Vom Gottesdienstverbot bis zur gelebten Ökumene

Von: fe
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Der Blick hinein, der Blick von Außen: Die Kirche, die vor 125 Jahren gebaut wurde und Ende des Zweiten Weltkriegs ausbrannte, steht heute unter Denkmalschutz. Foto: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
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Der Blick hinein, der Blick von Außen: Die Kirche, die vor 125 Jahren gebaut wurde und Ende des Zweiten Weltkriegs ausbrannte, steht heute unter Denkmalschutz. Foto: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf

Eschweiler. Von „einer hohen Freude“ berichtete die Lokalzeitung „Eschweiler Anzeiger“ heute vor 125 Jahren. Die evangelische Gemeinde, die sich seit Jahrzehnten danach gesehnt habe, endlich aus ihrem „unzulänglichen, feuchten und für den Gottesdienst ungeeigneten“ Kirchlein an der Wollenweberstraße herauszukommen, konnte endlich ihr nagelneues Gotteshaus einweihen.

Die neue Kirche ist die heutige Dreieinigkeitskirche. Wie bei der Jubiläumsfeier am Sonntag gratulierten auch beim festlichen Einzug in das neue Gebäude am 4. Februar 1892 Vertreter der katholischen Geistlichkeit. In Eschweiler wird ein ökumenisches Miteinander gelebt, seit 2015 teilen sich sogar beide Konfessionen ein Gotteshaus, die Kirche St. Barbara in Pumpe-Stich.

Dieses herzliche Verhältnis war nicht immer so. Im katholischen Rheinland waren evangelische Christen stets in der Minderheit, so auch in Eschweiler. Um das Jahr 1570 wurden erstmals Protestanten in Eschweiler urkundlich erwähnt. Im 17. Jahrhundert mussten sich die evangelischen Christen heimlich zu Gottesdiensten treffen. Das Gemeindeleben war ihnen untersagt, es gab Verhöre durch die Obrigkeit. Um 1675, als die Unterdrückung aufhörte, gab es nur noch 21 Familien in Eschweiler, zwei in Röthgen und fünf in Röhe, die sich zum reformierten Glauben bekannten. Heute liegt der Anteil der evangelischen Christen an der Bevölkerung bei zwölf Prozent.

Ab etwa 1680 wurde ein Saal im so genannten Predigerhaus am Markt für Gottesdienste genutzt. Gut 100 Jahre später baute sich die Gemeinde an der Wollenweber­straße ihre erste Kirche, mit kurfürstlicher Genehmigung, ausgestellt am 2. August 1786, und mit Spenden auch aus der katholischen Bevölkerung. Obwohl klein, hatte diese Kirche eine Orgel und auch Glocken.

35 Meter lang, 44 Meter hoch

Im 19. Jahrhundert stieg die Zahl der evangelischen Christen durch zuziehende Bergarbeiter stark an. Die Gemeinde entschloss sich zum Bau einer großen Kirche und kaufte ein Grundstück am östlichen Ende der Marienstraße. Die Martin-Luther-Straße gab es damals noch nicht. Mit den Bauarbeiten der 35 Meter langen und mit Turm 44 Meter hohen Kirche wurde die Firma Faensen beauftragt. Zuerst wurde das Gemeindehaus gebaut, das heutige Martin-Luther-Haus. 1890 wurde der Grundstein für den Bau der Kirche gelegt, Anfang 1892 war sie fertig. Sie hieß zunächst wahrscheinlich schlicht Lutherkirche. Erst seit 1957 trägt sie den Namen Dreieinigkeitskirche. Bei ihrem Bau hatte die Gemeinde 1200 Mitglieder, heute sind es 5300.

Erbaut wurde sie im neugotischen Stil und ähnelt norddeutschen Backsteinkirchen. Architekt August Albes aus Hannover ging es wie seinem Lehrer Kirchenbaurat Hase um „eine Wiederbelebung der christlich-germanischen Bauweise im deutschen Vaterland“.

Die erste Orgel, die schon bei der Einweihung erklang (gespielt von „Herrn Lehrer Nolden“), wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. 1951 gab es eine neue Orgel, für die jedoch in der Nachkriegszeit nicht so hochwertiges Material eingesetzt werden konnte. Seit 1990 hat die Dreieinigkeitskirche eine Orgel der renommierten Hamburger Orgelbaufirma Beckerath mit zwei Manualen und 26 Registern.

Die ersten drei Glocken der Kirche wurden in nationaler Begeisterung im Ersten Weltkrieg zum Einschmelzen abgegeben. 1925 gab es neue Glocken, überwiegend durch Spenden finanziert. 1942 wurden sie abmontiert, auch ihr Metall sollte für Kriegszwecke dienen. Doch dazu kam es nicht. Im November 1945 wurden die drei großen Glocken im Holzlager eines Stolberger Sägewerks entdeckt und wieder nach Eschweiler gebracht. Sie läuten heute noch.

In der NS-Zeit hatte sich die Eschweiler evangelische Gemeinde den „Deutschen Christen“ angeschlossen, die dem Nationalsozialismus nahe standen; der Kirchenchor nannte sich damals „Kampfchor deutscher Christen“. Das Kirchengebäude wurde im Krieg schwer beschädigt und brannte fast völlig aus. Deutsche Soldaten hatten direkt vor der Kirche ein Munitions- und Treibstofflager angelegt. Das Depot wurde getroffen, brennendes Benzin lief in die Kirche. Die Restaurierung dauerte bis 1951.

Vor 25 Jahren musste die Dreieinigkeitskirche aufwändig renoviert werden. An vielen Stellen waren Risse entstanden. Der gesamte Chor und ein Drittel des Kirchenschiffes erhielten ein neues Fundament. Die Arbeiten dauerten mehrere Jahre.

Pfarrer der Eschweiler Evangelischen Gemeinde ist seit 15 Jahren – genau seit dem 18. November 2001 – Dieter Sommer, dessen Frau Ulrike ebenfalls Pfarrerin ist. Für den südlichen Bezirk der Gemeinde ist Pfarrer Thomas Richter zuständig.

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