Volkshochschule: Nach 36 Jahren geht der Steuermann von Bord

Von: Rudolf Müller
Letzte Aktualisierung:
7127885.jpg
Seine Leidenschaft gehört jahrzehntelang dem Segeln wie auch der Kunst (hier bei der Eröffnung einer Ausstellung mit Vater und Sohn Maró). Foto: R. Müller/F. Ebbecke-Bückendorf /privat
7127883.jpg
Seine Leidenschaft gehört jahrzehntelang dem Segeln wie auch der Kunst. Foto: R. Müller/F. Ebbecke-Bückendorf /privat
7128286.jpg
Hier zeigt sich Großvater Schmidt beim Vorlesen mit Enkelin Sarah. Foto: R. Müller/F. Ebbecke-Bückendorf /privat

Eschweiler. Der Mann kann einiges erzählen. Im Februar 1949 als Sohn einer alten Schleiferfamilie in der Klingenstadt Solingen geboren, hatte er mit 22 Jahren das Zweite Staatsexamen als Grund- und Hauptschullehrer in der Tasche. Mit 18 bereits jobbte er als Dozent an der Solinger Volkshochschule, leitete wöchentliche politische Diskussionsrunden.

Von der Uni ging er ohne Umweg über ein Lehrerdasein in die Politik, wurde Stadtverordneter in Solingen und war fast fünf Jahre lang Referent des stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, Dr. Willfried Penner.

Vom Sofa auf den See

1978 folgte er dem Ruf nach Eschweiler. Seine Aufgabe: als stellvertretender VHS-Leiter gemeinsam mit Siegfried Tschinkel die Volkshochschule aufzubauen. Eine gewaltige Aufgabe. Dennoch blieb ihm Zeit, noch mehr zu bewegen: In seinem Wohnzimmer, damals an der Drieschstraße, erblickte der Segelklub Eschweiler See ebenso wie der Eschweiler Kunstverein das Licht der Welt.

Später kam für Schmidt der Vorsitz im Rheinischen Kunstverein hinzu, der der Welle des Abstrakten gegenständliche Werke mit gesellschaftlich relevanten Aussagen entgegenstellte – zum Beispiel die Werke des inde-städtischen späteren Professors Hans Stuchlik. Und noch heute ist Schmidt Vorstandsmitglied im Monschauer Kunst- und Kulturverein Haus Troistorff.

Europa mitentwickelt

Mitte der 80er -Jahre übernahm er für den damaligen Regierungspräsidenten Dr. Franz-Josef Antwerpes die Geschäftsführung der Regio Aachen, in der er mit den belgischen und niederländischen Grenzregionen Kontakte pflegte und die deutschen Interessen vertrat. Als Folge dieses Engagements wurde er Anfang der 90er-Jahre nach Polen geschickt, um die Kooperation der deutsch-polnischen Grenzregion bei Oppeln ins Leben zu rufen. „Das hat so gut funktioniert, dass das Beispiel dieser Grenzregion Polens Appetit auf Europa geweckt hat“, sagt Hans-Werner Schmidt.

Jetzt, 36 Jahre nach seinem Amtsantritt in Eschweiler, beginnt er, seine Koffer zu packen. Für ihn heißt es, langsam Abschied zu nehmen von der VHS, die er mit aufgebaut und seit 2055 alleinverantwortlich geleitet hat. Im Gespräch mit unserem Redakteur ließ Hans-Werner Schmidt die zurückliegenden 36 Jahre Revue passieren.

 

Ist die Volkshochschule, die Sie 1978 hier vorfanden, überhaupt noch vergleichbar mit der heutigen?

Schmidt: Nein. 1975/76 hatte eine Zäsur stattgefunden, als das Land die Kommunen verpflichtete. Volkshochschulen mit bestimmten Mindeststandards vorzuhalten. Davor hat die VHS nirgendwo eine besondere Rolle gespielt. Da gab es nur ein paar Schreibmaschinenkurse, Englisch und Steno. Und so Sachen wie „Kreatives Makramee“ und „Arbeiten mit Peddigrohr“. Als das Land Weiterbildung zur Pflichtaufgabe für die Kommunen gemacht hatte, explodierten Unterrichtsvolumen und Teilnehmerzahlen; es herrschte eine Aufbruchsstimmung ohne gleichen. Das Angebotsspektrum wurde breiter: Gesundheit, politische Bildung, nachträgliche Schulabschlüsse wurden massiv ausgebaut.

Wobei die VHS Eschweiler immer wieder eine Vorreiterrolle übernahm...

