Verein „Helft Tschernobyl-Kindern” sorgt nicht nur für gesundes Essen

Von: Rudolf Müller
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Strahlender Träger des EuropÀ
Strahlender Träger des Europäischen Sozialpreises 2012: Otto Stöcker (links, mit Ehefrau Martina). Rechts der Vorsitzende des mit ausgezeichneten Eupener Partnervereins „Eine Hand für Tschernobyl-Kinder”, Joachim Bosch, neben Sozialpreis-Geschäftsführerin Annelene Adolphs und -Präsident Peter Schöner. Foto: Rudolf Müller

Eschweiler. „Dass heutzutage in Europa ein solches Engagement überhaupt nötig ist, ist eigentlich eine Schande!” Damit hat Hilde Scheidt, Bürgermeisterin der Stadt Aachen, zweifellos Recht: Auch heute noch, 26 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, haben dort Abertausende von Menschen, darunter ungezählte Kinder, unter den Folgen zu leiden.

Belastete Luft, verstrahlte Erde, ungesundes Essen. Armut, Verzweiflung, übermäßiger Alkoholkonsum und keine Aussicht auf Besserung - das sind die Lebensumstände der Menschen in der vom radioaktiven Niederschlag besonders betroffenen Region um die 10 000-Einwohner-Kreisstadt Uljanovo, 300 Kilometer südwestlich von Moskau.

Dass es Vereine wie „Helft den Tschernobyl-Kindern” mit Sitz in Alsdorf und „Eine Hand für Tschernobyl-Kinder” in Eupen gibt, ist eine unschätzbare Hilfe für die Betroffenen in ihrem jahrzehntelangen Überlebenskampf. Seit Jahren sorgen die beiden Vereine, geleitet von Otto Stöcker auf deutscher und Joachim Bosch auf belgischer Seite, dafür, dass Sommer für Sommer hunderte Kinder ihrer verseuchten Heimat für vier Wochen den Rücken kehren und hier, in der Euregio, bei Gasteltern unbeschwerte Ferien in gesunder Umgebung mit gesunder Ernährung erleben können. 3780 Kinder haben davon bisher profitiert, haben hier ihr Immunsystem und ihre Psyche gestärkt.

„Großer Bahnhof” im Ratssaal

Und nicht nur das: Die Vereine sorgten auch dafür, dass inzwischen 23 Konvois nach Uljanovo fuhren, um dort Schulen, Kinder- und Altenheime mit Jahresvorräten gesunder Konserven auszustatten. Zu 715.000 Kilo von hier angelieferten Hilfsgütern kamen fast 100.000 Tonnen in Russland gekaufte Lebensmittel, die sicherstellen, dass in den Schulen der Region jedes Kind täglich eine gesunde Mahlzeit erhält. Finanziert wird das alles durch Spenden und ehrenamtliches Engagement. Insgesamt wurden so rund 1,2 Millionen Euro aufgebracht.

Seit 2004 zählen der Alsdorfer Otto Stöcker und seine Frau Martina zu den Menschen, die immer wieder Kindern aus Uljanovo ein Zuhause auf Zeit bieten. Seit 2007 ist er Vorsitzender des Vereins. Jetzt wurde er für sein Engagement ausgezeichnet: Am Mittwoch erhielt er im Ratssaal der Stadt Eschweiler den Europäischen Sozialpreis. Einen Preis von Bürgern für Bürger, die die Welt durch ihren ehrenamtlichen Einsatz ein Stück besser machen.

Restlos gefüllt war der Saal, mehr als 180 geladene Gäste aus dem In- und Ausland, darunter Vertreter aus 20 nordrhein-westfälischen Kommunen waren gekommen, um Stöcker zu würdigen., von dessen Arbeit Sozialpreis-Präsident Peter Schöner, wie er berichtete, erst aus dieser Zeitung erfahren hatte. Grußworte kamen von Eschweilers Stellvertretender Bürgermeister Helen Weidenhaupt, von ihrer Aachener Kollegin Hilde Scheidt sowie vom Alsdorfer Sozial- und Jugenddezernten Stefan Spaltner, die sich völlig einig waren: Die Auszeichnung hätte keinen Besseren treffen können als Otto Stöcker. Dies unterstrich auch Gertrud Wollschläger-Dulle, Richterin am Amtsgericht Eschweiler, die die Arbeit Otto Stöckers sehr gut kennt und als Laudatorin die Leistungen der beiden Vereine hervorhob, denen die Auszeichnung gleichermaßen gilt.

Noch immer finden die Helfer, die regelmäßig nach Uljanovo fahren und dann dort bei den Eltern „ihrer” Kinder wohnen, Verhältnisse vor, die es kaum sonst wo in Europa gibt: Vier- und mehrköpfige Familien teilen sich mit ihren Gästen ihr verfallendes 30-qm-Häuschen. Fließendes Wasser gibts bei weitem nicht überall, die Toiletten finden sich im Garten. Doch die Dankbarkeit der Kinder, die verschüchtert in Deutschland ankommen und wenige Wochen später aufgeblüht und wie ausgewechselt seien, sei ebenso wie die ihrer Eltern riesengroß.

„Viele werden fragen, warum machst du das? Das lohnt sich doch gar nicht! Ziel des Europäischen Sozialpreises ist es, andere Vorstellungen in unseren Mitmenschen anzustoßen, die von mehr Menschlichkeit und Solidarität für den anderen geprägt sind. Denn erschreckend oft trifft man im Alltag auf Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit”, betonte die Laudatorin. Dabei könne der Gedanke der Solidarität und Menschlichkeit überall gelebt werden. „Wir sollten nicht vorschnell sagen: Ja, was kann ich denn schon erreichen?! Auch im Kleinen können wir Großes bewirken.”

Immer wieder unterbrochen wurde die Festveranstaltung durch musikalische Beiträge. So sorgte die Sopranistin Annette Royé mit Kenneth Dureya am Flügel ebenso für Begeisterungsstürme wie das junge Duo Dinah Kox (Gesang) und Yannick Skubs (Gitarre) von der Realschule Patternhof und - wie stets zu guter Letzt - der Chor der Donnerberger Siedlergemeinschaft unter der Leitung von Gerda Fiedler mit deutschsprachiger Chorliteratur bis hin zum Europalied „Der Freundschaft Band” und der Europahymne.

Zuvor hatte die Aachener Europa-Parlamentarierin Sabine Verheyen (CDU) an diesem Tag der deutschen Einheit ein eindringliches Plädoyer für ein geeintes Europa gehalten. „Wir brauchen mehr Lust auf Europa anstatt allen verständlichen Verdrusses über die Finanzkrise. Die Leute haben teilweise vergessen, wie das Leben ohne geeintes Europa ausgesehen hat. „Ein Blick in andere Gegenden dieser Welt lässt die Errungenschaften Europas wieder im richtigen Licht erscheinen. Heute ist Solidarität gefragt. Diese Gemeinschaft ist es wert, dafür zu kämpfen!”
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