Viele Sprachen gleichzeitig lernen? Ja!

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Malgorzata Müller leitet den Fachbereich Sprachen bei der VHS. Foto: T. Röber
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Falls die deutsche Übersetzung mal fehlt, können Teilnehmer der Mehr-Sprachen-Kurse auch Italienisch, Spanisch, Türkisch und Griechisch lesen. Foto: Stock/Hoffmann

Eschweiler. Wer zum ersten Mal von den Mehr-Sprachen-Kursen an der Eschweiler Volkshochschule hört, schaut erstmal verdutzt drein. Sieben Sprachen gleichzeitig lernen? Oder sogar zehn? Geht doch gar nicht – sagen die meisten. Um zu testen, ob das doch funktioniert, hat unser Redakteur Tobias Röber vor einem Jahr einen Sieben-Sprachen-Kurs begonnen.

Anhand einiger Fragen, die auch die Leiterin des Fachbereichs Sprachen, Malgorzata Müller, beantwortet hat, gehen wir den Kursen einmal auf Grund.

 

Kann man sieben oder gar zehn Sprachen gleichzeitig lernen?

Müller: Das Langzeitgedächtnis hat unbegrenzten Speicher und behält Informationen, die dort ankommen, dauerhaft. Deshalb kann man viele Sprachen gleichzeitig lernen. In der Schule lernen wir auch parallel mehrere Sprachen und Sachen gleichzeitig. Der Schullernstoff wird in verschiedene Fächer aufgeteilt. Mit den Sprachen geschieht das Gleiche. Alles was gut sortiert und erklärt ist, lernen wir relativ einfach.

Röber: Ja. Komma. Aber. Ehrlich gesagt: Auch ich war skeptisch, aber nach einem Gespräch mit Malgorzata Müller, die fragte: „Warum, in der Schule lernt man doch auch mehrere Fächer gleichzeitig?“, habe ich mich zur Teilnahme entschlossen. Natürlich ist der Lernerfolg nicht so intensiv wie bei einer Sprache, aber es funktioniert. Wenn sich das Gehirn daran gewöhnt hat, gelingt es ganz gut, zwischen den Sprachen zu wechseln. Zudem gibt es zwischen einigen Sprachen Gemeinsamkeiten, die man gut nutzen kann.

Muss man irgendwelche Voraussetzungen mitbringen?

Müller: Unser Gehirn tut nichts lieber als lernen. Eigentlich ist das ein Organ zum Lernen. Durch das richtige Lernen kann man die eigene Sprachfähigkeit steigern. Wer eine Sprache als Fremdsprache gelernt hat und diese einigermaßen sprechen kann, ist für einen Mehr-Sprachen-Kurs qualifiziert.

Röber: Ein gewisses Talent für Sprachen sollte man schon haben. Nach einem Jahr stelle ich fest: Man muss auf jeden Fall die Bereitschaft mitbringen, auch zu Hause zu lernen. Nur die 90 Minuten einmal pro Woche reichen nicht aus.

Wie ist das Konzept angelegt?

Müller: Das Konzept baut auf dem Vorwissen auf. Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch – das sind Sprachen, die im deutschen Alltag präsent sind. Vieles kommt den Lernenden bekannt vor, denn es gibt viele Überschneidungen, vor allem im Wortschatz. Beim Lernen der Grammatik profitieren die Teilnehmer davon, dass viele Sprachstrukturen einander ähneln. Begonnen wird mit Lesen und Schreiben. Wer lesen kann, merkt sich die Wörter schneller.

Röber: In den ersten beiden Semestern geht es fast ausschließlich um die Aussprache, die Grammatik kommt ab dem 3. Semester hinzu. Ohne Grammatik ist es schwierig, korrekte Sätze zu bilden. Das wird sich aber sicherlich noch legen. Anfangs ist die Aussprache mitunter sehr schwierig, das legt sich jedoch nach kurzer Zeit. Dann fällt es auch leichter, sich die Vokabeln zu merken.

Was läuft anders als in der Schule?

Müller: Multilinguales Lernen als ein Teil der Mehrsprachigkeit bedeutet unter anderem verschiedene Lernstile und hat wenig mit Pauken für die Prüfung oder für die Note zu tun. Das langzeitige Behalten braucht Fantasie, Emotionen, Logik, Visualisierung, Assoziation, Transformation, Strategien etc. Hier geht es darum, dass die Teilnehmer die Sprachen stressfrei sprechen und anwenden lernen.

Röber: Der Kurs basiert nicht auf sturem Lernen der Vokabeln, wobei das auch dazu gehört und wichtig ist. Es gibt zudem kein festes Lehrbuch. Natürlich muss man auch viel in Eigeninitiative erledigen. Hausaufgaben gibt es zwar, aber sie sind anders als in der Schule nicht verpflichtend. Allerdings sind sie für den Lernerfolg von großer Bedeutung.

Kommt man bei so vielen Sprachen nicht durcheinander?

Müller: Zu den didaktischen Schwerpunkten gehören ab dem 1. Semester solche Strategien wie zum Beispiel die Sprachen mündlich und schriftlich trennen lernen und von einer Sprache in die andere problemlos wechseln können. Die Teilnehmer lernen, den Wortschatz im Kopf schnell zu finden und ihn entsprechend einzusetzen. Bei ähnlichen Sprachen werden unter anderem die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Bereich der Grammatik und des Vokabulars herausgestellt. Die Vokabeln der verschiedenen Sprachen nach Themen zu sortieren, ermöglicht Sprachen zielgerichtet und schneller zu erlernen.