Schmidt: Stimmt. Wir waren zum Beispiel die erste VHS in Nordrhein-Westfalen, die das Thema Alphabetisierung aufgegriffen und ohne Rücksicht auf kostendeckende Teilnehmerzahlen umgesetzt hat. Die weiteren große Aufgaben waren EDV-Kenntnisse – die Volkshochschulen haben dazu beigetragen, dass Deutschland in Sachen Computer „Alphabetisiert“ wurde, ebenso wie sie mit Gesundheitskursen ein breites Bewusstsein in Sachen Ernährung und Bewegung schufen.

In den zurückliegenden zehn Jahren lag der Schwerpunkt darauf, Deutsch zu vermitteln. Sprich: Integrationskurse. Ein weiterer Schwerpunkt; nachträgliche Schulabschlüsse. Sicher, da kostet ein Lehrgang für 20 Jugendliche rund 100 000 Euro. Aber man muss sich fragen, was es die Gesellschaft kostet, wenn die keinen Abschluss kriegen. Wir haben mit großer Kraftanstrengung gezeigt, dass wir Jugendlichen zu einem Schulabschluss verhelfen und sie dann auch in Jobs kriegen. Aber das können wir nur machen, wenn es dafür vernünftige Zuschüsse gibt. Die Stadt kann das nicht tragen. Schließlich ist auch das Versagen von Schule als System nicht der Stadt anzulasten.

Innovativ ist die VHS auch auf anderen Gebieten...

Schmidt: Ja, zum Beispiel mit dem Format „Lange VHS-Nacht“. Da können Referenten ihr Themen mal deutlich über 90 Minuten hinaus darstellen. Den Wein, den wir in der Pause kredenzen, bringe ich aus meinem eigenen Weinkeller mit; das gäbe sonst nur Ärger mit dem Rechnungsprüfungsamt. Neu sind auch unsere weithin beachteten Zehn-Sprachen-Kurse und unsere zahlreichen Wochenendseminare. Warum sollen unsere Räume samstags leerstehen, wenn man da bei einem schönen Wellness-Seminar Entspannungstechniken üben kann?!

Und eine Eschweiler Erfindung ist auch das ausführliche Programmheft im Zeitungsstil mit Fotos und Artikeln, das in jeden Haushalt kommt. Damit informieren wir eben nicht nur die Leute, die sich aus eigenem Antrieb Broschüren besorgen. Einig andere Volkshochschulen haben das kopiert, den meisten aber ist es zu viel Arbeit, die dafür nötigen Werbepartner zu finden und das Layout selbst zu machen, wie ich das immer tue.

Gibt es Veranstaltungen, denen Sie hinterhertrauern?

Schmidt: Ich habe lange Zeit einen Arbeitskreise Börse geleitet, in dem es nicht ums schnelle Geld, sondern um Fragen der Weltwirtschaft, der Entwicklung von Rohstoffpreisen, des Bankengeschehens in China und so weiter ging. Aber nach dem Crash 2001 ging die Teilnehmerzahl drastisch zurück, erholte sich dann zwar, war aber nach dem 2007er Crash am Ende.

Die Leute verlieren die Lust an wirtschaftspolitischen Themen, wenn sie nicht den Eindruck haben, sie könnten sofort daran Geld verdienen. Auch andere politische Fragen werden leider heute nicht mehr so an Volkshochschulen diskutiert wie z.B. in den 70er-Jahren. Damals fanden solche Diskussionen auch zu kommunalpolitischen Themen vor 300 Zuhörern statt. Heute findest du niemanden mehr, den das interessiert. Ich frage mich: Was passiert in unserer konsumorientierten Gesellschaft, wenn sich keiner mehr für politische Fragen interessiert?

Stattdessen sind heute Gartenkurse überaus beliebt.

Schmidt: Auch das war eine Innovation der VHS Eschweiler – die Exkursionen in Eschweiler Gärten, der Blick über die Hecke. Kollegen haben mich gefragt: Warum machst du das? Antwort: weil ich weiß, dass da der Professor ebenso mitmacht wie der Hausmeister, und weil ich Bildung vermitteln will. Bildung in Sachen Gartengestaltung, Heckenschnitt, Rosenpflege – da gibt es ungemein vieles. Mit Kopfschütteln quittiert haben Kollegen seinerzeit auch unsere Seminare zur Baufinanzierung: Aber Bildung ist für mich auch, wenn Menschen wissen, wie sie ihr Haus finanzieren und nicht so großer Fehler machen wie ich damals. Heute werden diese Kurse übrigens fast überall angeboten.

Was macht also einen guten VHS-Leiter aus?

