VHS-Kurs: Zehn Sprachen lernen? Ja klar!

Von: Tobias Röber
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Agnes Matern (rechts) hat viel Spaß am Sprachenkurs. Sehr zur Freude von Malgorzata Müller. Foto: Tobias Röber

Eschweiler. Wenn Agnes Matern in diesen Tagen Familie und Freunden ein frohes neues Jahr wünscht, hat sie eine große Auswahl an sprachlichen Möglichkeiten. „Buon Anno!“ könnte sie ebenso sagen wie „Feliz Año Nuevo!“ und „Gelukkig nieuwjaar!“ Also die Wünsche auf italienisch, portugiesisch oder wahlweise niederländisch überbringen. Warum kann sie das? Weil sie eine der Teilnehmerinnen des Zehn-Sprachen-Kurses an der Eschweiler Volkshochschule ist.

Zehn Sprachen auf einmal lernen? Ja! In der Indestadt ist das möglich, und das einzigartige Projekt hat bereits Aufmerksamkeit in Deutschland und einigen europäischen Ländern geweckt. Italienisch, Spanisch, Niederländisch, Neugriechisch, Portugiesisch, Russisch, Türkisch, Tschechisch, Arabisch und Polnisch stehen auf dem Lehrplan. Seit rund 18 Monaten lernt Agnes Matern diese Sprachen voller Eifer. Und das im Alter von inzwischen 85 Jahren.

Agnes Matern ist waschechte Indestädterin. 1928 in Eschweiler geboren, wuchs sie als eines von sechs Kindern auf, wurde 1935 eingeschult und kam 1939 aufs Gymnasium. Ihr Abitur machte sie 1949 am städtischen naturwissenschaftlichen Gymnasium. Ihr großer Berufswunsch war Lehrerin.

Da in der Nachkriegszeit vorzugsweise die aus dem Krieg zurückkehrenden Soldaten einen Studienplatz bekamen, besuchte Agnes Matern zunächst ein Dolmetscherseminar für Wirtschafts- und Handels-Englisch mit dem Ziel der Auslandskorrespondentin. Sprachen spielten in Agnes Materns Leben also schon immer eine wichtige Rolle.

Neben dem Dolmetscherseminar lernte sie neun Jahre Englisch in der Schule, dazu zwei Jahren französisch und vier Jahre Latein. Nach einem Russlandbesuch vertiefte sie Schrift und Sprache des Landes fünf Jahre lang an der VHS. Den gewünschten Studienplatz an der Pädagogischen Hochschule in Aachen bekam sie dann doch noch, und nach abgeschlossenem Studium arbeitete sie 30 Jahre als Lehrerin an der Grundschule in Pumpe-Stich.

„Wie soll das gehen?“

Auch nach der Pensionierung blieb die dreifache Mutter wissbegierig. Den Zehn-Sprachen-Kurs entdeckte sie in unserer Zeitung, sie meldete sich an und ist bis heute dabei. Als sie in ihrem Bekanntenkreis davon erzählte, schlug ihr viel Skepsis entgegen. „Wie soll das gehen?“ oder „Das ist doch unmöglich“ waren nur einige der Kommentare.

Malgorzata Müller kennt diese Argumente nur zu gut. Sie ist bei der VHS für den Bereich Sprachen zuständig. Eines ihrer Steckenpferde: Multilinguales Lernen. Im Jahr 2010 fiel an der Eschweiler VHS die Entscheidung dazu. Mehrsprachigkeit werde immer wichtiger und die VHS sollte mit diesem neuen Format gestärkt werden, erklärt Malgorzata Müller etwaigen Kritikern.

„Sprachen sind die Töchter der Demokratie“, sagt sie. Verständigung, Integration und Bildung seien ohne Sprache nicht möglich. Da in Eschweiler Menschen aus über 100 Nationen leben, biete diese Vielfalt auch etwa neue Zielgruppen für die VHS. Das Konzept scheint aufzugehen. Die Kurse sind gut besucht, und sie haben bereits viel Aufmerksamkeit auf Eschweiler gelenkt.

