Volkshochschule: Ein Projekt für die schwierige Sprache

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Eschweiler. An der Volkshochschule Eschweiler gibt es nicht nur Deutschkurse, sondern auch ein besonders Projekt, Deutsch zu lernen.

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Englisch kann man in drei Monaten lernen, Französisch in drei Jahren – Deutsch lernt man in 30 Jahren nicht.“ Viele Menschen aus anderen Ländern stehen heute vor der Herkules-Aufgabe, die deutsche Sprache zu erlernen, wenn sie als Migranten hierher kommen, um zu bleiben.

Am Anfang eines solchen Neubeginns können sie Sprachkurse besuchen und mit viel Fleiß ein entsprechendes Zertifikat erarbeiten. Was aber geschieht mit denen, die schon lange hier leben, ohne dass die neue Sprache ihnen ein soziales Umfeld erschlossen hätte? Nicht angewandte Kenntnisse verkümmern, der Wortschatz schrumpft und die Hemmung, Deutsch zu sprechen, wird immer größer.

Im Januar 2016 hatte die VHS Eschweiler, gefördert vom europäischen Sozialfond, ein Projekt mit dem Titel „Mitten im Leben“ (MiLe I) gestartet. Verantwortlich war und ist der für den Fachbereich Allgemein- und Grundbildung zuständige stellvertretende VHS-Leiter Andreas Balsliemke. Seither besucht eine Gruppe von Frauen aus verschiedenen Ländern und Erdteilen dreimal in der Woche einen Kurs, in dem es um Deutsch, Rechnen, EDV und berufliche Orientierung geht – kurz, um relevantes Grundwissen, das zum Leben in Deutschland einfach dazugehört.

Voraussetzung für die Teilnahme war, dass die Teilnehmer/-innen entweder Deutsche sind, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben oder Migranten, die seit mindestens zehn Jahren in Deutschland leben. Der Kurs ist kostenlos.

Seit circa einem Jahr hat sich nun eine Gruppe gebildet, die aus drei Afrikanerinnen, einer Deutschen und einer Rumänin besteht. Eine polnische Teilnehmerin, die anfangs arbeitslos war, ist ausgeschieden, weil sie Arbeit gefunden hat. Alle Frauen sind Mütter und entscheidende Motive waren für sie, den Kindern in der Schule beistehen zu können und langfristig ihre Berufsaussichten zu verbessern.

Offenheit und Humor

Das kognitive Lernen ist aber nur eine Seite der Medaille. Die andere ist das Gefühl, in einer Gemeinschaft angekommen zu sein, in der man mit viel Vertrauen, Offenheit, Humor und praktischen Ratschlägen einander hilft. Ethnische und religiöse Zugehörigkeit sind schon lange in den Hintergrund getreten. Neugier auf die Andersartigkeit der Teilnehmerinnen, Respekt und Freude am Umgang stehen im Vordergrund. Es geht also: ein mikroskopisches Utopia, in dem Multikulturalität als Bereicherung erlebt wird, bis jetzt in einer Frauengruppe.

Auf dem Unterrichtsplan standen bislang neben Deutsch in Sprache und Schrift, Rechnen und EDV auch die Themen Gesundheit, Ernährung, Geschichte, Politik, Erdkunde, Medien, Erziehung, Kunst und Kultur.

Nach einer Anfangsphase, die von großer Zurückhaltung, Scheu und Vorsicht der Teilnehmerinnen geprägt war, ist im Laufe des Jahres eine Atmosphäre des Vertrauens entstanden. Geschichten aus Afrika wurden erzählt, Lieder gesungen, gekocht, gegessen, gefeiert, gelacht und geweint.

Das soziale Miteinander ist allen ein großes Bedürfnis. Das macht die Ferienzeit weniger attraktiv, denn in den Ferien hat die Volkshochschule geschlossen beziehungsweise ist nur für spezielle Veranstaltungen wie Bildungsurlaube geöffnet. Isolation, Diskriminierung, Krankheit und Trauma waren und sind Themen, die das Leben erschweren, aber auch familiäre Probleme spielen eine große Rolle, ebenso der gelassene und korrekte Umgang mit Behörden.

Schwierig wird es, wenn traditionsbedingte, kulturell verwurzelte Rollenbilder in Frage gestellt sind. Als Ehefrau und Mutter hundertprozentig zur Verfügung zu stehen, gilt unter Umständen als nicht hinterfragbare Lebensdimension. Das erschwert die Berufsplanung. Haushalt, Kindererziehung und Berufsleben werden von einigen Teilnehmerinnen als unvereinbar angesehen. Ein paar Stunden frühmorgens als Reinigungskraft, das mag noch gehen. Dass mehr gehen würde, klang für alle am Anfang nach ferner Zukunftsmusik.

Neues Handwerkszeug

Alle Teilnehmerinnen haben im vorigen Jahr, was die Sprache betrifft, viel dazugelernt. Ihr Wortschatz hat sich erheblich vergrößert, die Sprechhemmung ist verschwunden und vor allem in der Rechtschreibung haben die Damen viel mitgenommen. Hilfreich war auch die Online-Lernplattform „ich-will-deutsch-lernen“, zu der die Teilnehmerinnen schnell Zugang fanden. Auch im alltagsbezogenen Rechnen, im EDV-Bereich und im Erstellen von Bewerbungsmaterial haben sich die Teilnehmerinnen bewährt. In Office-Anwendungen wie E-Mail und Word verfügen sie jetzt über neues Handwerkszeug.

Im kommenden Jahr werden die Themen Biografie und neue Heimat zum Anlass, das gelernte Sprachwissen umzusetzen. Hierbei kommen unterschiedliche Medien zum Einsatz. Ein Buch, ein Video, eine Ausstellung mit Texten und Fotos – die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Als Einstieg wurde das Koch-Blog www.heimat-rezepte.de – ein Bildungsprojekt des Deutschen Volkshochschulverbandes intensiv genutzt. Und schließlich ist und bleibt es den Teilnehmerinnen wichtig, ihr Deutsch weiter zu verbessern.

Besonderes Highlight waren zwei Ausflüge, von denen einer nach Bonn ins Haus der Geschichte führte, der andere nach Aachen ins Couvenmuseum.

Offene Treffs

Der Plan der VHS Eschweiler ist nun, eine zweite Gruppe (MiLe II) für 2017/18 ins Leben zu rufen. Außerdem gibt es – wie immer – zwei Kurse ausschließlich für Deutsche (Deutsch als Erstsprache) mit großen Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben.

Erste offene Treffs für alle, die interessiert sind, finden statt am 20. und 21. Januar, jeweils ab 11 Uhr, in der VHS, Kaiserstraße 4a. Eine Anmeldung ist zwar nicht erforderlich, aber gern gesehen. Die Kursleiterin Susanne Lachnit freut sich darauf, neue Interessenten kennenzulernen.

Wer diese Termine verpasst hat, kann nach Voranmeldung montags um 15.30 Uhr oder freitags um 10.30 Uhr ein kostenloses Beratungs- und Einstufungsgespräch in Anspruch nehmen. Infos und Anmeldung: Telefon 02403/7027-0.

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