Verein „Helft den Tschernobyl-Kindern“: Urlaub ohne Sorgen

Von: Sonja Essers
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Ab in die Fluten: Simone Hampe, Vorsitzende des Eschweiler Tauchclubs, Übungsleiter Markus Düppengießer, Tauchlehrer René Brandt und die Gasteltern Frank und Irina Wildanger (v.l.) haben das Schnuppertauchen für die Zwillinge organisiert. Marina (l.) und Oxana hatten dabei sichtlich Spaß. Foto: Sonja Essers
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Aufgetaucht: Oxana verliert dank Tauchlehrer René Brandt schnell die Scheu vor dem Wasser.

Eschweiler. Ein Schwimmbad kennen Marina und Oxana nicht. „Dort wo sie herkommen, gibt es so etwas nicht“, erklärt Irina Wildanger, die Gastmutter der neunjährigen Zwillinge. Neugierig beobachten die Mädchen, was um sie herum geschieht und da gibt es einiges zu sehen. Flaschen gefüllt mit Pressluft, Taucherbrillen und Schwimmflossen sind für die Mädchen Neuland.

Aber nicht nur das Innere des Hallenbades an der Jahnstraße ist für die beiden Neunjährigen etwas Besonderes, sondern auch die Umgebung. Immer wieder werfen sie einen Blick aus den großen Fenstern des Schwimmbades.

Marina und Oxana stammen aus Kasjanovo, einem kleinen Dorf in Russland, rund 600 Kilometer von der Hauptstadt Moskau entfernt. Die Mädchen sind Vollwaisen und in Kasjanovo bereits bei der zweiten Pflegefamilie untergebracht. In Eschweiler sind sie seit dem 2. Juni. Vier Wochen bleiben die neunjährigen Zwillinge bei Irina Wildanger und ihrem Mann Frank.

Radioaktiver Niederschlag

Während ihres Aufenthaltes in Eschweiler lernen Marina und Oxana viele neue Dinge kennen. Möglich macht das der Verein „Helft den Tschernobyl-Kindern“.

Im Jahr 1991 wurde der Verein „Eine Hand für Tschernobyl-Kinder VoG“ im belgischen Eupen gegründet, 1992 wurde der Verein „Helft den Tschernobyl-Kindern“ mit Sitz in Alsdorf gegründet. Beide Vereine verfolgen das gleiche Ziel: den strahlenbelasteten Kindern von Uljanovo zu helfen. In jedem Sommer wird rund 100 bedürftigen Kindern ein vierwöchiger Erholungsurlaub im Raum Aachen und Eupen ermöglicht.

Der Bezirk Uljanovo ist ein Landkreis in Russland, in dem auch das Dorf Kasjanovo liegt. Speziell dort ging der radioaktive Niederschlag nach dem Reaktorunfall 1986 nieder. Zusätzlich zur Armut haben die Menschen gesundheitliche Schäden erlitten. Auch heute noch leben sie in verstrahlter Umgebung und ernähren sich von Produkten ihrer verseuchten Gärten und Felder. Der Urlaub in Deutschland tut daher sehr gut. Auf der Vereinshomepage heißt es: „Diese vier Wochen gesunde Luft und gesunde Ernährung helfen dem Immunsystem und der Psyche der Kinder nachweislich. Sehr oft entwickeln sich regelrechte Freundschaften über die Zeit des Urlaubes hinaus.“

Im Januar dieses Jahres wird Irina Wildanger im Internet auf eine Anzeige des in Alsdorf ansässigen Vereins aufmerksam, in der Gasteltern gesucht werden. Daraufhin meldet sie sich bei dem Verein, der sich das Zuhause der Wildangers dann genau ansieht. „Wir hatten genug Zeit und haben uns deshalb dafür entschieden, die Mädchen bei uns aufzunehmen“, sagt Wildanger. Als die wildangers von den Schicksalen der Kinder erfuhren, die vom Alsdorfer Verein betreut werden, war ihnen ziemlich schnell klar, dass sie dort helfen wollen. „Zuerst hatte ich Angst, dass zwei Kinder zu viel sind, aber es klappt ganz gut“, ergänzt sie.

Irina Wildanger selbst stammt aus Lettland und spricht mit den Mädchen Russisch. Deutschland kennen die Zwillinge schon. 2011 und 2012 sind sie bei einer Gastfamilie in der Eifel untergebracht. Da ihre Gastmutter jedoch verstirbt, suchen die Mädchen eine neue Unterkunft.

Diese finden sie bei Irina und Frank Wildanger, und dort fühlen sie sich jetzt sichtlich wohl. „Sie interessieren sich sehr für Tiere, malen gern und spielen gern auf dem Spielplatz“, sagt Irina Wildanger. Den Mädchen gefalle es sehr gut, und auch Heimweh haben sie bisher nicht gehabt, so Wildanger weiter. Dafür bleibt bei dem abwechslungsreichen Programm des Vereins und der Familie Wildanger auch gar keine Zeit. Viele Ausflüge stehen an, etwa in das Phantasialand, den Tierpark und zum Indemann, bis hin zum Schnuppertauchkurs im Hallenbad an der Jahnstraße.

