Vom VIP-Betreuer im Luxushotel zum Flüchtlingshelfer

Von: Rudolf Müller
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Fühlt sich wohl in Eschweiler: Hasan Othman. Durch seine in Aachen geborene und in Eschweiler lebende Cousine Hibba kam er zur Flüchtlingsarbeit bei der Awo. Foto: Rudolf Müller
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Das Sheraton-Hotel in Aleppo. Die Luxusherberge in der einstigen Millionenstadt ist längst geschlossen.
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Aleppo heute: eine Ruinenstadt, in deren Trümmern Hunderttausende Menschen eingeschlossen sind. Foto: Imago/Zuma-Press.

Eschweiler. Als Hasan Othman aus Aleppo floh, war das nicht das erste Mal, dass er seiner Heimat beraubt wurde. Geboren wurde der heute 30-jährige Syrer in Saudi-Arabien, wo sein Vater als Buchhalter in einer Bank tätig war. Aber Syrer waren in Saudi-Arabien nicht sehr angesehen: „Der Umgang mit syrischen Bürgern wurde immer schlechter“, berichtet Hasan. Anno 2000 wurden den Othmans die Existenzgrundlage entzogen: Das Familienoberhaupt verlor seinen Job. „Die Bank beschäftigte keine Ausländer mehr.“

Die Familie zog zurück nach Syrien. In Aleppo fand Vater Mohammed eine Anstellung in einer Buchhandlung. Der Familie ging es gut. Hasan machte sein Fachabitur. Was nicht so ganz einfach war: „In Saudi Arabien wurde auf Englisch unterrichtet, in Syrien auf Arabisch. Das war ein bisschen schwierig für mich.“

Zum Fachabitur gehörte eine Ausbildung im Bereich Reise und Tourismus, fand mit 22 Jahren seinen Traumjob: als Hotelfachkraft in der VIP-Betreuung des noblen Sheraton-Hotels in der 2,5-Millionen-Stadt Aleppo. Fünf Jahre lang war er dort tätig. Aber schon seit 2012 war es vorbei mit dem ruhigen Leben.

In Aleppo tobten erste Kämpfe. Heute ist die Stadt weitestgehend zerstört, das Leben dort die Hölle für Hunderttausende Eingeschlossene, die von jeder Versorgung abgeschnitten sind. Erst vor wenigen Tagen sollen Regierungstruppen dort Chlorgasbomben abgeworfen haben.

Ende Juli 2012 floh Familie Othman aus der umkämpften Stadt, quartierte sich bei der Oma, eine halbe Autostunde entfernt von der Stadt, ein. „Wir haben eine Woche, einen Monat gewartet, hörten immer wieder schreckliche Nachrichten aus Aleppo.“

Die Lage in der Stadt wurde immer desaströser. „Schließlich war es so, dass mein Vater nicht mehr in unsere Wohnung zurück konnte, um noch dort liegende wichtige Unterlagen herauszuholen.“ Als die Kämpfe sich im Oktober auf die Gegend ihres Zufluchtsortes ausweiteten, floh die Familie in den Libanon.

Per Bus. „Die Strecke stand ständig unter Beschuss. Immer wieder flogen Raketen über uns hinweg. Und alle 15 Minuten kamen wir an einen anderen Checkpoint. Und immer war es eine andere Armee, die uns kontrollierte.“

Mohammed Othman, seine Frau Jamila und ihre Kinder erreichten schließlich Beirut. Und wandten sich an die deutsche Botschaft, bewarben sich darum, in das Kontingent syrischer Flüchtlinge aufgenommen zu werden, die direkt von der Bundesrepublik aufgenommen werden sollten.

Die Othmans rechneten sich gute Chancen aus, in Deutschland eine neue, sichere Heimat zu finden. Immerhin lebten in Deutschland bereits etliche Verwandte: mütterlicherseits in Hannover und Berlin, väterlicherseits in Frankfurt und – Eschweiler. Zum Beispiel Hasans Cousine Hibba Kassas.