Wie funktioniert der Unterricht? Einmal wöchentlich werden die zehn Sprachen gepaukt. Im ersten Semester werden 150 Wörter pro Sprache und alle Zahlen gelernt, im zweiten Semester finden erste Unterhaltungen statt, der Wortschatz wird erweitert und die Grammatik eingeführt. Bis hin zum sechsten Semester wird das mit und mit vertieft. Reines Vokabeln pauken wie in der Schule? Fehlanzeige!

Die Sprachen trennen lernen, von einer Sprachen problemlos in die andere wechseln können, Geschichten erzählen, die richtige Grammatik anwenden – all das lernen die Teilnehmer mit zahlreichen Übungen, Gruppenarbeiten und Lernspielen. Die Landeskunde spielt im Unterricht ebenfalls eine große Rolle.

Es werden nicht alle zehn Sprachen sofort ab dem ersten Termin eingeführt, sondern mit und mit während des Semesters. Neben dem Zehn-Sprachen-Kurs gibt es weitere multilinguale Angebote, etwa Zwei- und Drei-Sprachen-Kurse. Im kommenden Semester, das Anfang Februar startet, gibt es auch einen neuen Sieben-Sprachen-Kurs.

Interesse aus Nordafrika

Die Resonanz kann sich sehen lassen. Bei einem internationalen Kongress in Sevilla wurde des Konzept bereits vorgestellt, Hochschulen aus Europa und Nordafrika haben Interesse gezeigt. Auch die VHS in Frankfurt am Main, die eine der größten in der Bundesrepublik ist, hat sich das multilinguale Lernen in Eschweiler schon genau angesehen. Es gibt noch einige weitere Einladungen, denen die Mitarbeiter der Eschweiler VHS jedoch nicht folgen können.

An den Universitäten in Dortmund und Warschau werden derzeit sogar Magisterarbeiten über dieses Thema geschrieben. Auf der Internetplattform Youtube findet man sogar einen 40-minütigen Film über den Zehn-Sprachen-Kurs der Eschweiler VHS.

Zurück zu Agnes Matern. Sie musste sich damals nicht nur viele skeptische Kommentare von Freunden anhören, sie selbst wusste auch zunächst nicht, was sie erwartet. „Es muss einen anderen Zugang zu den Sprachen geben“, sagte sie sich vor rund zwei Jahren. Die Neugier siegte, und Agnes Matern wurde nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Im dritten Semester sagt sie jetzt: „Das Erlernen von ‚nur‘ einer Sprache ist wesentlich mühsamer, und es freut mich, dass ich mit 85 Jahren mithalten kann.“

Malgorzata Müller, die selbst über zehn Sprachen spricht, und etliche der Stunden auch selbst hält, legt Wert darauf, dass ihre Schüler zuerst auf den Klang der Sprache Acht geben. Das heißt: gut zuhören und immer wieder laut lesen, lesen, lesen.

Auch im Kurs gibt es immer wieder skeptische Blicke. So waren sich einige zunächst nicht sicher, ob sie denn auch slawische Sprachen „einfach mal so“ lernen können. „Man hat ja weniger Zugang zum Slawischen“, sagt Agnes Matern. Gleiches gelte auch fürs Türkische. Der eine oder die andere fragte sich gar: „Müssen wir das machen?“ Und was sagen die 85-Jährige und ihre Mitstreiter nun? „Das ist aber schön!“ So schön, dass im kommenden Semester sogar Kroatisch als neue Sprache auf dem Lehrplan auftaucht.

Sprache baut Barrieren ab.

Warum sollte man an den mehrsprachigen Kursen der VHS teilnehmen? „Sprache baut Barrieren ab“, sagt Malgorzata Müller und ergänzt: „Europa lebt von der Vielfalt.“ Es werde versucht, Englisch als Amtssprache durchzusetzen und verhindern könne man das nicht. Aber, so warnt die Leiterin des Fachbereichs Sprachen, gingen mit und mit die Vielfalt und die Kultur verloren.

Agnes Matern freut sich auf das neue Semester. Angst vor der Grammatik hat sie nicht. Warum auch...

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