmwelt diesseits von Hollywood. Auch große Gagen gibt‘s nicht. „Das ist nur ein Taschengeld. Außer bei Hauptrollen: Dafür kann man schon mal eine Woche Urlaub nehmen.“

Die bunte Bilderwelt lebt Tamara Johnen nicht nur auf der Mattscheibe: Auch ihr Körper ist Leinwand für unterschiedlichste „Gemälde“. Tamara liebt Tattoos. Und davon hat sie viele. Auf Armen, Beinen und Dekolleté. Dass die Tätowierungen ihr bei Castings eher schaden, sieht sie nicht so: „Es gibt Rollen, da sind sie das Tüpfelchen auf dem i. Und es gab auch schon Rollen, in denen sie verdeckt werden musste. Da hab ich dann einen Schal und blickdichte Strümpfe getragen – kein Problem!“

Alle Bilder, Zeichen und Sprüche, die ihren Körper zieren, haben mit ihrem Leben zu tun, sagt sie. Die „Miss Butterfly“ (Madame Butterfly war ihr zu dröge) ist eine Hommage an ihre Opern-Oma, eine Uhr mit römischen Ziffern zeigt die Geburtsstunde ihres Sohnes, Totenköpfe haben mit Verhangenheitsbewältigung zu tun, Sterne stehen für die Jahre mit ihrem Mann, der Schmetterling ist Sinnbild für Sommer, Sonne, Liebe und Glück, und der Spruch „Sweet Life“ spricht für sich selbst: „Ein bisschen Tussi bin ich ja auch“, lacht Tamara.

Und zwar eine kreative: Sie hat ein Kinderbuch geschrieben, hat Saxofon-Unterricht genommen („Wenn ich Saxofon höre, bekomme ich Gänsehaut“), und sie malt seit Jahrzehnten. Viele der Bilder verschenkt sie, andere sind Auftragsarbeiten, wie die Kinderzimmerwände, die sie für Freundinnen gestaltet. Und sie treibt Sport, ist regelmäßig im Fitnesscenter anzutreffen. Sicher kommt es auch daher, dass ihr nicht mehr ganz jugendliches Alter ihr nicht zu schaffen. „Bei Castings trifft man nicht nur junge Leute, sondern auch viele ältere. Manchmal hab ich schon gedacht: ,Eieiei, heute sind aber ein paar ordentliche Pflegefälle dabei.‘ Aber Hauptsache, es macht Spaß.“

Und den hat Tamara Johnen. Beim Drehen wie auch nach der Sendung: „Ich bekomme sehr viel positives Feedback, werde sehr oft angesprochen. Am liebsten würde ich den ganzen Tag lang Fernsehen machen, das ist genau mein Ding!“

Ihr Traum: Einmal bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ dabei sein. Dabei weiß sie, dass das fast aussichtslos ist: „Die nehmen nur ausgebildete Schauspieler und suchen sich ihre Komparsen am Drehort Berlin, weil‘s sonst zu teuer würde.“

Auch ein „Tatort“-Krimi könnte sie reizen. Vor ein paar Monaten hat sie deswegen an einem speziellen Casting teilgenommen. „Bei den RTL-Serien muss man sich im Casting bewegen, muss reden. Für den Tatort wurde nur ein Foto gemacht, und das war‘s. Wahrscheinlich suchten die nur einen bestimmten Typ Leiche...“, schloss Tamara das Thema Tatort nach einigen Wochen vergeblichen Wartens ab.

Bis am Donnerstag der Anruf der Filmfirma kam: Die hätte die tätowierte Blonde mit dem bezaubernden Lächeln gerne für die Produktion eines Kinofilms mit Christian Ulmen. „Eine kleine Rolle nur, eine Gangsterbraut in einem Police Department“, strahlt Tamara. Allerdings: Auch diesmal hatte sie schon einen Urlaub gebucht. Den hat sie inzwischen schnell storniert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weil ihr auch schon das nächste RTL-Angebot vorliegt.

Eine Indestädterin auf dem Weg nach Hollywood? Eher nicht: Tamara hat Flugangst.

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