Deren Eltern leben seit 40 Jahren in Deutschland. Hibba ist gebürtige Burtscheiderin, zog mit 16 Jahren nach Eschweiler und arbeitet heute in Diensten der Arbeiterwohlfahrt als soziale Betreuerin für Flüchtlinge in Stolberg.

Trotz der verwandtschaftlichen Bande dauerte es ein Jahr, bis über den Antrag der Othmans entschieden wurde. Mit Hilfe der Vereinte Nationen gelang es der Familie, das Problem der fehlenden, weil in Aleppo unzugänglichen Papiere zu lösen. Am 30. Oktober 2013 schließlich bestiegen Vater Mohammed, Mutter Jamila und sechs ihrer sieben Kinder (der älteste Bruder versuchte allen Problemen zum Trotz sein Glück in Saudi Arabien) in Beirut ein Flugzeug nach Deutschland. Zielort: Kassel.

Zwei Wochen verbrachte die Familie im Flüchtlingslager Friedland, nahm von dort Kontakt zum Onkel in Eschweiler auf. Schließlich wurden sie per Bus hierher gebracht. In der städtischen Unterkunft an der Hüttenstraße hatte Cousine Hibba inzwischen alles für ihre Ankunft vorbereitet. Zwei Monate lebten die Othmans dort, dann fanden sie zwei benachbarte Wohnungen an der Moselstraße.

Hasan besuchte Deutsch- und andere Kurse, schloss 2014 seinen B1-Integrationskurs ab. „Meine Geschwister und ich, wir haben das alle geschafft“, sagt er stolz. Sein Bruder Abdullah absolvierte sogar weiterführende Kurse in Köln, versucht derzeit, einen Medizin-Studienplatz in Marburg zu bekommen. Hasan ging einen anderen Weg: Der junge Mann, der nach wie vor davon träumt, wieder einen Job in einem großen Hotel zu finden, kam über Cousine Hibba zur Flüchtlingsarbeit.

„Eine Arbeit, bei der ich mich sehr wohl fühle“, sagt er. Im Oktober vergangenen Jahres stieg er als Ehrenamtler bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) ein – seit November verstärkt er das Team in der Gutenbergstraße als „Bufdi“. 18 Monate dauert der Bundesfreiwilligendienst.

Hasan besucht jeden Monat Seminare in der Awo-Zentrale in Köln-Chorweiler, kümmert sich in Eschweiler um Flüchtlings- und Kinderbetreuung, hilft als Übersetzer in den Sprachen Arabisch, Deutsch und Englisch, begleitet Leute zu Ämtern oder Ärzten und steht auch mehrmals pro Woche im Jobcenter als Übersetzer zur Verfügung.

In seiner Freizeit besucht er ein Fitnesscenter, hat dort schon einige Freundschaften geschlossen. „Ich mag den Kontakt zu Menschen. Aber es ist schwierig, wenn die so schnell reden“, sagt er. Privatleben? „In erster Linie kommen meine Arbeit und meine Familie. Da sehe ich meine Aufgaben“, betont der 30-Jährige.

Was nach der Zeit als „Bufdi“ kommt, das weiß Hasan noch nicht. „Vielleicht kann ich ja bei der Awo bleiben“, sagt er. Und träumt alternativ von einem Hoteljob – „am liebsten wieder in einem Sheraton“. Dazu allerdings müsste er wieder umziehen, was er nur ungern täte. „Ich möchte eigentlich in Eschweiler bleiben. Ich mag Eschweiler, ich liebe diese Stadt. Es ist eine sehr nette Stadt mit sehr netten Leuten.“

Kontakte nach Aleppo haben die Othmans auch heute noch. Noch leben Verwandte eingeschlossen in den Ruinen der einstigen Metropole. „Kontakt zu ihnen zu bekommen ist sehr schwierig“, berichtet Hasan. „Letzte Woche hat mein Vater mir ein Foto gezeigt, das zeigt unsere Küche. Wand und Zimmerdecke sind völlig zerstört.“

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