Röber: Manchmal. Es gibt immer wieder mal Probleme bei der Aussprache und natürlich verwechselt man auch mal Sprachen. Allerdings lässt sich das Ganze doch recht gut trennen. Man erhält einen guten Überblick über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Sprachen.

Was müssen die Teilnehmer außerhalb der 90 Minuten Unterricht pro Woche tun?

Müller: Die multilingualen Kurse geben viele Inputs. Die Teilnehmer der Mehr-Sprachen-Kurse haben die Möglichkeit, unterschiedliche Sachen – je nach Lust und Laune – zu üben. Ein Beispiel: Sie können die Zahlen oder den Wortschatz auf unterschiedliche Art und Weise üben, indem sie vergleichen, unterscheiden, gruppieren, laut vorlesen, schreiben, rechnen, hören und nachsprechen etc. Es gibt keine direkten Hausaufgaben. Der Lernstoff wird im Unterricht gefestigt. Die übliche Hausaufgabe heißt in der Regel „mehrere Sprachen laut vorlesen“ und/oder „kurze Texte anhand der Übungsmaterialien schreiben“.

Röber: Schon einiges. Zumindest, wenn man im Kurs mithalten und auch wirklich etwas lernen will. Will heißen: Die Hausaufgaben (meistens Texte schreiben, laut lesen, Vokabeln lernen) sollten erledigt werden. Am besten lernt man jeden Tag ein wenig. Es gibt auch etwa die Möglichkeit, Radiosender in den Sprachen zu hören, Bücher in Spanisch & Co. zu lesen oder etwa mit Sprachenkalendern zu lernen. So kann jeder lernen, wie es ihm am besten gefällt.

Welche Sprachen sind die schwierigsten?

Müller: Man kann Arabisch gut sprechen, ohne dass man diese Sprache unbedingt schreiben muss. Prinzipiell kommt uns aber alles schwer vor, was wir vorher nicht gehört und/oder gelernt haben, denn in den Windungen des Gehirns können wir fast nichts finden. Wir lernen aber, das Wissen durch direkte und indirekte Hinweise, durch Zusatzinformationen sicher abzurufen und mit Hilfe verschiedener Lerntechniken anzuwenden. Dann ist die eine oder die andere Sprache für uns nicht mehr schwer. Zuerst aber müssen wir uns alle an das Fremde gewönnen. Daher jede Sprache ist schwierig, wenn wir kein Vorwissen besitzen.

Röber: Ganz klar die slawischen. Viele Wörter haben keinen Vokal, viele c‘s und z‘s am Stück machen das Lesen und das Lernen der Vokabeln schwer. Ähnlich verhält es sich mit dem Türkischen, vor allem, da die Satzstellung eine völlig andere ist. Auch das griechische Alphabet stellt eine Hürde dar.

Warum genau diese sieben/zehn Sprachen? Bzw. wären andere Sprachen besser/wünschenswert?

Müller: Die Teilnehmer dieser Kurse sollen die Möglichkeit haben, ihr Gehirn auf unterschiedliche Sprachfamilien zu trainieren. Sie sollen romanische, slawische, germanische und andere Sprachen kennenlernen und sprechen, natürlich wenn die eine oder andere Sprache ihnen gut gefällt. Man muss nicht jede Sprache lernen. Man bekommt aber einen Überblick. Dem Gehirn ist es auch wurscht, mit welchen Sprachen das Gedächtnis trainiert wird, die Hauptsache ist, es wird trainiert. Die Multiperspektive ist sowohl für den Sprachenerwerb und Mehrsprachigkeit als auch für das gemeinsame Miteinander in der Welt wichtig. Diese würde ich gerne um weitere Sprachen, z.B. Chinesisch, erweitern.

Röber: Die Sprachen sind sehr abwechslungsreich. Ich hätte mir für den Sieben-Sprachen-Kurs niederländisch gewünscht, ansonsten ist die Wahl gelungen, da man Einblicke in die verschiedenen Sprachfamilien erhält.

Was können die Teilnehmer nach einem Jahr?

Müller: Jeder von uns lernt anders. Diejenigen, die schon mal eine andere Fremdsprache sprechen, haben eine gewisse Übung, die Sätze zu formulieren, frei zu sprechen. Daher ist es schwierig zu sagen, alle Teilnehmer haben dasselbe Lernniveau und zwar in allen Sprachen erreicht! Das ist nicht möglich, denn Lernen bedeutet verstehen, verarbeiten, speichern, abrufen. Und das geschieht zeitlich bei jedem anders. Aber alle Teilnehmer können nach 52 Unterrichtsstunden in sieben bis zehn Sprachen in diesen Sprachen lesen, schreiben, kurze Fragen stellen, kurze Antworten geben, die ersten Sätze bilden und in Zusammenhängen erzählen, die Zahlen und gesprochene Sätze verstehen, kurze Texte übersetzen. Einige Teilnehmer schreiben selbst die ersten Texte in verschiedenen Sprachen.

Röber: In allen Sprachen beherrscht man nach einem Jahr grundlegende Vokabeln sowie die Zahlen, und Texte können größtenteils unfallfrei gelesen werden. Frei sprechen fällt den meisten noch recht schwer. Sich und sein Leben mit wenigen Worten vorstellen, ein Zimmer in einem Hotel reservieren und ein Abendessen bestellen, ist – rein theoretisch – auch jetzt schon möglich.

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