Zu Beginn sind Marina und Oxana dort sehr nervös, schließlich können beide nicht schwimmen. Aber sie lassen sich auf das Abenteuer ein. Auch für die Mitglieder des Eschweiler Tauchclubs ist es eine Premiere. „Wir bieten das Schnuppertauchen zwar öfter an. Kinder und Jugendliche aus anderen Ländern hatten wir aber noch nie zu Gast“, erzählt Simone Hampe, Vorsitzende des Tauchclubs. Als Tauchclub-Mitglied und Gastvater Frank Wildanger mit der Idee auf sie zukommt, ist sie jedoch begeistert.

An diesem Abend sollen die Mädchen erfahren, wie es sich anfühlt, unter Wasser zu atmen, und sie sollen das Gefühl von Schwerelosigkeit erleben. Dass die beiden eine andere Sprache sprechen, ist dabei zweitrangig. „Unter Wasser kann man sowieso nicht reden“, meint Hampe und lacht. Außerdem kann man sich ja auch mit Händen und Füßen verständigen.

Oxana überwindet die Angst

Bevor es jedoch richtig losgehen kann, müssen zunächst einmal Schwimmflossen und Taucherbrillen in den richtigen Größen gefunden werden. Dies ist kein leichtes Unterfangen, da die beiden Mädchen sehr kleine Füße haben und sehr zierlich sind. Obwohl sie noch nicht so genau wissen, was auf sie zukommt, macht sich ein Lächeln auf ihren Gesichtern breit.

Dann geht es in die Schwimmhalle. Tauchlehrer René Brandt und Übungsleiter Markus Düppengießer weisen die Zwillinge zunächst in die Theorie ein. Sie erklären den Mädchen, wie der Druckausgleich unter Wasser funktioniert und wie man mit einem Pressluftgerät umgehen muss. Gastmutter Irina Wildanger übersetzt alles ins Russische. Das Dolmetschen erleichtert Brandt und Düppengießer die Arbeit natürlich sehr. Die beiden Mitglieder des Eschweiler Tauchclubs kümmern sich gemeinsam mit Hampe sowie den Wildangers um die Mädchen und versuchen, ihnen die Angst vor dem Wasser zu nehmen.

Trotz gutem Zureden ihrer Gastmutter trauen sich die Zwillinge noch nicht so recht ins kühle Nass. „Sie haben noch etwas Angst, da sie nicht schwimmen können“, sagt Wildanger.

Oxana überwindet schließlich ihre Angst und taucht mit dem Gesicht ins Wasser ein. Geschützt durch die Taucherbrille und ausgestattet mit einem Pressluftgerät macht sie zunächst das Schwimmer- und später auch das Nichtschwimmerbecken unsicher. Mit ihrem Mut begeistert die Neunjährige vor allem Tauchlehrer René Brandt, der im Wasser nicht von ihrer Seite weicht. Für ihn ist das Tauchen mit den Zwillingen eine willkommene Abwechslung. „Es ist toll zu sehen, wie sie langsam ihre Scheu verlieren“, meint er. „Ab und zu hat Oxana zwar Wasser in ihre Taucherbrille bekommen, jedoch hat sie im Großen und Ganzen keine Probleme gehabt.“

Auch Marina wird mit der Zeit etwas mutiger, kann sich jedoch nicht dazu überwinden mit dem Gesicht ins Wasser einzutauchen. Doch das ändert sich, sobald sie im Nichtschwimmerbecken ist. Vorsichtig taucht sie ihr Gesicht in das Wasser ein und schaut immer wieder begeistert zu ihrer Zwillingsschwester hinüber. „Die beiden Mädchen waren zwar vorige Woche schon einmal mit meiner Schwiegermutter hier, aber das Tauchen ist für sie eine ganz neue Erfahrung“, sagt Wildanger.

Die Scheu verloren

Ihre Scheu haben die Mädchen verloren. Sie kichern aufgeweckt und stecken mit ihrer Fröhlichkeit auch die Erwachsenen an. „Es hat ihnen wirklich sehr gut gefallen“, resümiert Wildanger. Nach rund einer Stunde im Wasser ist es dann schon wieder vorbei.

Dieser Abend wird allen Beteiligten wohl noch lange im Gedächtnis bleiben. Vor allem Marina und Oxana, die am 30. Juni wieder zurück nach Kasjanovo fahren.

Irina und Frank Wildanger würden gerne im kommenden Jahr wieder Kinder aus der Region Uljanovo aufnehmen und sehr gerne auch Marina und Oxana. Die Zwillinge haben sicher nichts dagegen.

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