Schmidt: Er muss wissen, dass er ein Dienstleister der Stadt ist, und er muss gleichzeitig das Ohr am Menschen haben und wissen, wo die Bedürfnisse der Bürger, Vereine, Parteien und Institutionen liegen. Er soll dazu beitragen, dass sich ein kommunales Selbstwertgefühl entwickelt: Ich bin ein Eschweiler, und ich bin es gerne!

Wie steht es um Ihr Verhältnis zum Stadtrat?

Schmidt: Rat und Verwaltung haben uns in den zurückliegenden 36 Jahren ganz toll unterstützt. Dass, wie in der jüngsten Sitzung des Kulturausschusses geschehen, eine Fraktion sich nicht sehr positiv über die VHS ausgelassen hat, obwohl sie bislang alle unsere Programme mit beschlossen hat, war das erste Mal überhaupt. Natürlich unterliegt auch die VHS dem Spargebot. Im kommenden Jahr wird unser Etat wieder mit rund 300 000 Euro Defizit abschließen. Aber für diese 300 000 Euro bekommt die Stadt von uns auch eine Menge Leistung.

Die Forderung der CDU, mit der völlig defizitären VHS Aachen zu kooperieren, kann für uns kein Thema sein. Zweckverbände, die mehrere Städte versorgen, haben die Bedürfnisse der Menschen vor Ort nicht mehr im Blick. Aber genau darauf legen wir größten Wert. Deshalb sind wir auch die VHS mit der größten Dichte an Kooperationen. Ob Eifelverein, Geschichtsverein, Unternehmer oder Kinderschutzbund – jeder findet in uns einen verständigen Partner.

Dass statt der früheren Segelkurse heute Besuche in Rosengärten auf dem Programm stehen, ist doch nicht etwa dem gestiegen Alter und gewandelten Interesse des VHS-Chefs zuzuschreiben?

Schmidt (lacht): Nein, sicher nicht. Das ist alles eine Frage der Kooperationspartner. Wenn der Segelklub sagt, er kriegt die Ausbildung auch ohne uns hin, ist das doch prima. Was die Rosen betrifft, da haben wir einen Partner in der Gesellschaft deutscher Rosenfreunde. Dass ich selbst mich auch mit Rosen befasse, stimmt. Das begann 2006, auf der letzten Etappe einer siebenteiligen VHS-Wanderung über fast 2500 Kilometer von Aachen nach Santiago de Compostela.

Da habe ich jedem Mitwanderer versprochen: Ich klau‘ jetzt Hagebutten am Wegesrand und jeder bekommt eine von mir daraus gezogene Rose! Das habe ich auch getan. Die selbstgezogenen Rosen waren fast blaublühend, wie ich‘s noch nie gesehen hatte. Das hat meine Neugier geweckt. Als dann die Kinder aus dem Haus waren, das Segelboot verkauft, der Hund verstorben war und ich 88 Bäume auf meinem Grundstück gefällt hatte, war klar: Da müssen Rosen hin! Heute habe ich in meinem Garten in Strauch an die 150 Rosenstöcke, vor allem historische. Weitere sind jederzeit willkommen. Wer einen Steckling von einer mindestens 150-jährigen Sorte abgeben kann, der sollte mich anrufen: 02403 70270.

Am 31. Mai ist Ihr offiziell letzter Arbeitstag als Leiter der Volkshochschule. Was werden Sie danach tun?

Schmidt: Zunächst einmal stehen danach noch einige Veranstaltungen auf dem Programm, und auch das Herbstprogramm werde ich noch verfassen. Danach: Lesen, reisen, im Garten neue Rosenbeete anlegen, Enkelinnen betütern, jeden Tag sehen, was die Börse macht, wandern – und dann mal schauen... Ich habe bisher ein unglaublich interessantes Leben gehabt, da wird mir für die kommenden Jahre auch etwas einfallen. Ich werde alles ruhig und gelassen angehen. Ich könnte mir vorstellen, mich nach zwei-drei Jahren Pause an der Spitze der Gesellschaft deutscher Rosenfreunde zu engagieren. Und in Sachen Rosen werde ich mit meiner Frau sicher auch einige Reisen zu unternehmen: Es gibt wunderschöne Rosarien in Deutschland und Frankreich, die ich gerne besuchen möchte.

Bedauern Sie, die Volkshochschule in andere Hände zu übergeben?

Schmidt: Nein, neun Jahre VHS-Leitung reichen. Denn jedes Jahr als VHS-Leiter zählt doppelt. Auch wenn die schönen Seiten überwiegen, so ist der tägliche Arbeitsdruck doch immens – und Ärger gibt‘s immer wieder. Dennoch: Ich werde die Interessen der Eschweiler Volkshochschule auch dann noch vertreten, wenn ich lange hier raus bin. Die VHS wird immer mein „Kind“ sein.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert